JODELN: Der Ursprung des Jodelns ist reich an Legenden

Wann und wo hat das Jodeln eigentlich seinen Ursprung? Volksmusiker wie auch Wissenschaftler wissen das selbst nicht so genau.

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Jodlerin Martina Röösli jodelt in ihrer Tracht. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Jodlerin Martina Röösli jodelt in ihrer Tracht. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

gus. «Wir wissen schlicht nicht, wann und wo das Jodeln genau entstanden ist», sagt Dieter Ringli, Dozent an der Hochschule Luzern – Musik. «Schriftlich nachgewiesen ist das Jodeln bereits im 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Alpenraum», weiss er. Die Überlieferungen seien zumeist Reiseberichte deutscher Wanderer.

In der gleichen Zeit dürfte wohl auch in der Schweiz schon gejodelt worden sein. Ab Anfang 19. Jahrhundert ist dies auch gesichert, wie Josef Röösli, Präsident des Eidgenössischen Jodler-Dirigenten- und -Komponistenverbands, sagt: «Man weiss, dass am ersten Unspunnenfest von 1805 auch gejodelt wurde.» Traditionelle Gebiete in der Schweiz sind die Ostschweiz (Appenzell, Toggenburg), die Innerschweiz (ausser Uri) sowie das Berner Oberland.

Verschiedene Hypothesen

Auch über die Entstehung herrscht wenig Klarheit. Es gibt mehrere Hypothesen. Darunter auch ziemlich weit hergeholte. Etwa, dass sich die Stimme der Bergler aus Freude oder Leid beim Rufen oder Schreien überschlagen habe, oder, dass das Echo in den Bergen zur Melodiebildung beigetragen habe. Vermutet wird auch, dass man das Alphorn imitiert habe, oder aber, dass das Jodeln die Topografie mit hohen Bergen und tiefen Tälern beschreibe. Diese Thesen entbehren allerdings jeglicher Grundlage. Sehr weit verbreitet ist dafür die Ansicht, dass die Menschen in den Bergen durch Jodelrufe Informationen ausgetauscht hätten.

«Doch auch das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich», sagt Dieter Ringli. Denn man habe in den Jodellauten keinerlei Hinweise auf codierte Informationen gefunden, während solche Formen von Kommunikation in anderen Weltgegenden durchaus existierten.

«Jodelnde» Pygmäen

Apropos andere Weltgegenden: Nicht nur in den Alpen wird diese spezielle Gesangsform gepflegt, bei der häufig und kunstvoll zwischen Brust- und Falsettstimme gewechselt wird. Ähnliche Formen findet man auch bei Pygmäen im Kongo oder in Indonesien. Als «Jodeln» werden auch andere, textfreie Gesangsformen in Skandinavien, bei den Inuit, in Osteuropa und auf anderen Kontinenten bezeichnet. «Diese Formen haben gesangstechnisch aber nichts mit Jodeln zu tun», so Ringli.

Unbestritten hingegen ist das Jodeln als erfolgreiches Exportprodukt. In den USA und Australien etwa hat es Eingang in die Countrymusic gefunden. Auch traditioneller Jodel wird in den USA seit Jahrzehnten gepflegt.

Einen Boom in den städtischen Zentren erlebte der Jodel bereits Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem in Deutschland und Österreich. In der Schweiz erfuhr das Jodeln ab dem 20. Jahrhundert eine grosse Entwicklung. Diese begann mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbands (EJV) im Jahr 1910, dem auch die Alphornbläser und Fahnenschwinger untergeordnet sind. «Ziel war es damals, die Eigenheit des Schweizer Jodels vor den fremden Einflüssen aus Österreich und Bayern zu schützen», erklärt Josef Röösli. Damals habe es eine starke Vermischung gegeben.

In der Folge wurde das Jodeln vereinheitlicht und das Jodellied stark gefördert. Ab den 30er-Jahren folgte die Zeit der Vereinsgründungen, die sich bis in die 60er- und 70er-Jahre fortsetzte. Vereinzelte Vereine gab es bereits vorher. Ältester Verein der Zentralschweiz ist nach eigenen Angaben der Jodlerklub Heimelig Baar (1919 gegründet).

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg setzte der EJV zu einer Offensive an, um den Jodel ins ganze Land hinauszutragen. Massgeblichen Anteil daran hatte der Baarer Komponist Robert Fellmann mit seiner 1943 verfassten Grundschule – einer Anleitung zum Jodeln. Die Grundschule wurde in der Folge – vor allem im Mittelland – als verbindliches Regelwerk für das Jodeln betrachtet. Es entstand ein «Einheitsbrei»; regionale Unterschiede, die bis heute das Jodeln prägen und ausmachen, wurden teils richtiggehend ausgemerzt. Dies hatte Fellmann nicht beabsichtigt.

Zurück zu den Wurzeln

«Der Naturjutz, wie die Jodler aus den traditionellen Regionen ihn pflegen, wurde früher an den Jodlerfesten oft belächelt», erinnert sich Edi Gasser, Ehrendirigent des Jodlerklubs Giswil, Komponist und Naturjutz-Experte. «Man wurde teilweise gar als Analphabet abgestempelt, während die Städter ihre Lieder sogenannt ‹kultiviert› sangen.» Jahrzehntelang fristete der Naturjutz ein Mauerblümchendasein. Eine Entwicklung, die inzwischen wieder umgekehrt wurde. Erheblichen Anteil daran hat auch Edi Gasser. Er setzt sich für dessen Förderung ein, hat unter anderem alle Jutze seines Freundes Ruedi Rymann zu Papier gebracht und unzählige in einer Datenbank zusammengetragen. Heute hat der Naturjutz, mit seinen regionalen Eigenheiten und Unterschieden, seine kulturelle Bedeutung zurückerlangt.