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JUBILÄUM: Stätte von nationaler Tragweite

Heute vor 175 Jahren wurde im Gasthof Rössli die Ruswiler Erklärung verabschiedet. Das Manifest beschleunigte die Entstehung des späteren Bundesstaates von 1848.
Claudio Zanini
Josef Leu von Ebersol (1800–1845). (Bild: pd)

Josef Leu von Ebersol (1800–1845). (Bild: pd)

Claudio Zanini

Es fällt auch heute nicht schwer, sich auszumalen, wie die katholisch-konservativen Entscheidungsträger im November 1840 im Ruswiler «Rössli» tagten. Immer noch ist eine altehrwürdige Aura spürbar. Im ersten Stock, wo Holz dominiert und Gemälde an der Wand hängen, nimmt Historiker Werner Wandeler (64) Platz. Das 175-Jahr-Jubiläum der Ruswiler Erklärung ist für ihn Anlass, um die damaligen Ereignisse auf­zuarbeiten und in einer Ausstellung im «Rössli» zugänglich zu machen (siehe Kasten). Vielleicht liegt es an Wandelers Erzählweise, aber wenn er zu reden beginnt, wird das auf der Zeitachse weit Zurückliegende lebendig. «Für mich als Ruswiler ist die Tragweite der Ruswiler Erklärung eine Sensation. Als Historiker ist das ein gefundenes Fressen, an solchen Ereignissen in nächster Umgebung zu forschen.»

Glaubensstreit in Luzern

Tauchen wir mit Wandeler in die Geschichte ein – in den Kanton Luzern vor 1840. Die Liberalen bedienen die politischen Schalthebel, seit 1831 ist die Luzerner Verfassung dementsprechend aufgeschlossen. Ein Beispiel: Eine gemischte Ehe ist nach Vorstellung der Liberalen erlaubt, eine Katholikin ­dürfte einen Protestanten heiraten. «Das war natürlich in katholisch-konservativen Kreisen ein rotes Tuch sondergleichen», sagt Wandeler.

Grundsätzlich geht es um zwei ­Punkte, bei denen die Meinungen der beiden Lager auseinanderdriften: Während die Liberalen die Idee eines Nationalstaates verfolgen, wollen die Konservativen an einem losen Staatenbund mit souveränen Kantonen festhalten. Der zweite Konfliktherd ist die Religion. Die Liberalen wollen den Einfluss der Kirche in Grenzen halten, für die Katholisch-Konservativen ist der Papst die höchste Instanz. Die Vorstellungen einer vernünftigen Verfassung sind gegensätzlich, doch das konservative Lager muss sich wohl oder übel an die liberale Gesetzgebung halten: «Aufgrund des 10-jährigen Abänderungsverbots gab es nichts daran zu rütteln», sagt Wandeler. Erst ab 1841 haben die Katholisch-Konservativen die Möglichkeit, die liberalen Grundgesetze anzugreifen. Ein Jahr vorher bringen sie sich in Stellung.

Prominenz kam nach Ruswil

Das Jahr 1840 markiert den Auftakt des politischen Kampfes gegen den liberalen Gegner. «Das kantonsweite ‹Who’s who› der Konservativen kam nach Ruswil», betont der Historiker. Die Wahl fällt auf Ruswil, weil die Konservativen laut Überlieferung dort auf «eine gutgesinnte Gesamtbevölkerung» treffen. Unter der Leitung von Josef Leu von Ebersol, Landwirt und Führungspersönlichkeit der katholisch-konservativen Bewegung, wird am 5. November die Erklärung verabschiedet. 315 Personen unterzeichnen das Dokument an der Versammlung im «Rössli». «Ich bin skeptisch, dass tatsächlich 315 Personen im ‹Rössli› einquartiert waren. Es hiess, sie hätten hier ‹ein Zimmer gemietet›. Ob da so viele Leute tatsächlich Platz fanden?», sagt Werner Wandeler.

