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JAZZ IN WILLISAU: Alt geworden und jung geblieben

Vor 50 Jahren ist in Willisau das erste Jazzkonzert über die Bühne gegangen. «Jazz in Willisau» wurde zu einer international bekannten Marke. Was hat Willisau so besonders gemacht?
Pirmin Bossart
Das erste Free-Jazz Konzert am 13. Februar 1968: Das Pierre Favre Trio mit Irène Schweizer (Piano), Pierre Favre (Drums) und Jiri Mráz (Bass). (Bild Josef Schaller)

Das erste Free-Jazz Konzert am 13. Februar 1968: Das Pierre Favre Trio mit Irène Schweizer (Piano), Pierre Favre (Drums) und Jiri Mráz (Bass). (Bild Josef Schaller)

Pirmin Bossart

Der Schreibende war 13 oder 14 Jahre alt und besuchte die Mittelschule Willis­au, als «Jazz Willisau» unweigerlich in sein Wahrnehmungsfeld rückte. Von den Scheunenwänden und Garagentoren im Luzerner Hinterland leuchteten die Jazzplakate mit ihren knalligen Farben und Motiven und kündeten Konzerte im «Kreuz» oder später im «Mohren» an. 1972 fanden einzelne Konzerte in der Aula der Mittelschule statt, so etwa das erste Solokonzert von Chick Corea oder Keith Jarrett mit seinem Trio. Der Rock-Enthusiast entdeckte eine neue Welt der Klänge.

Damals veranstaltete Niklaus «Knox» Troxler bereits seit sechs Jahren mehr und weniger regelmässig Jazz- und Blues­konzerte. Er war ein begeisterter Rock- und Jazzhörer, der schon früh Jazzplatten kaufte und ab und zu ein Konzert im «Africana» in Zürich besuchte. Am 16. Juli 1966 organisierte er mit seinen Pfadi-Kollegen von der Roverrotte im Kreuz in Willisau sein erstes Jazzkonzert: Auf der Bühne standen The Swinghouse Six aus Zürich, in der sein Cou-Cousin Saxofon spielte. Das war noch klassisch-traditioneller Jazz. Nicht die Musik, für die Willisau bald berühmt wurde.

Kein Purismus

Das erste Free-Jazz-Konzert fand am 13. Februar 1968 mit dem Pierre Favre Trio (Irène Schweizer, Jiri Mráz) statt. Es folgte noch ein kurzes Wechselspiel aus Blues oder Free-Jazz-Abenden, dann setzte Troxler voll auf die zeitgenössisch-avantgardistische Schiene. Dessen ungeachtet war kein Purismus angesagt, wie sich Troxler erinnert: «Nach den sehr radikalen Free-Jazz-Konzerten verschoben wir uns jeweils in ein ‹Roverlokal›. Das war ein ausrangiertes altes Bauernhaus, wo wir weitertranken und zur Musik von Frank Zappa, Janis Joplin, Ten Years After, Jefferson Airplane oder The Flock tanzten. Auch die Free-Jazz-Musiker waren meistens dabei und hatten ihren Spass.»

Nobs verteilte Flyer

Sehr früh nahm Troxler musikalisch das Heft in die eigenen Hände und veranstaltete, was ihm gefiel. Das wurde zu seinem Markenzeichen und zu seinem Erfolg. Bald wurde er organisatorisch von seinem Bruder Walter unterstützt und dann vor allem auch von seiner Frau Ems, die er 1970 an einem Konzert mit John Tchicai, Irène Schweizer und Pierre Favre kennen lernte. Als Troxler dank Kontakten zum (ECM-)Produzenten Manfred Eicher Chick Corea und Keith Jarrett nach Willisau brachte, führte das zu einer «unglaublichen Resonanz in Presse und Radio». Jetzt wurden die Konzerte auch im Schweizer Radio übertragen. «Damals kam auch Claude Nobs nach Willisau und verteilte Flyer für sein Montreux Festival!»

