Interview

20 Jahre Architekturverlag Quart: Das sind die baulichen Höhepunkte in der Stadt Luzern

Der Luzerner Architekturbuchverleger Heinz Wirz beantwortet Fragen zu Schönheit und Emotionen in der Architektur – und er spricht über bauliche Höhepunkte, aber auch schlecht gelöste Übergänge in der Stadt Luzern.

Hugo Bischof
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Ein «starkes städtisches Ensemble» laut Heinz Wirz im Luzerner Stadtzentrum: Migros-Gebäude (links), Schweizerhof (hinten) und Matthäuskirche (rechts). (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Ein «starkes städtisches Ensemble» laut Heinz Wirz im Luzerner Stadtzentrum: Migros-Gebäude (links), Schweizerhof (hinten) und Matthäuskirche (rechts). (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Heinz Wirz hat vor 20 Jahren in Luzern den Quart-Verlag gegründet. Dieser beschäftigt sich in seinen Büchern vor allem mit zeitgenössischer Schweizer Architektur. Wir stellten Heinz Wirz Fragen zum Wesen von Architektur, aber auch zu aktuellen architektonischen und städtebaulichen Themen in der Stadt Luzern.

Ist Architektur mehr als nur ein Mittel zum Zweck?

Heinz Wirz: Seit der Mensch sich Behausungen baut, hat er nicht nur das Bedürfnis, die Behausungen zweckdienlich zu erbauen, sondern er hat seit je auch danach gestrebt, diese mit einer gewissen «Schönheit» und Perfektion auszustatten. Das Bauen ist für ihn immer eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Deshalb zählt die Architektur zu den Bildenden Künsten.

«Schönheit» ist relativ. Wer bestimmt, was an den Bauten um uns herum «schön» ist?

Was als Schönheit empfunden wird, ist individuell verschieden. In allen Epochen seit der griechischen und römischen Zeit haben Philosophen, Künstler und Architekten versucht, Kategorien und Kriterien zur Schönheit zu finden und zu definieren. In neuerer Zeit tun dies auch die Psychologie und die Philosophie der Ästhetik. Der italienische Renaissancearchitekt Andrea Palladio hat es so formuliert: Schön sei, «was angenehm ins Auge fällt.» Das heiss etwa, was nicht irritiert, was ebenmässig ist und wo alle Teile ausgewogen sind, und kein Teil zu viel und kein Teil zu wenig ist.

Wir sind von Architektur umgeben, von Häusern, gestalteten Räumen. Und doch nehmen wir sie nur selten bewusst wahr. Warum?

Um die einzelnen Bauten, ihre Formen, ihren Ausdruck, ihre Bedeutung, ihre Einbettung in der Architekturgeschichte wahrzunehmen, brauchen wir das Interesse und ein gewisses Sensorium dafür. Wichtige Aspekte der Architektur sind auch die Aussenräume, die Stadträume, die Übergänge zu Grünanlagen und zur Landschaft, die durch die Bauten gebildet werden. Diese Räume werden von den meisten Menschen bewusst oder unbewusst wahrgenommen. Sie begleiten die Menschen in ihrem täglichen Leben, sie vermögen Emotionen, Stimmungen auszulösen.

Welche Art von Emotionen?

Alle Arten von Emotionen. Alle ihre Varianten und Schattierungen sind immer auch mit dem Ort verbunden, an dem sich der Mensch aufhält. So sind auch Erinnerungen an Emotionen zumeist eng mit dem Ort verbunden. Der Ort, die Umgebung bereichert – in welcher Ausrichtung auch immer – die Emotionen des Menschen.

Im Konzertsaal ist man «gezwungen», der Musik ein bis zwei Stunden lang zuzuhören. Vor einem Gebäude bleibt man kurz stehen und geht dann rasch weiter – ausser es ist die Kathedrale Notre-Dame.

Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen der von der Anschauung geprägten Wahrnehmung der Architektur und der Erfahrung von Musik, die oft erst durch ein intensives Zuhören erfolgt.

Die Rathaustreppe. Der Rathausplatz ist einer von Hein Wirz' Lieblingsorten in Luzern, da er die italienische Renaissance verkörpere. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Die Rathaustreppe. Der Rathausplatz ist einer von Hein Wirz' Lieblingsorten in Luzern, da er die italienische Renaissance verkörpere. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Was kann man tun, um den Blick der Bevölkerung für die Architektur zu schärfen?

