IT: Computerfirmen schielen nach Luzern

Snowden beschleunigt den Trend: Die Schweiz entwickelt sich zum sicheren Hafen für Computerdaten. Jede fünfte Anfrage bei der Luzerner Wirtschaftsförderung kommt bereits aus der IT-Branche.

Rainer Rickenbach
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Wo sind Daten noch sicher? Viele ausländischen Firmen suchen Zuflucht für ihre Daten in der Schweiz. (Bild: Keystone)

Wo sind Daten noch sicher? Viele ausländischen Firmen suchen Zuflucht für ihre Daten in der Schweiz. (Bild: Keystone)

Der deutsche Geschäftsmann liess im Gespräch mit Bison-Chef Rudolf Fehlmann keine Zweifel offen, wohin die Reise geht: Wenn sich der deutsche Staat heute schon an den Rand der Legalität wage, um an Steuerdaten zu kommen, werde er in ein paar Jahren auch keine Hemmungen kennen, sich Zugang zu virtuell gebunkerten Informationstechnologie-Dokumenten zu verschaffen.

Die spektakulären Enthüllungen in den letzten Wochen über die Abhör- und Mitlesepraktiken von Geheimdiensten in den USA, Grossbritannien und Frankreich dürften ihn in seiner Einschätzung bestärken (siehe Kasten). Nicht nur Konzerne, sondern selbst KMU mit guten Ideen treibt spätestens seit Snowdens Einblick in die Mechanismen der Schnüffeldienste die bange Frage um: Wie sicher sind unsere vertraulichen Computerdaten noch?

Internationales Interesse an Luzern

Green.ch ist nicht die einzige Firma, die sich in Luzern und Umgebung nach einem Standort für ein Rechenzentrum oder eine ähnliche Anlage umsieht. «Wir stehen auch in Kontakt mit je einem indisch-amerikanischen und einem britisch-amerikanischen Konzern. Sie suchen ebenfalls Datencenter-Standorte in der Schweiz», sagt auf Anfrage Walter Stalder, Direktor der Luzerner Wirtschaftsförderung. Um ein Haar hätte sich auch Swift in Sempach niedergelassen, doch die Manager des grössten Schweizer Bankdaten-Verwalters entschieden sich dann für einen Standort im Thurgau.

Stalder: «Für Luzern sind die Datencenter-Betreiber interessante Ansiedler. Sie fügen sich in die ohnehin stark wachsende IT-Branche der Region ein, schaffen gut qualifizierte Arbeitsplätze und sind gut fürs Prestige des Wirtschaftsstandortes.» Überhaupt die IT-Branche: Jede fünfte Anfrage bei der Wirtschaftsförderung kommt inzwischen aus diesem Wirtschaftszweig. Mit der Bison-Gruppe (Sursee), mit Oppacc (Kriens), Sage (Root), Leuchter (Luzern) oder BBV (Luzern) haben gleich mehrere Software-Entwickler in der Region stolze Wachstumszahlen vorzuweisen. Stalder: «Die Hochleistungsinfrastruktur mit Glasfasernetz und die sichere Energieversorgung machen Luzern für IT-Firmen interessant.»

In der Schweiz hat Green.ch die Marktlücke mit der sicheren Datenlagerung als eines der ersten Unternehmen entdeckt. Das Unternehmen betreibt erfolgreich grosse Rechenzentren, in denen ihre Kunden Unmengen von Dateien parkieren. Nebst der Sicherheit geht es den Kunden auch darum, im eigenen Haus Speicherplatz zu schonen. Bei Green.ch häufen sich inzwischen die Anfragen aus dem Ausland. Der Luzerner Firmenchef Franz Grüter sagt: «Sie haben Vertrauen in unsere Rechtssicherheit.» Der IT-Dienstleister ist weit über die Landesgrenzen hinaus präsent und betreibt für seine über 100 000 Kunden vier Rechenzentren in der Schweiz. Hotels für Computerdaten, wie sie Grüter bezeichnet. Das nächste Rechenzentrum soll im Kanton Luzern entstehen.

Schwierige Standortsuche

Vor allem Luzerns respektable wirtschaftliche Entwicklung spricht gemäss Grüter – er wohnt in Eich, ist Präsident der kantonalen SVP, und seine Firma sponsert den FC Luzern – für ein Rechenzentrum in der Innerschweiz. «Es gibt verschiedene Interessenten, die ihre Kundschaft davon abhängig machen, ob wir in ihrer Nähe ein Rechenzentrum bauen. Bisher existiert in der Region noch nichts in dieser Art», sagt Grüter. Es seien vorab grosse Versicherungen, die sich bei ihm gemeldet haben.

Knifflige Standort-Anforderungen

Es dürfte freilich noch drei Jahre dauern, bis das erste Innerschweizer «Daten-Hotel» in Betrieb ist, denn die Standort-Anforderungen sind knifflig. Es muss auf der grünen Wiese zu stehen kommen, es braucht mit Umschwung 4000 bis 4500 Quadratmeter Platz und liegt wegen der Provider idealerweise in der Nähe einer Autobahn oder eines Zuggleises. Wegen allfälliger Unfallgefahren darf es handkehrum aber nicht zu nahe an den Hauptverkehrsströmen zu stehen kommen. Zudem muss es sicher vor Überschwemmungen sein. Die Stromversorgung ist von zentraler Bedeutung, Rechenzentren haben einen sehr hohen Stromverbrauch. Grüter: «Die Daten sind für unsere Kunden von existenzieller Bedeutung. Sie erwarten ein Höchstmass an Sicherheit.» Er rechnet mit Investitionskosten von 25 bis 30 Millionen Franken und 30 bis 40 Arbeitsplätze für das neue Rechen­zentrum.