Säle berstend voll

In den frühen 1970er-Jahren begann Jazz in Willisau abzuheben. 1972 fanden 12 Konzerte statt, dann wurden es 14 oder 15 pro Jahr. Die Säle im «Kreuz» oder «Mohren» waren nicht selten zum Bersten voll. Das Publikum, das aus der ganzen Schweiz und aus dem benachbarten Ausland anreiste, sass an langen Tischen, zwischen denen das Servierpersonal herumdüste und ab und zu von erpichten Zuhörern (lange Haare, runde Brille, Glas Rotwein vor sich) mit einem «Pschscht!» zu weniger Gläserklirren ermahnt wurde.

Was für ein Anziehungspunkt Jazz in Willisau in dieser Zeit war, mag folgende Erinnerung verdeutlichen: An einem Konzertabend stand der Schreibende, der sechs Kilometer von Willisau entfernt wohnte, jeweils an die Strasse und machte Autostopp. Das war auch noch 20 Minuten vor Konzertbeginn möglich. Schon nach wenigen Minuten sass er in einem Auto mit BS-, AG- oder SO-Kennzeichen. Die Jünger erkannten sich, alle hatten das gleiche Ziel. The Trio, Chris Mc Gregor’s Brotherhood of Breath, Keith Jarrett, OM, Ornette Coleman, Garbarek, Osborne, Schlippenbach!

Niklaus Troxlers Vorlieben waren die (afro-)amerikanische Avantgarde, von der Great Black Music bis zur späteren Lower-East-Side-Szene um John Zorn und Konsorten. Dann auch zeitgenössischer europäischer Jazz, vor allem aus England, Deutschland oder Frankreich. Früh brachte Troxler Musiker aus verschiedenen Kulturen und Kontinenten nach Willisau und öffnete so ein Fenster für die World-Music, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Mit dem ersten Jazz Festival Willisau ging der Boom in eine neue Runde, mit noch mehr Publikum, aber musikalisch nicht weniger konsequent. Das Festival ist geblieben. Ende August 2016 findet es zum 42. Mal statt.

Regionale Träger

Ab den 1990er-Jahren gingen die Besucherzahlen am Festival zurück, und auch die jährlichen Konzerte dünnten am Ende bis auf ein paar Dutzend Enthusiasten aus. Willisau war längst nicht mehr der einzige Ort, an dem Jazzkonzerte über die Bühne gingen. Auch an­dere Festivals machten Konkurrenz und wurden mehr und mehr zu Events mit Sponsorenanlässen. Dass sich Troxler dieser Tendenz verweigerte, spricht für seine Musikleidenschaft, hatte aber auch zur Folge, dass die «Marke» Willisau für nationale PR-Investoren weniger interes­sant wurde. Dafür sorgten und sorgen die regionale KMU-Landschaft und der Gönnerclub des Jazz Clan Willisau dafür, dass zumindest ein finanzielles Fundament gelegt wird, um die Kontinuität zu wahren.

2009 übergab Niklaus Troxler die Leitung an seinen Neffen Arno Troxler, der das Festival mit einer jüngeren Crew weiterführt. Ohne die Linie zur Willisau-Tradition zu brechen, setzt er doch neue und oft überraschende Akzente. Das Fes­tival ist kleiner als in den Anfangsjahren geworden, aber es ist musikalisch offen und interessant geblieben und hat auch mit dem veränderten Ambiente einen neuen Charme entwickelt. Demnächst in Willisau!

Oben: Keith Jarrett Quintett (2. November 1973); unten: The Swinghouse Six (16. Juli 1966). (Bilder Andreas Raggenbass/Kalan)

Oben: Keith Jarrett Quintett (2. November 1973); unten: The Swinghouse Six (16. Juli 1966). (Bilder Andreas Raggenbass/Kalan)

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