Wir müssen das Sensorium und das Interesse dafür wecken und erlernen. Es gilt ein Wissen um die grundlegenden Aufgaben, die Lösungsansätze und die Bedeutungen in der Architektur verstehen zu lernen. Das könnte man bereits in der Primarschule und in der Oberstufe fördern.

Sie fordern ein Schulfach Architektur?

Es soll nicht ein Schulfach Architektur eingeführt werden. Aber im Rahmen von Fächern wie «Natur, Mensch, Gesellschaft» oder «Gestalten» könnte man Grundwissen über die Architektur vermitteln. Auch die Bücher über Architektur in unserem Verlag dienen diesem Zweck. Sie erklären die Architektur, sie dienen der Auseinandersetzung mit der Architektur und dem Austausch zwischen den Fachleuten und der Bevölkerung.

Wann wird Architektur interessant auch für ein breiteres Publikum?

Die Architektur soll nicht nur interessant sein. Sie soll den Menschen bewegen, in ihm, wie gesagt, Emotionen wecken, sein Leben bereichern und anregend sein. So gesehen, ist jede Architektur – auch für ein grösseres Publikum – immer interessant und wertvoll.

Ist die Stadt Luzern architektonisch von besonderem Interesse?

Die Stadt Luzern ist eine aussergewöhnlich vielfältige und interessante Stadt. In ihr widerspiegelt sich die gesamte Architekturgeschichte seit dem Mittelalter. Zu jeder Epoche gibt es hier Bauwerke. Wir finden in der Stadt Luzern aber auch unglaublich vielfältige Aussenräume, Stadträume, dichte Plätze, verwinkelte Gassen, Übergangsräume zum Fluss- und zum Seeraum.

Was ist Ihr Lieblingsgebäude in der Stadt Luzern? Und warum?

Ein Lieblingsgebäude zu nennen, fällt mir schwer. Ich liebe vor allem die Stadträume, etwa den kompakten Rathausplatz mit dem Rathaus, das auf wunderbare Art die italienische Renaissance verkörpert. Dann die verwinkelten Gassen, die vom Platz wegführen, wie etwa die Furrengasse, die neben dem Rathaus beginnt, die Rathaustreppe, die in die Tiefe führt und einen Raum nur aus Treppe und Gebäudewänden bildet.

Die Furrengasse ist ein weiterer von Heinz Wirz’ Lieblingsorten. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Die Furrengasse ist ein weiterer von Heinz Wirz’ Lieblingsorten. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Was sind weitere interessante Gebäude in der Stadt Luzern?

Die Jesuitenkirche mit ihrem majestätischen barocken Innenraum, die Hofkirche mit ihrem Umfeld, die hoch über der Stadt auf einem Felssporn liegt und zur Hauptsache zwei Epochen, die Gotik und die Renaissance, vereint. Weiter etwa das Felsbergschulhaus mit seinem parkähnlichen Umfeld, das sehr schön den architektonischen Geist der 1940er- Jahre widerspiegelt.

Gibt es auch neuere Bauten in Luzern, die herausragend sind?

Ja. Zum Beispiel das 2005 erstellte Gebäude der Kaufmännischen Schule, das selbstbewusst neben der Hofkirche thront und auf das dreischiffige Kirchenmodell sinnbildlich anspielt. Oder das neue Migros-Gebäude aus den 1990er-Jahren an der Hertensteinstrasse, das zusammen mit der Matthäuskirche und dem Hotel Schweizerhof ein starkes städtisches Ensemble bildet.

Die Hofkirche (rechts) mit dem Gebäude der Kaufmännischen Schule. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Die Hofkirche (rechts) mit dem Gebäude der Kaufmännischen Schule. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 25. September 2019)

Was sagen Sie zum KKL?

Ich bin stolz, dass wir dieses Gebäude in Luzern haben, obwohl dafür ein wertvolles Gebäude der 1930er-Jahre, das 1933 fertiggestellte Kunsthaus von Armin Meili, geopfert werden musste. Das KKL ist nicht nur Weltarchitektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts, es bildet einen einzigartig stimmungsvollen öffentlichen Raum unter dem weit ausladenden Dach.

Für eine breitere Öffentlichkeit interessant wird Architektur häufig erst, wenn es um umstrittene Gebäude geht, aktuell etwa die Bodum-Villen an der Obergrundstrasse und das Gewerbegebäude an der Tribschenstrasse.

