ISLAM: «Radikalisierung bereitet mir Sorgen»

Petrit Alimi ist Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL). Im Gespräch zeigt er sich entsetzt über die Terroranschläge in Brüssel. Und er fordert Massnahmen, um die Integration der Muslime zu fördern.

Interview Benno Bühlmann
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Petrit Alimi in der Moschee Barmherzigkeit an der Baselstrasse in Luzern. (Bild Boris Bürgisser)

Petrit Alimi in der Moschee Barmherzigkeit an der Baselstrasse in Luzern. (Bild Boris Bürgisser)

Interview Benno Bühlmann

Petrit Alimi, vor wenigen Tagen haben in Brüssel zwei neue Terroranschläge, die auf das Konto des Islamischen Staates (IS) gehen, unzählige Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Was haben diese Nachrichten bei Ihnen persönlich ausgelöst?

Petrit Alimi: Die Anschläge in Brüssel haben mich zutiefst betroffen gemacht und entsetzt. Als Präsident der IGL verurteile ich diesen unislamischen Wahnsinn aufs Schärfste. Die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen in Europa und in der Schweiz bereitet mir derzeit grosse Sorgen. Es ist vor allem die sektiererische Ideologie, die der selbsternannte Islamische Staat mit modernen Mitteln der Cyber-Propaganda weltweit verbreitet. Damit stärkt er in der Öffentlichkeit den medialen Generalverdacht gegen alle Muslime und die Verunglimpfung der heiligen Symbole des Islams, was in Europa und in der Schweiz wiederum die Islamo­phobie von Seiten der Rechtspopulisten schürt und eine strukturelle Diskriminierung einer religiösen Minderheit zur Folge hat.

Wie ist es denn möglich, dass islamistische Terroristen mit Berufung auf den Koran an verschiedenen Orten dieser Welt auf brutalste Weise unschuldige Menschen töten?

Alimi: Solche Terrorakte haben nichts mit dem Islam zu tun. Denn Attentate und Selbstmordattentate sind nicht aus dem Koran zu legitimieren. Im Gegenteil: Der Koran verbietet ausdrücklich, unschuldige Menschen zu töten, egal ob sie gläubige oder ungläubige Menschen sind, Muslime oder Nichtmuslime.

Wie gehen Sie damit um, dass muslimische Gläubige derzeit häufig unter Generalverdacht gestellt werden?

Alimi: Die aktuelle Situation ist sehr schwierig für uns. Denn schon seit vielen Jahren bemüht sich der Vorstand der Islamischen Gemeinde Luzern mit grossem Engagement und ernsthaften Dialogen darum, Vorurteile, Misstrauen und Angst in der Bevölkerung abzubauen. Diese Arbeit wird von uns allen ehrenamtlich geleistet und nimmt sehr viel Energie in Anspruch. Da kommen wir aus personellen und finanziellen Gründen an unsere Grenzen.

Im Kanton Luzern leben rund 17 000 Muslime. Warum gibt es nicht mehr Leute, die sich in der regionalen Dachorganisation engagieren?

Alimi: Die Gründe sind vielfältig. Zum einen sind der öffentliche Druck und die Erwartungen der Gesellschaft gegenüber den Muslimen so gross, dass sich unter den aktuellen Umständen nur wenige Personen für diese schwierige Aufgabe zur Verfügung stellen wollen. Hinzu kommt, dass von den insgesamt 17 000 Muslimen im Kanton Luzern unter dem Jahr erfahrungsgemäss nur etwa 20 bis 30 Prozent der muslimischen Gläubigen in den Moscheen präsent sind.

Es fällt auf, dass heute im Vorstand der Islamischen Gemeinde Luzern die Frauen in der Mehrheit sind. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Alimi: Tatsächlich haben seit 2001 die Frauen mit ihrem grossen Engagement im islamischen Frauenverein im Kanton Luzern Pionierarbeit geleistet. Es ist ihnen auch gelungen, im Dialog mit der katholischen und reformierten Kirche in Luzern eine gute Vertrauensbasis aufzubauen, die für die Integration der Muslime im Kanton Luzern sehr wertvoll ist. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass heute drei Frauen und zwei Männer im IGL-Vorstand mitwirken.