Vormarsch der Konservativen

Die Ruswiler Erklärung umfasst sechs Punkte und räumt der katholischen Religion Priorität ein:

  • Garantie der römisch-katholischen Religion
  • Garantie für eine katholische Erziehung
  • Garantie der Souveränität des Volkes
  • Garantie für die Freiheit, das Recht und das Eigentum der Bürger oder Privaten
  • Garantie für Selbstständigkeit von Korporationen und Gemeinden.
  • Garantie für einen einfachen Staatshaushalt

«Mit dieser Erklärung wurden die Leitplanken für die bevorstehende Verfassungsrevision gesetzt», sagt Wandeler. Nach der Initialzündung nimmt der Kampf gegen die freisinnige Verfassung Fahrt auf. «Am 31. Januar 1841 kam es zur Abstimmung. Die Frage war, ob es eine Verfassungsrevision geben solle oder nicht», sagt Wandeler. Rund drei Viertel der Luzerner Bevölkerung benutzen den Abstimmungszettel mit dem roten Aufdruck ‹Revision›, der Rest entscheidet sich für ‹Nichtrevision› – also den schwarzen Stempel. Von nun an teilt man die Bevölkerung umgangssprachlich in Rot und Schwarz ein.

Schon am 1. Mai – der Verwaltungsapparat scheint in dieser Zeit flink zu sein – wird über die neue Verfassung abgestimmt. Knapp drei Viertel entscheiden sich diesmal für das katholisch-konservative Grundgesetz. Was folgt, ist laut Wandeler «ein imposanter Triumph der katholisch-konservativen Politik»: Bei den Grossratswahlen Ende Mai finden nur sechs liberale Vertreter Eingang in das 100-köpfige Kantonsparlament. Die Regierung, Gerichte und die wichtigen Beamtenposten werden nun von konservativer Hand geführt.

Ruswiler Verein: Anfang und Ende

Zum Gedenken der Ruswiler Erklärung wird 1842 der Ruswiler Verein gegründet – ein Vorgänger der konservativen Volkspartei, der heutigen CVP. Der Kampf gegen die ‹Ungläubigen› ging weiter. Mit der Berufung der Jesuiten 1844 treiben es die Katholisch-Konservativen auf die Spitze. «Die Jesuiten galten bei den Reformierten als Stosstrupp des Papstes in der Gegenreformation. Es gab nun auch Vertreter in den eigenen Reihen der Konservativen, die befanden, dass es zu weit gehe», sagt Wandeler.

Luzern wird jetzt zum «Schauplatz politischer Ereignisse mit eidgenössischer Ausstrahlung», befindet der Historiker.

Es folgen misslungene Versuche zum Sturze der konservativen Luzerner Regierung, den Freischarenzügen. Mit der Gründung des Sonderbunds schaffen nun die katholisch-konservativen Kantone ein Verteidigungsbündnis. Dies ist wiederum der Anlass für den Sonderbundskrieg im November 1847. Das Ergebnis davon: die Schaffung des Bundesstaates von 1848. «Was die Katholisch-Konservativen eigentlich nicht wollten, einen Bundesstaat, haben sie mit ihrer Politik vorangetrieben. Rückblickend beginnt die Entstehung des Bundesstaates bei der Ruswiler Erklärung», sagt Wandeler.

Der Ruswiler Verein wird 1848 schliesslich verboten, und die Konservativen stehen auf der Verliererseite. Ihre Bestrebungen aber werden teilweise umgesetzt, wie Wandeler ausführt: «Die föderative Ausgestaltung des Bundesstaates und das Zweikammersystem waren ein Kompromiss, welcher der konservativen Seite Rechnung trug.»

Das Zentrum von Ruswil mit dem Gasthof Rössli. (Bild: Boris Bürgisser (Ruswil, 4. November 2015))

Das Zentrum von Ruswil mit dem Gasthof Rössli. (Bild: Boris Bürgisser (Ruswil, 4. November 2015))

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