Eine neue Statistik zeigt: Jede 13. Person im Kanton Luzern ist arm

Lustat Statistik Luzern hat die Finanzsituation der Haushalte untersucht. Der Kanton trifft nun zusätzliche Massnahmen zur Armutsbekämpfung und -prävention.

Livia Fischer
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Dem Grossteil der Luzernerinnen und Luzerner geht es finanziell gut. 7,5 Prozent der Bevölkerung lebt allerdings in Armut.

Dem Grossteil der Luzernerinnen und Luzerner geht es finanziell gut. 7,5 Prozent der Bevölkerung lebt allerdings in Armut.

Christian Beutler / KEYSTONE

47900 Franken – so viel Geld steht den Luzerner Haushalten im Schnitt frei zur Verfügung. Das heisst: Nach Abzug der obligatorischen Ausgaben wie etwa Sozialversicherungen und Steuern oder von Wohnkosten. Das totale durchschnittliche Haushaltseinkommen beträgt 93100 Franken. Die Zahlen beziehen sich auf das jüngste analysierte Datenjahr 2016, und entstammen einer Auswertung des Lustat Statistik Luzern. Sie zeigen: Das Einkommen der Luzerner Haushalte nimmt zu. So betrug das Durchschnittshaushaltseinkommen der Luzernerinnen und Luzerner vor zehn Jahren etwa 87700Franken – sechs Prozent weniger als 2016.

«Man muss sich allerdings bewusst sein, dass sich die Haushalte sehr stark voneinander unterscheiden», betonte der Lustat-Direktor Norbert Riesen, als er die Ergebnisse gestern an einer Medienkonferenz vorstellte. Neben dem Alter – am meisten Einkommen haben Personen zwischen 45 und 54 Jahren – spielt auch die Haushaltszusammensetzung eine Rolle: Also wie viele Personen überhaupt zum Einkommen beitragen. So generieren Paarhaushalte mit 120'000 bis 130'000 Franken das grössere Einkommen als zum Beispiel Alleinerziehende, welche knapp über 80'000 Franken und Alleinlebende, welche über rund 60'000 Franken verfügen.

Über 13650 Menschen leben in verdeckter Armut

Obwohl das durchschnittliche Haushaltseinkommen über die Jahre gestiegen ist, nahm die Armutsquote im gleichen Zeitraum um 0,1 Prozent zu. So waren vor vier Jahren 7,5 Prozent der Luzerner Bevölkerung von Armut betroffen, was 29'300 Personen entspricht. Als arm gilt in der Schweiz, wer die notwendigen Ressourcen für die Lebenshaltung nicht selbst aufbringen kann beziehungsweise wenn das Haushaltseinkommen nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge und der Steuern unter dem sozialen Existenzminimum liegt. Laut der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe benötigt ein Einpersonenhaushalt zur Sicherung des sozialen Existenzminimums beispielsweise pro Jahr ein frei verfügbares Einkommen von knapp 12'000 Franken.

Hierzulande entrichtet der Staat jedoch verschiedene Sozialleistungen wie etwa die wirtschaftliche Sozialhilfe, Ergänzungsleistungen zu AHV/IV, Alimentenbevorschussungen, die individuelle Prämienverbilligung zur obligatorischen Krankenversicherung sowie Ausbildungsbeiträge. Dank dieser Sozialleistungen konnten vier Prozent der Luzerner Armutsbetroffenen die Armutsgrenze überschreiten. Die restlichen 3,5 Prozent entsprechen der sogenannten «verdeckten Armut». Bedeutet: Das sind jene Personen, die ihren Anspruch auf Sozialleistungen nicht oder nur unzureichend geltend machen oder jene, die keinen Anspruch darauf haben. Trotz der steigenden Armutsquote konnte dieser Wert im Vergleich zu 2010 um 0,2 Prozent verringert werden.

Kanton setzt auf Bildung und Arbeitsvermittlung

Nachdem Riesen die Ergebnisse (hier gibt es die wichtigsten Infografiken dazu) vorgestellt hatte, übernahm Regierungsrat Guido Graf das Wort. Der Sozialvorsteher warnt:

«Grundsätzlich ist es erfreulich, dass sowohl das Einkommen als auch das Vermögen der Luzerner Haushalte angestiegen sind. Der Wohlstand ist aber ungleich verteilt, nicht alle profitieren gleich.»

Die Aufgabe der Luzerner Regierung sei es darum, den Wohlstand zu fördern und gleichzeitig die Armutsquote, die vor dem Bezug von Sozialleistungen immerhin gestiegen ist, langfristig zu senken.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Kanton bereits erste Massnahmen getroffen. Der Grundsatz, den der Kanton verfolgt, um Armut vorzubeugen oder zu bekämpfen: «Bildung vor Arbeit vor Sozialhilfe.» Zu den Anstrengungen im Bildungsbereich gehören etwa die Frühkindliche Bildung, die Betreuung und Erziehung oder die erst kürzlich eingeführten Bildungsgutscheine zur Förderung der Grundkompetenzen bei Erwachsenen.

Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf.

Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf.

«Unzureichende Grundkompetenzen führen beispielsweise oft zu mangelnder Ausbildung, womit wiederum das Armutsrisiko steigt», begründet Graf. Gezielte Massnahmen werden auch im Bereich der Arbeitsvermittlung umgesetzt. Weil ein Grossteil der Menschen, welche Sozialhilfe beziehen, arbeitslos ist, setzt der Kanton auf die Jobberatung von Jugendlichen sowie die Unterstützung von Stellensuchenden, die etwa aufgrund des Alters schwer vermittelbar sind.

Doch selbst wenn die Massnahmen greifen, ist Graf überzeugt:

«Wir müssen davon ausgehen, dass aufgrund der Coronapandemie kurz- und mittelfristig mehr Luzernerinnen und Luzerner Angst um ihren Arbeitsplatz haben werden. Sorgen, die ernst zu nehmen sind. Schliesslich hat sich schon jetzt die Arbeitslosigkeit erhöht.»

Aktuell seien knapp 9300 Personen auf Stellensuche; vor einem Jahr waren es rund 6500. «Wir gehen davon aus, dass wir im November 2021 bis zu 12000 Menschen in Luzern ohne Arbeit haben werden», ergänzt Graf. Betroffen seien insbesondere Junge, die häufig in instabilen Arbeitsverhältnissen arbeiteten und kurzfristig kündbar seien. Darum komme nicht nur der Aufgabe der Arbeitsvermittlung ein hoher Stellenwert zu, auch die Wirtschaftsförderung sei wichtig. «Je mehr Unternehmen hier ansiedeln, desto mehr regionale Arbeitsplätze gibt es», macht Graf die einfache Rechnung.