JESUITENKIRCHE: Der Katholizismus hat Vorrang

Der umstrittene Vatikan-Botschafter Thomas Gullickson gibt keine Interviews mehr. Dafür beschwor er in Luzern eine kompromisslose Rückbesinnung aufs Katholische.

Simon Bordier
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Thomas Gullickson gestern in der Jesuitenkirche. Im Vordergrund ein Schweizergardist. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 22. Januar 2017))

Thomas Gullickson gestern in der Jesuitenkirche. Im Vordergrund ein Schweizergardist. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 22. Januar 2017))

Simon Bordier

simon.bordier@luzernerzeitung.ch

Der vatikanische Botschafter in der Schweiz und Liechtenstein, Thomas Gullickson, hat sich gestern bei einem Gottesdienst in der Jesuitenkirche in Luzern diplomatisch gezeigt. Er schnitt keines der Themen an, mit denen er vor gut einem Jahr einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte: Der Apostolische Nuntius sprach weder davon, pfarrerlose Pfarreien zu schliessen, noch warb er für fundamentalistische Positionen (Ausgabe vom Samstag). Auch die Amtseinsetzung von Donald Trump kommentierte der gebürtige US-Amerikaner mit keinem Wort. Und doch konnte einem nicht entgehen, dass der Mann einen ganz eigenen, mitunter irritierenden Diskurs führt.

Der Gottesdienst fand zum 70-Jahr-Jubiläum des internationalen Hilfswerks Kirche in Not statt. Ein zentrales Thema der katholischen Organisation ist die Verfolgung von Christen in Syrien, Irak und anderen Kriegsgebieten. «Sicher, es handelt sich hier um das Böse, das heisst um den Bösen, welcher das Volk Gottes terrorisiert», meinte Gullick­son in seiner Predigt. Man dürfe Gewalt jedoch nicht mit Gegengewalt erwidern. Er meinte, man solle sich an Jesu «Einladung zur Umkehr» erinnern, der Gewalt bescheiden entgegentreten und den Blick auf «die letzte und unvergängliche Hoffnung im Jenseits» richten.

Päpstliche Gardisten und viel Weihrauch

Gullickson spricht sehr gut Deutsch. Seine Predigt wirkte klar strukturiert und locker. Eine besondere Note erhielt der Anlass durch sechs Schweizer Gardisten, die während des Gottesdiensts Spalier standen, sowie zahlreiche Gästen und Ministranten – und viel Weihrauch. Die Besucher (die Kirche war fast komplett voll) kamen in den Genuss eines überaus feierlichen Zeremoniells.

Aufhorchen liess Gullicksons Ansprache nach dem Gottesdienst. Er referierte über seine «Vorliebe für Hilfswerke» wie Kirche in Not. Für ihn gebe es einen «grossen Unterschied» zwischen Hilfswerken, die für ihre Finanzierung mit anderen Institutionen kooperierten, und solchen, die sich vor allem durch Beiträge von katholischen Gläubigen finanzierten – allen voran Kirche in Not. Es gehe nämlich im karitativen Bereich nicht allein um die Umsetzung von Projekten, sondern auch um eine «andere Dimension, nämlich die zwischenmenschliche, welche durch den Glauben an Jesus Christus belebt wird», so Gullick­son. «Diese Dimension ist die wichtigere, und man kann sie in ihrer vollen Freiheit nur garantieren, wenn die Spender katholische Gläubige sind.»

Er wolle damit andere Hilfswerke wie Caritas nicht abwerten, betonte er, um sodann zu erklären, dass die Qualität eines Hilfswerks wie Kirche in Not aber doch «wesentlich höher» sei. Er sprach von einem «Garant der Katholizität», mit dem sich beispielsweise der Neubau von Kirchen realisieren liesse. Auch Mutter Theresa habe grössere Summen von Regierungsseite und Nicht-Katholiken abgelehnt.

«Jene, die mich kennen, verstehen mich»

Wir hätten Thomas Gullickson zu diesen und anderen Aussagen gerne näher befragt. Dieser lehnte aber sämtliche Anfragen unserer Zeitung ab. Nach dem Gottesdienst in der Jesuitenkirche gab er lediglich zu Protokoll, er gebe nach dem «Krach» vor gut einem Jahr den Medien grundsätzlich keine Interviews mehr. Der offizielle Botschafter des Vatikans will fortan also nicht mehr mit der Öffentlichkeit kommunizieren? Nein, er schweige nicht, sondern gebe einfach keine Interviews, doppelte Gullickson nach. Und: «Jene, die mich kennen, verstehen mich.»