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JUBILÄUM: Hat die Stadt Luzern zu früh gefeiert?

Im Jahr 1978, feierte die Stadt Luzern ihr 800-jähriges Bestehen – mit viel Pomp und Pathos. Zweifel am Gründungsjahr 1178 hat es schon immer gegeben; der Expertenstreit flammt jetzt neu auf.
Hugo Bischof
Anmutige, historisch gekleidete Frauengruppe beim Festumzug zum 800-Jahr-Jubiläum der Stadt Luzern am 23. April 1978. (Bild: Stadtarchiv Luzern, F2a Anlässe, Fotograf Anderhub)

Anmutige, historisch gekleidete Frauengruppe beim Festumzug zum 800-Jahr-Jubiläum der Stadt Luzern am 23. April 1978. (Bild: Stadtarchiv Luzern, F2a Anlässe, Fotograf Anderhub)

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Wann wird eine Ansammlung von Menschen zur Stadt? Welche Kriterien müssen dafür erfüllt sein? Nein, hier ist nicht die Rede von Kriens, das sich vor sechs Tagen per Volksabstimmung sein eigenes Upgrade von der Gemeinde zur Stadt schenkte (Artikel vom 5. März). Die Rede ist vielmehr von der Stadt Luzern. Als deren Gründungsjahr gilt gemeinhin 1178. Entsprechend feierte Luzern 1978 sein 800-Jahr-Jubiläum – mit viel Pomp, Festivitäten, theatralischen Veranstaltungen und Festreden, verteilt über das ganze Jahr. Die über 50-Jährigen unter unseren Leserinnen und Lesern werden sich noch lebhaft daran erinnern.

Allerdings war schon damals, vor 40 Jahren, das Gründungsjahr 1178 unter Historikern umstritten. Denn: Eine schriftliche Gründungsurkunde gibt es nicht. Das Gründungsjahr ist also nicht in Stein gemeisselt beziehungsweise auf Pergament festgeschrieben. Damit kommt nun das Stift Leodegar Luzern ins Spiel. Es feiert dieses Jahr seinerseits ein Jubiläum. Es ist nämlich aus dem vor 1250 Jahren gegründeten Kloster hervorgegangen. Die Chorherren der Luzerner Hofkirche planen dazu eine Reihe von Veranstaltungen (siehe Kasten).

Ein Leutpriester für die Peterskapelle

Bei den Vorbereitungen dazu haben sie sich auch mit der Gründung der Stadt Luzern beschäftigt, denn diese hängt eng mit der Geschichte des Klosters zusammen. Das Brisante dabei: Die Chorherren der Hofkirche interpretieren die Geschichte dabei anders, als sie den meisten Luzernerinnen und Luzernern bisher bekannt war. Wenden wir uns zunächst dem ominösen Jahr 1178 zu. Es ist tatsächlich ein wichtiges Datum in der Geschichte Luzerns. Damals wurde nämlich an der bereits bestehenden Peterskapelle am Ausfluss der Reuss aus dem See der weltgeistliche Werner von Kriens als Leutpriester (Priester für die Leute) eingesetzt. Zuvor war die dortige Bevölkerung während rund vierhundert Jahren durch die Mönche des Benediktinerklosters Luzern seelsorgerisch betreut worden. Von der Einsetzung des Leutpriesters gibt es eine Urkunde, datiert auf den 18. April 1178. Ausgestellt hat sie Konrad von Eschenbach, Abt von Murbach.

Ausführlich beschrieben hat diesen Vorgang der Luzerner Historiker Rainald Fischer, Mitglied des Kapuzinerordens, in einem 1978 im Jubiläumsbuch «Luzern 1178-1978» erschienenen Aufsatz. In der in Latein verfassten Urkunde von 1178 ist von der Peterskapelle die Rede als «ecclesia in villa sita, quae Capella dicitur». Fischer übersetzt «villa» mit «Ortschaft». Die Chorherren der Hofkirche sind da jetzt anderer Meinung. «‹Siedlung› wäre vielleicht die noch angemessenere Übersetzung für ‹villa›, keineswegs aber ‹Stadt›», schreiben sie in einer aktuellen Stellungnahme. Ihr Fazit: «Die Stadt Luzern entstand nach neuster Forschung erst um 1210/1220.»