Diese drei Bauten sind in der öffentlichen Diskussion, weil sich die Eigentümer gegen die Unterschutzstellung wehren. Die Bodum-Villen verkörpern einen wertvollen Teil der Luzerner Stadtentwicklung Ende des 19. Jahrhunderts, und das Gewerbegebäude an der Tribschenstrasse ist ein einmaliger Zeuge des «Neuen Bauens» der 1930er-Jahre in Luzern. Beide sollten meines Erachtens für unsere Nachfolgegenerationen erhalten werden, weil sie wichtige Zeugen der Luzerner Architekturgeschichte sind.

Es gibt auch Räume in der Stadt Luzern, die alles andere als attraktiv sind. Ich denke an das linke Seeufer zwischen KKL und Werft. Wie könnte man dieses aufwerten?

Die meisten Städte wie Luzern sind über Jahrhunderte gewachsene Stadtanlagen. Dabei ist unvermeidlich, dass Brüche, Ungereimtheiten, schlecht gelöste Übergänge entstehen, die oft schwer zu reparieren sind. Stadtplaner, Architekten und die Stadtregierung sind hier gefordert.

Die Werftstrasse zwischen KKL und Werft. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 30. September 2019)

Die Werftstrasse zwischen KKL und Werft. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 30. September 2019)

Gibt es andere Orte in der Stadt Luzern, die architektonisch, städtebaulich nicht befriedigen?

Ein städtebaulich ungelöstes Problem stellt zum Beispiel – seit der Zuführung der Autobahnausfahrt – der Kasernenplatz dar.

Der Kasernenplatz in Luzern – ein «städtebaulich ungelöstes Problem». (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 30. September 2019)

Der Kasernenplatz in Luzern – ein «städtebaulich ungelöstes Problem». (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 30. September 2019)

Was müsste hier geschehen?

Dieser Platz ist wie ein Gordischer Knoten, der scheinbar schwer zu lösen ist, der irgendeinmal mit einer genialen Idee durchtrennt werden muss. Ich erinnere mich, dass 2002 beim Wettbewerb zu einem Universitätsgebäude am Kasernenplatz bereits vielversprechende Lösungsansätze abgeliefert wurden, die diesen städtebaulichen Mangel ausgebessert hätten.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.

Internationales Renommee

2019 feiert der auf Architektur spezialisierte Quart Verlag in Luzern sein 20-jähriges Bestehen. Er wurde 1999 von Heinz Wirz und seiner Frau Anna Maria Kupper Wirz gegründet. Seither sind über 260 Buchtitel erschienen. Herzstück des Verlags ist die Buchreihe «De aedibus». Sie dokumentiert und reflektiert zeitgenössische Schweizer Architektur. Weitere Reihen widmen sich dem ausländischen Schaffen, der Nachwuchsarchitektur sowie Städtebau und der Architekturlehre. Wesentlich geprägt wird das Verlagsprogramm durch gewichtige Monografien renommierter Architekten im In- und Ausland wie etwa Bearth & Deplazes, Gion A. Caminada, Valerio Olgiati, Peter Märkli, Miroslav Šik, Sergison Bates und durch schwergewichtige thematische Ausgaben wie etwa über den Zürcher Wohnungsbau, die analoge altneue Architektur des Lehrstuhles Miroslav Šik oder über drei Häuser von Kazuo Shinohara.
Viele Bücher erscheinen im Quart-Format – deshalb der Name des Verlags. Quart ist ein traditionelles Format für Hefte und Bücher, das aus der optimalen Ausnützung des alten Papierformats entstand. Beim Quart wird der Papierbogen zweimal gefaltet und bildet somit vier Blätter (acht Seiten pro Bogen). Der Quart Verlag ist in den zwanzig Jahren seines Bestehens stetig gewachsen. Heute zählt er zu den wichtigsten Architekturbuchverlagen Europas. Er hat seinen Vertrieb auch in den USA intensiviert. «Seit 2006 und 2008 sind auch unsere Tochter Antonia Chavez-Wirz und unser Sohn Linus Wirz wichtige Partner im Verlag, sodass für die Nachfolge gesorgt ist», sagt Heinz Wirz.
Heinz Wirz wurde 1950 in Luzern geboren. Er erlangte sein Architekturdiplom an der ETH Zürich und führte von 1981 bis 1998 ein eigenes Architekturbüro in Luzern. Er war bis 1998 auch Mitglied des Leitungsteams der Architekturgalerie Luzern.

Hinweis: www.quart.ch