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JUBILÄUM: Warum die Reformation in Luzern misslang

Vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen und damit die Reformation ausgelöst. Mit Myconius hatte auch die Zentralschweiz ihren Reformator.
Evelyne Fischer
Ein friedenstiftendes Mahl: Beim Ersten Kappelerkrieg sollen sich Zürcher Reformierte und Innerschweizer Altgläubige bei einer Milchsuppe verbrüdert haben. (Bild: Gemälde von Albert Anker (1869))

Ein friedenstiftendes Mahl: Beim Ersten Kappelerkrieg sollen sich Zürcher Reformierte und Innerschweizer Altgläubige bei einer Milchsuppe verbrüdert haben. (Bild: Gemälde von Albert Anker (1869))

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Ein Datum haben sich Luzerner Katholiken im Mittelalter in der Agenda dick angestrichen: den 24. März, Vortag von Mariä Verkündigung. Um keinen Preis wollen sie den Musegger Umgang verpassen, eine Prozession entlang der Mauern und Türme, welche die Stadt Luzern vor Feuer bewahren soll. «Der Bittgang war beliebter als die Fasnacht, sein Ablasswert kam einer Wallfahrt nach Rom gleich», sagt Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern. 1522 erlangt die Prozession eine besondere Bedeutung: Konrad Schmid, ein Freund Zwinglis, wird als Festredner berufen. «Die Predigt wird sowohl auf Deutsch als auch auf Lateinisch gehalten, erstmals werden die zentralen Punkte der Reformation in der Innerschweiz verlautet.» Schmids Worte sorgen für Aufruhr. Er hält das Schriftprinzip hoch, kritisiert die Autoritäts­hörigkeit der Katholiken. Unerhörtes für die Dortigen.

Das hat Konsequenzen: Schulmeister Myconius, geboren als Oswald Geisshüsler, der seit 1519 an der Stiftsschule Luzern Latein lehrt, wird vor den Rat geladen. Weil er Schmid während seines Studiums in Basel kennen gelernt haben dürfte und mit Luthers Schriften sympathisiert, muss er Luzern im Herbst 1522 verlassen. «Danach blieben reformierte Gottesdienste bis 1798 verboten», sagt Beat Hänni. Der reformierte Pfarrer ist seit 20 Jahren in der Stadt Luzern tätig und hat sich mehrfach mit Myconius beschäftigt. «Die Luzerner Regierung ging sogar noch einen Schritt weiter.» Sie verbot 1747 den Besitz der Bibel, nachdem der Werthensteiner Bauer Jakob Schmidlin, der im Geheimen einen Bibelkreis organisiert hat, zum Tode verurteilt worden war.

Solddienste ersparen Luzern die Steuereintreiberei

Wie Ries sagt auch Beat Hänni: «Der Musegger Umgang hätte der Reformation in der Zentralschweiz zum Durchbruch verhelfen können.» Welchen Stellenwert Myconius dabei hatte, sei kaum bekannt. Er wird 1488 als Sohn eines Müllers in Luzern geboren, studiert später in Rottweil, Bern und Basel. 1516 lernt er dort Huld­rych Zwingli kennen – und wird stark von ihm geprägt. Wie dieser stellt Myconius die «Reisläuferei» in Frage. Gemeint ist der Söldnerdienst in fremden Heeren. Myconius warnt davor, die jungen Männer zu verkaufen. «Doch die Verlockung für den Stand Luzern ist schlicht zu gross», sagt Hänni. «Dank den Solddiensten kann Luzern im ganzen 16. Jahrhundert auf die Besteuerung der Bevölkerung verzichten.» Diese «ökonomischen Interessen» seien ein wesentlicher Grund dafür gewesen, dass Luthers Schriften in der Innerschweiz nicht weitläufig auf Gegenliebe stiessen, sagt Ries. «Ob die Reformation gelang, bestimmte die weltliche Obrigkeit. Weder hing dieser Entscheid von den Fehlleistungen der Kirche ab noch von der Frömmigkeit des Volkes.» Nebst den lukrativen Solddiensten habe auch die Konfession der Nachbarkantone eine wichtige Rolle gespielt. «Für die Reformation setzte man nicht die wirtschaftlichen Beziehungen aufs Spiel.» Daher entschieden die Regierungen der damaligen fünf katholischen Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug 1524 an einer Tagung in Beckenried, der alten Kirche treu zu bleiben.

Zwinglis Herz als Reliquie ausgeschlagen

Eine wichtige Spur, die Myconius hinterlassen hat, führt zum «Helvetischen Bekenntnis», dem ersten gemeinsamen Bekenntnis der reformierten deutschsprachigen Eidgenossenschaft von 1536. Nachdem Myconius aus Luzern vertrieben worden ist, arbeitet er als Lehrer in Zürich. 1532 wird er Münsterpfarrer in Basel, wo er 1552 stirbt. «Das Basler Bekenntnis, an dem Myconius massgebend mitgearbeitet hat, bot dafür die Vorlage», sagt Hänni. Interessant sei der letzte Satz dieser Schrift, der besagt: Was man bekenne, soll gelten, bis man von der Bibel her eines Besseren belehrt werde. «Dies bringt eine Kernbotschaft der Reformation nochmals auf den Punkt. Deren Anhänger forderten, selber zu denken und sich nicht auf Autoritäten zu verlassen.» Wie treu Myconius seinem Bekenntnis blieb, illustriert ein Beispiel: Ein Freund soll ihm das Herz des 1531 in Kappel gefallenen Zwingli gebracht haben. «Als Reliquie in einem Wallfahrtsort hätte dieses einen Geldsegen beschert», sagt Hänni. «Doch Myconius hat es abgelehnt, das Herz auch nur anzusehen.»

Quellen

Markus Ries: «Oswald Myconius in Luzern»; André Zünd: «Gescheiterte Stadt- und Landreformationen des 16. und 17. Jahrhunderts in der Schweiz»; Historisches Lexikon der Schweiz.

Bild: Grafik Lea Siegwart

Bild: Grafik Lea Siegwart

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