Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

JENISCHE: Jenische: «Ich bin im eigenen Land diskriminiert»

Sandra Gerzner nimmt an der Protestaktion in Kriens teil. Die Forderung nach mehr Plätzen für Fahrende bestimmt ihren Alltag – ebenso wie der Unterricht ihrer Kinder.
Niels Jost
Sandra Gerzner beim Schulunterricht mit ihren Kindern Samuel und Amélie vor ihrem Wohnwagen. (Bild Pius Amrein)

Sandra Gerzner beim Schulunterricht mit ihren Kindern Samuel und Amélie vor ihrem Wohnwagen. (Bild Pius Amrein)

Niels Jost

Ein «normales» Leben könne sie sich durchaus vorstellen. In einer Wohnung habe sie auch schon gewohnt – und Steuern, Krankenkassenprämien oder eben auch die Miete für die Standplätze zahle sie ohnehin. Ändern würde sich also nicht viel, sagt Sandra Gerzner (39). Nur etwas, dafür Grundsätzliches, würde ihr damit fehlen: Die Essenz ihres Lebens, ihrer Kultur der Jenischen. «Ich muss draussen sein, brauche die Freiheit, die mir meine nomadische Lebensweise ermöglicht», so Gerzner.

Wir treffen die zweifache Mutter bei ihrem Wohnwagen auf dem Kiesplatz in Kriens. Dort, neben dem Schlund-Kreisel, haben sich seit gut einer Woche rund 400 Jenische einquartiert (Ausgabe vom 19. April). Sie können dort vorübergehend bis Donnerstag dieser Woche bleiben; danach wird das Areal für die bald startende Luzerner Erlebnismesse Luzern gebraucht.

Kritik an Organisationen

Wir wollen wissen, wie man sich das Leben als Jenische vorstellen muss. Gerzner lacht: «Ganz normal – müssten wir nicht um unsere Rechte kämpfen.» Die Forderung nach Durchgangsplätzen steht sogleich im Vordergrund. Ein Thema, das während des ganzen Gesprächs immer wieder aufflammt. Es brennt der 39-Jährigen auf der Zunge: «Ich nehme meine Pflichten als Schweizer Bürgerin wahr, unsere Rechte nimmt man aber nicht wahr. Ich kann nicht dort wohnen, wo ich will. Da fühlt man sich diskriminiert – im eigenen Land.»

Auf Anfrage unserer Zeitung heisst es beim Kanton, dass man zusammen mit dem regionalen Gemeindeverband Luzern Plus «rasch eine geeignete Lösung zu finden» versucht. Gerzner sagt dazu: «Das kennen wir bereits: Man schiebt unsere Anliegen immer auf die lange Bank. Ob man uns nach Ablauf der Frist bis Donnerstag einen Platz zur Verfügung stellen wird, ist eine andere Frage.»

Mit ihrer Kritik zielt Gerzner nicht nur auf Bund und Kantone, sondern auch auf die Organisationen, die sich eigentlich für die Rechte der jenischen Minderheit einsetzen sollten, wie die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, die Cooperation Jenische Kultur oder die Radgenossenschaft. Diese hätten es verpasst, die Anliegen der Jenischen zu repräsentieren: «Sie machen zu wenig.» Nach den Verhaftungen auf dem Berner BEA-Gelände im Jahr 2014 («mein schlimmstes Erlebnis») seien die Organisationen untätig geblieben. Ihre Situation verbessert habe einzig die Bewegung Schweizer Reisende, die es seit gut drei Jahren gibt und ihrem Namen gerecht wird: «Sie bewegt», so Gerzner. Der Verein hat auch die aktuelle Protestaktion in Kriens organisiert und damit eine Debatte über die Situation der anerkannten Minderheit entfacht – zumindest im Luzerner Stadtrat.

Der Alltag von Sandra Gerzner ist also – zumindest im Moment – geprägt von der Einforderung ihrer Rechte. Als Aktivistin würde sie sich aber auf keinen Fall bezeichnen. «Mit unserer Präsenz unterstützen wir die Bewegung, mehr aber auch nicht.» Dafür fehle die Zeit.

So kommt der wirkliche Alltag der Gerzners langsam zum Vorschein. Gleich nachdem sie mit ernster Miene wiederholt die Situation der Jenischen erläutert hat, wird sie von ihren beiden Kindern dazu aufgefordert, ihre für die Schule frisch gezeichneten Bilder anzuschauen. «Ich bin Mutter, Hausfrau und Lehrerin zugleich», sagt Sandra Gerzner. Sie unterrichtet ihre bilingue aufgewachsenen Kinder zu Hause – auf Französisch. Einmal in der Woche tauscht sie mit der Volksschullehrerin in Fribourg per Mail die gelösten Aufgaben mit neuen aus. Das funktioniere ganz gut. Die Kinder, sie selber und die Lehrerin haben sich daran gewöhnt. Wobei: «Während des Homeschooling schlüpfe ich von meiner Rolle als Mutter in jene der Lehrerin. Dann muss ich strenger zu den Kindern sein.»

Während der Wintermonate besuchen ihre 7-jährige Tochter und ihr 9 Jahre alter Sohn den Unterricht in der Volksschule in Fribourg, wo die Familie ihren Wohnsitz hat. Jeweils im Frühling heisst es dann aber wieder Abschied nehmen von den «Gspänli». Das geschehe immer mit einem weinenden und mit einem lachenden Auge. «Wir freuen uns alle immer wieder auf unser Nomadenleben», so Gerzner.

Alle zwei Wochen weiterfahren

Ihren Standort wechselt die vierköpfige Familie dann bis im Herbst gut alle zwei Wochen. «Höchstens aber nach einem Monat», sagt die gebürtige Oltnerin. Das habe aber nichts damit zu tun, dass sie etwa Probleme oder Sorgen jeweils hinter sich lassen möchte und einfach davon wegfährt. Sie betont nochmals: «Ich muss frei sein. In einer Wohnung fühle ich mich zu einsam und eingeengt.» Es sei das Zusammenleben mit anderen jenischen Familien, das ihr Leben ausmache. Man kennt, schätzt und stützt sich, auch wenn man nicht immer dieselben Nachbarn neben seinem Wohnwagen hat: «Wir sind wie eine grosse Familie.»

Ein Bild, das sich bei unserem Besuch, wie auch bei früheren Visiten unserer Zeitung, bestätigt. Schon beim Betreten des Areals in Kriens wurden wir von den Nachbarn der Gerzners begrüsst und zum richtigen Wohnwagen gelotst. Man ist offen hier – und begrüsst es, dass die Zeitung wieder einen Bericht über sie schreiben will. Verständlich: Denn die Unwissenheit «und oft auch Voreingenommenheit» vieler Schweizer über ihre Mitbürger mit der fahrenden Lebensweise möchte man korrigieren. Dass die Jenischen aber grundsätzlich offener seien als Herr und Frau Schweizer, relativiert Sandra Gerzner sofort. «Das wäre eine falsche Generalisierung. Auch wir sind genauso verschiedene Herr und Frau Schweizer wie jene in ihren Wohnungen – mal offen, mal eher schüchtern.»

Beruf: Hausieren

Ein «normales» Leben führen die Gerzners auch hinsichtlich der Arbeit. «Mein Mann hausiert, er ist Scherenschleifer.» Dank seines langjährig aufgebauten Netzwerkes könne er auf eine feste Kundschaft zählen. Für die Zukunft erhofft sich Sandra Gerzner, «dass man unsere fahrende Lebensweise akzeptiert und so anerkennt, wie es das Schweizer Recht vorsieht.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.