Damit wird die verbreitete Meinung, wonach Frauen im Islam nichts zu sagen haben, nicht bestätigt.

Alimi: Nein, es handelt sich dabei um eines der vielen Vorurteile über den Islam. Frauen und Männer sind im Islam gleichwertig. Gerade die Frauen, die wir aus dem Umkreis des Propheten Mohammed kennen, waren stets selbstbewusste, mutige und starke Frauen. Historisch lässt sich zeigen, dass sich im arabischen Raum die Stellung der Frauen mit der Entstehung des Islams deutlich verbessert hat. Der Koran selber gibt uns keinen Grund, Frauen zu unterdrücken oder gar zu erniedrigen.

Eine der grossen Herausforderungen der Islamischen Gemeinde Luzern besteht wohl darin, die unterschiedlichen Interessen der sieben Moschee-Vereine in Luzern, Emmenbrücke, Ebikon und Kriens unter einen Hut zu bringen.

Alimi: Zweifellos ist der innermuslimische Dialog eine wichtige Aufgabe der IGL. Es geht einerseits darum, die muslimische Vielfalt zu pflegen und zu stärken. Gleichzeitig ist unser Dachverband der offizielle Ansprechpartner für die Öffentlichkeit, Behörden und Kirchen. Das ist eine grosse Herausforderung für uns, denn wir sind in vielen Bereichen eingeschränkt und schwach. Wir haben kein eigenes Sekretariat, und es fehlt uns an finanziellen und personellen Ressourcen. Alles entwickelt sich auf freiwilliger Basis.

Die Luzerner Moscheen sind immer noch stark nach Herkunftsländern organisiert: Die einzelnen Kulturvereine sind in erster Linie auf eine bosnische, albanische, türkische oder nordafrikanische Klientel ausgerichtet und organisieren sich in so genannten Hinterhof-Moscheen.

Alimi: Natürlich ist die aktuelle Situation mit den Hinterhof-Moscheen äusserst unbefriedigend, denn gerade darin zeigt sich die gesellschaftliche Isolation und Marginalisierung der Muslime sehr deutlich. Allein für die Miete der Räumlichkeiten müssen die sechs Moscheevereine jährlich rund 300 000 Franken bezahlen. Das ist für uns sehr viel Geld, das uns an jeder Ecke fehlt.

Vor einigen Jahren hatten Sie sich für die Idee einer supranationalen Moschee starkgemacht, in der in deutscher Sprache gepredigt werden soll. Haben Sie das Projekt auf Eis gelegt?

Alimi: Nein, überhaupt nicht. Ich habe selber in der Moschee des Kulturvereins Barmherzigkeit an der Baselstrasse von 2007 bis 2011 in deutscher Sprache gepredigt. Das wurde von jungen Leuten aus verschiedenen Kulturkreisen sehr begrüsst. Vor sechs Jahren waren wir schon sehr nahe daran, das Konzept einer supranationalen Moschee in Luzern zu verwirklichen. Doch leider hat der Luzerner Stadtrat 2010 unser Gesuch abgelehnt und dem IGL mitgeteilt, dass die Stadt Luzern im Moment nicht in der Lage sei, dafür einen geeigneten Platz zur Verfügung zu stellen.

Gibt es denn konkrete Ideen, wo Ihr Projekt realisiert werden könnte?

Alimi: Eine Machbarkeitsstudie hatte ergeben, dass im Eichwäldli in der Luzerner Allmend ein geeigneter Platz vorhanden wäre. Dieser Platz ist immer noch frei, aber es fehlt die Bereitschaft, das Land an uns abzutreten. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder Bemühungen unternommen, um in der Öffentlichkeit Vertrauen zu schaffen und auf ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen in Luzern hinzuwirken. Bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten klopfen wir immer wieder an die Türen von Immobilienanbietern. Sobald sie aber hören, dass wir uns in der Islamischen Gemeinde Luzern engagieren, möchten sie nichts mehr von uns wissen.

Eine öffentlich-rechtliche Anerkennung der muslimischen Glaubensgemeinschaft wäre sicher von Vorteil, damit die IGL die gesteckten Ziele besser umsetzen könnte. Sehen Sie Möglichkeiten, dass sich in Zukunft etwas in diese Richtung bewegen könnte?