Umstrittene Marktgründung

Hat die Stadt Luzern ihr 800-Jahr-Jubiläum 1978 also zu früh gefeiert? Wir stellen die Frage Othmar Frei, Probst (Vorsteher) des Chorherrenstifts der Hofkirche. Er ist sich sicher: «Luzern war 1178 noch keine Stadt, sondern ein einfaches Fischerdorf.» Frei beruft sich auf das unter Historikern wichtigste Merkmal einer Stadt, einen regelmässig stattfindenden, von der Herrschaft bewilligten Markt. Einen solchen habe es um 1178 in Luzern noch nicht gegeben, so Frei. Voraussetzung für die Schaffung eines Markts – und somit einer Stadt – ist ein Güteraustausch zwischen Stadt und Land. Dafür braucht es ein eigenes Mass (im Fall Luzerns meist ein Getreidemass). Mit dem Marktregal konnten die Äbte von Murbach, unter deren Abhängigkeit das Kloster Luzern damals stand, ihre fiskalischen Erträge aus dem Luzerner Markt sicherstellen.

Karl Meyer (1885-1950), Historiker und Geschichtsdozent an der ETH Zürich, verweist in einem 1946 erschienenen Aufsatz auf die erstmalige Erwähnung eines Luzerner Masses («Lucernensis Mensura») im ältesten Urbar (Verzeichnis) des Benediktinerklosters. Dieses ist um 1190 datiert. Spätestens damals, folgert Meyer, muss Luzern eine Stadt gewesen sein. Auch die Einführung der Leutpriesterei ist für Meyer ein klarer Beweis: «Wenn auch grundsätzlich die Pfarrrechte der Klosterkirche Luzern dadurch nicht aufgehoben wurden, so war doch praktisch, durch Schaffung einer selbständig bepfründeten, von einem Weltgeistlichen zu besorgenden Leutpriesterei, mit der Verpflichtung zu täglichen Morgen- und Abendgottesdiensten, eine Tat vollzogen, die das kirchliche Leben Luzerns auf Jahrhunderte hinaus bestimmen sollte.» Dieser Schritt sei «eine unmittelbare Einleitung oder eine unmittelbare Folge der Markt- und Stadtgründung von Luzern». Nicht alle Historiker teilen die Ansichten Karl Meyers. Insbesondere dessen These von der schlagartigen und planmässigen Gründung der Stadt Luzern im Zusammenhang mit der Öffnung des Gotthardpasses lasse sich nicht halten, schreiben Fritz Glauser und Jean Jacques Siegrist ihrerseits im Jubiläumsbuch. Sie betonen: Von einer einigermassen homogenen Bürgerschaft könne wohl erst ab 1200 die Rede sein.

Weder 1878 noch 1928 feierte Luzern ein Jubiläum

Zurück zur Frage, ob Luzern 1978 zu früh feierte. Könnte man – so lässt sich spekulieren – das 800-Jubiläum nicht gerade so gut heuer, im Jahr 2018 feiern, ausgehend von der These, dass die Stadtgründung zwischen 1210 und 1220 erfolgte? Othmar Frei, Probst des Chorherrenstifts, beantwortet die Frage nicht. Er sagt nur: «Ich erinnere mich, wie ich 1978 den grossen Festumzug zum 800-Jahr-Jubiläum verfolgte. Das war schon sehr pathetisch. Heute würde man das wohl ganz anders machen.»

Frei äussert sich diplomatisch: «Viele einzelne Schritte vor und nach dem Jahr 1200 haben zur Entstehung der Stadt Luzern geführt. Keiner lässt sich so eindeutig nachweisen wie der am 18. April 1178 beurkundete Übergang der Pfarrei Luzern vom Kloster an Weltpriester.» Für das 800-Jahr-Jubiläum im Jahr 1978 habe es somit «einen guten Grund» gegeben. Die Diskussion wird weitergehen. Interessant übrigens: Weder 1878 noch 1928 feierte Luzern ein Stadtjubiläum.

Behelmter Fahnenträger grüsst das Publikum beim Festumzug 1978. (Bild: Stadtarchiv Luzern, F2a Anlässe, R.E. Hopfner)

Behelmter Fahnenträger grüsst das Publikum beim Festumzug 1978. (Bild: Stadtarchiv Luzern, F2a Anlässe, R.E. Hopfner)

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