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Luzerner Forscher fordern: Der Bund muss etwas gegen Kindsmissbrauch tun

Wie viele Fälle von Kindsmisshandlung kommen ans Licht? Verlässliche Daten gibt es dazu nicht. Helfen könnte ein nationales Register, sagen Forscher der Hochschule Luzern. Sie fordern vom Bund, genau das zu tun.
Kilian Küttel
Zusätzliche Massnahmen sollen Kindsmissbrauch verhindern. (Bild Christof Schürpf/Keystone)

Zusätzliche Massnahmen sollen Kindsmissbrauch verhindern. (Bild Christof Schürpf/Keystone)

Egal ob Vernachlässigung, sexuelle, physische oder psychische Gewalt. Tatsache ist: Kindesmissbrauch ist in der Schweiz ein Thema. Lange Zeit war das Ausmass des Phänomens aber nicht bekannt. In welcher Region kommt es wie häufig und in welcher Form zu Misshandlungen? Forscher der Hochschule Luzern und der Universität Lausanne haben sich dieser Frage angenommen und über drei Monate hinweg Daten verschiedener Akteure gesammelt, die sich mit Kinderschutzfragen beschäftigen – also beispielsweise Polizeikorps, Spitäler oder Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden.

Das ist schweizweit ein Novum, denn es gibt kein Register, das sämtliche Fälle umfasst. Dies, weil die involvierten Stellen keine einheitliche Einteilung kennen und es zu wenige Absprachen gibt. Kurz: Weil sie zu wenig miteinander arbeiten. So sehen das die Studienmacher. Und diese Tatsache stösst ihnen sauer auf: «Es kann nicht sein, dass wir in der Schweiz nicht wissen, wie viele misshandelte und vernachlässigte Kinder tatsächlich auch betreut werden», sagt Forschungsleiter Andreas Jud von der Hochschule Luzern.

Mit ihrem Projekt wollten die Forscher zeigen, dass es möglich ist, eine Datenbank aufzubauen. An der Studie stellten 351 Einrichtungen des Kindesschutzes den Forschern ihre Daten zur Verfügung, welche sie von September bis November 2016 gesammelt hatten. Das Forschungsteam wertete die Sätze aus, und kam zum Schluss: Allein in den drei Monaten gab es schweizweit über 10 000 neue Fälle von Gefährdungen des Kindswohls.

Misshandlungen bleiben lange unentdeckt

«Man kann also sagen, dass den Organisationen pro Jahr zwischen 30 000 und 50 000 Opfer von Misshandlungen im Kinderschutz gemeldet werden», so Jud. Die Dunkelziffer liegt aber bedeutend höher, da ein Grossteil der Missbräuche nicht bekannt wird. Auch die Studienmacher sprechen davon, dass es «nur die Spitze des Eisbergs» sei, die sie mit ihrer Analyse eruiert haben. Einen wichtigen Teil der Daten hat die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes) beigesteuert – dies mit der Erlaubnis der Kesb der verschiedenen Kantone. In die Studie flossen so auch Daten der Stadtluzerner Kesb ein. Deren Präsidentin Angela Marfurt begrüsst die Arbeit des Forschungsteams: «Es ist wichtig, eine Wissensbasis zu schaffen, damit wir in Zukunft Rückschlüsse auf die Gesamtsituation der betroffenen Kinder ziehen können.» Ähnlich klingt es von Kokes-Generalsekretärin Diana Wider. Sie sagt:«Anhand der vorhandenen Daten können in den Kantonen nun Auseinandersetzungen darüber stattfinden, wer was zur Abwendung einer Gefährdung beitragen kann, was sich wo bewährt hat und wo welche Lücken bestehen.»