Alimi: Eine öffentlich-rechtliche Anerkennung der muslimischen Gemeinschaft wäre theoretisch möglich. Ich habe aber den Eindruck, dass der politische Wille dazu im Kanton Luzern fehlt. Wir sind aber trotzdem daran, in einer Grundsatzvereinbarung festzuhalten, dass wir Luzerner Muslime die demokratische Rechtsordnung und die Bundesverfassung der Schweiz vollumfänglich anerkennen und einen Weg finden wollen, wie wir an der bestehenden Rechtsordnung partizipieren können. Mitte April findet eine Sitzung statt, an der Vertreter von politischen Behörden und Integrationsstellen, christlichen Kirchen wie auch Leuten vom Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität dabei sein und verschiedene Anliegen der IGL gemeinsam erörtern werden. Nach wie vor habe ich die Hoffnung, dass wir Wege finden, um die Integration der Muslime zu fördern und Räume zu schaffen, wo Muslime ihren Glauben auf würdige Weise praktizieren können.

Experten: Luzerner Muslime sollen sich aktiver integrieren  

Seit rund 100 Tagen ist Petrit Alimi Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL). In seinem Amt möchte er die Integration der Luzerner Muslime weiter vorantreiben (siehe Interview oben). Unter anderem sei der «innermuslimische Diskurs» eine wichtige Aufgabe. 

Alimis Ziel, innerhalb der Vereinigung einen Diskurs aufzubauen, ist laut Experten zentral. Die Verständigung zwischen den sieben Mitgliedervereinen der IGL müsse noch verbessert werden, sagt Andreas Tunger vom Zentrum Religionsforschung der Universität Luzern. Da sich die Vereine nach den Herkunftskulturen unterscheiden, bestünden Barrieren bei der Verständigung. «Hier ist viel Übersetzungsarbeit im übertragenen Sinne zu leisten», schlägt der Islamwissenschaftler deshalb vor. 

Es braucht Gesichter

Zudem müsse die IGL als Dachverband ihre Mitgliedervereine nicht nur koordinieren, sondern könne sie auch ermutigen, in ihrem nahen Umfeld oder in den Gemeinden Projekte mit anderen Organisationen oder Personen anzugehen, so Tunger. Mit anderen Worten: Ein Ziel der IGL könnte es sein, der eigenen Religion via ihre Mitglieder noch mehr konkrete Gesichter zu verleihen.  

Laut Valentina Smajli, Vizepräsidentin vom Forum für einen fortschrittlichen Islam und Mitglied Integrationskommission Stadt Luzern, sollte die IGL aktiver werden. «Als politisch interessierte Bürgerin nehme ich die IGL in der Öffentlichkeit kaum wahr. Muslime sollen sich zusammen mit der Mehrheitsgesellschaft vermehrt in öffentliche Diskussionen einbringen», so Smajli. Gerade bei Attentaten, die im Namen des Islams verübt würden, reiche es nicht aus, wenn diese von der IGL nur moralisch verurteilt würden. 

Klare Haltung gefordert

Der Dachverband nehme dann eine zu passive Rolle ein, so Smajli. «Es braucht innerhalb der Verbände und unter Muslimen eine breit abgestützte Grundsatzdiskussion und die klare Botschaft: Die Machenschaften von Extremisten und Terroristen sind mit dem Islam nicht in Einklang zu bringen, und wir kämpfen aktiv dagegen an.»

Nehme die IGL unter Petrit Alimi trotz den beschränkten personellen und finanziellen Ressourcen künftig eine aktivere Rolle ein, könne gemäss den Experten auch ein Ziel von Alimi erreicht werden: das derzeit angekratzte Image des Islams in der Öffentlichkeit zu verbessern und allfällige Berührungsängste oder Vorurteile abzubauen. Andreas Tunger: «Die Aktivitäten zu koordinieren, sollte auch in diesem Bereich die Strategie der IGL sein.» Diese dürfe laut Valentina Smajli auch durchaus kritisch sein. Denn: «In den meisten Islamverbänden kennt man keine Kritikkultur.» Aus diesem Zustand müsse man «rauskommen und sich weiterentwickeln», so Smajli.