Eine wichtige Erkenntnis der Studienmacher: Die Kinder sind relativ alt, wenn Fälle von Missbräuchen entdeckt werden: 10,4 Jahre alt, sind sie durschnittlich, wenn Fälle von körperlicher Misshandlung erkannt werden, 9,1 Jahre sind es bei sexuellem Missbrauch. Und 7,8 Jahre beträgt das Durschnittsalter, wenn Fälle von Vernachlässigung gemeldet werden. Besonders daran ist laut Andreas Jud, dass die Schulen als Institutionen, die sehr nahe bei den Kindern sind, selten Misshandlungen melden würden. Er geht aufgrund früherer Studien davon aus, dass es einen Verschleppungseffekt gibt: «Meist wird zuerst mit niederschwelligen Mitteln versucht, Auffälligkeiten zu beheben. Wenn die Schüler dann in eine höhere Stufe kommen, wird auf der nächsten Stufe das gleiche nochmals versucht.» Zudem bestehe wohl eine gewisse Angst gegenüber den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden.

Dies ist sich auch Kesb-Präsidentin Marfurt bewusst. Dabei sagt sie: «Die Behörden haben den Auftrag, Kinder zu schützen, wenn sie gefährdet sind. Ich verstehe, dass es für betroffene Eltern immer emotional schwierig ist, wenn wir uns ihrer Kinder annehmen.» Dennoch würden die Behörden immer zum Wohl der Kinder handeln. Was aber muss passieren, um die Situation nachhaltig zu verbessern? Für Forscher Andreas Jud ist klar: «Es braucht ein nationales Register, in dem sämtliche Daten erfasst werden. Nur so kann ein Fundament geschaffen werden, das uns erlaubt, tief greifende Schlüsse zu ziehen.» Dass dies möglich sei, hätte die Studie bewiesen: «Jetzt ist der Staat gefordert.»

Auch Fachleute fordern Register

Diese Auffassung teilt Diana Wider von der Kokes: «Wir unterstützen sämtliche Bestrebungen zur Verbesserung des statistischen Datenmaterials im Kindesschutz. Nun gilt es, die Resultate der Studie zu analysieren und herauszufinden, ob und welche Lücken im Versorgungssystem bestehen.»

Grosse regionale Unterschiede

Eine der Haupterkenntnisse der Studie der Universität Lausanne und der Hochschule Luzern sind die grossen regionalen Unterschiede. Die Forscher stellten fest, dass es vom Wohnort abhängt, ob ein Fall von Kindesmissbrauch ans Licht kommt. In einer Hochrechnung kamen sie zum Schluss, dass in der Zentralschweiz auf 10 000 Kinder 49 Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet werden.

Damit lieg die Region im Mittelfeld, auf Platz eins rangiert der Grossraum Zürich mit 107 gemeldeten Fällen pro 10 000 Kinder. Am wenigsten Zwischenfälle kommen mit 26 aus dem Tessin. Weshalb? Forschungsleiter Andreas Jud glaubt: «Es ist unwahrscheinlich dass im Tessin deutlich weniger passiert als in anderen Regionen. Wir müssen davon ausgehen, dass Kindesmisshandlungen weniger erkannt und weniger gemeldet werden.» Beweisen könne man das mit einer Studie zu den gemeldeten Fällen zwar nicht, die Indizien würden aber stark darauf hindeuten: «Nicht zuletzt auch deshalb, wenn wir Parameter wie die Anzahl Alleinerziehender oder Sozialhilfebezüger berücksichtigen. Dabei können wir keine markanten Unterschiede zwischen den feststellen.»

Im Raum Zürich kämen am meisten Fälle ans Licht, weil die Region eine Zentrumsfunktion habe. Zudem würden die Einrichtungen wie die Kinderschutzgruppe des Zürcher Kinderspitals ein grosses Renommee geniessen und daher eine «Strahlkraft entwickeln, die auch Betroffene aus anderen Regionen anzieht». Dies erkläre mitunter auch, weshalb in der Zentralschweiz nur mittelmässig viele Fälle gemeldet würden. Es bestehe ein Stadt-Land-Graben und da die Zentralschweiz sowohl Städte wie auch abgelegenere Gegenden beinhalte, sei der Platz im Mittelfeld naheliegend. (kük)

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