JUBILAR: Dann war plötzlich Sepp Blatter am Telefon

Einer der bekanntesten Schweizer Sportreporter feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag. Sepp Renggli verbrachte seine Jugendjahre in Kriens.

Thomas Heer
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Eine grosse Nummer im Sportjournalismus: der gebürtige Krienser Sepp Renggli zu Hause im zürcherischen Ebmatingen. (Bild Manuela Jans)

Eine grosse Nummer im Sportjournalismus: der gebürtige Krienser Sepp Renggli zu Hause im zürcherischen Ebmatingen. (Bild Manuela Jans)

«Ich begrüsste ihn jeden Morgen mit ‹hi Jesse›. Er sass ja direkt neben mir auf der Pressetribüne. Am Anfang realisierte ich nicht einmal, um wen es sich eigentlich handelt.» Diese Episode spielte sich anlässlich der Olympischen Sommerspiele von Melbourne ab. Das war im November 1956. Bei jenem Jesse handelte es sich schliesslich um Jesse Owens. Dem Leichtathleten, der 20 Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen von Berlin in den Sprintwettbewerben und im Weitsprung vier olympische Goldmedaillen gewann.

Owens ist noch heute das Symbol jenes denkwürdigen Anlasses – der dunkelhäutige US-Athlet, der den Spielen im Hitler-Deutschland den sportlichen Stempel aufdrückte. Dass ­Renggli damals als Radioreporter überhaupt in Australien präsent war, ist nach heutigem Verständnis unvorstellbar. Bereits Wochen vor der Eröffnungsfeier machte sich der damals 32-Jährige auf die Reise Richtung fünften Kontinent. In Indien erreichte ihn dann eine Fax-Meldung: Sein Arbeitgeber beorderte ihn zurück in die Heimat. Der Grund war politischer Natur. In jenem Herbst kam es zum militärischen Übergriff der Sowjetunion auf Ungarn. Aus Protest boykottierten die Schweizer Sportler die Spiele. Renggli ignorierte die Nachricht ganz einfach und reiste trotzdem nach Melbourne.

Eine Schreibe zum Geniessen

Renggli erzählt diese Geschichte bei sich zu Haus im zürcherischen Ebmatingen, wo er zusammen mit seiner Frau Annemarie und Labrador K-Nessie lebt. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Kriens, schaffte Renggli, was nur wenigen gelingt. Als Medienschaffender wurde er zu einer Marke. Ob als Autor für Zeitungen, als Verfasser von 28 Sportbüchern oder als Radioreporter: Renggli begleitete den Sport während Jahrzehnten mit hoher Fachkompetenz, aber auch immer mit einer Prise Sprachwitz und Humor. Noch heute gelingen ihm Sätze wie in jener Kolumne vom vergangenen November für die «Schweiz am Sonntag». Über den Wandel im Schwingsport schrieb er: «In der hehren Schwingerei waren damals Geld und elektronische Medien ein böses Schimpfwort. Die Zeiten ändern sich. Eidgenossen siegten 1386 in Sempach, Sempach besiegte 2013 die Eidgenossen.»

Hugo Koblets Freund

Ob als Fussballer beim FC Luzern oder als Skirennfahrer in den Zentralschweizer Bergen: Bereits als Kind war Renggli vom Sport fasziniert. Zum Journalismus kam er dann auf unkonventionelle Weise. Zu Ausbildungszwecken weilte Renggli 1946 in Grossbritannien. Am 11. Mai besuchte der junge Mann das Fussball-Länderspiel England - Schweiz. Über die 1:4-Niederlage seiner Landsleute verfasste er, ohne dafür beauftragt zu sein, einen Matchbericht. Per Luftpost sandte er die Zeilen an die Redaktion des «Luzerner Tagblatts». Er vergass dabei nicht zu erwähnen, dass sein Vater langjähriger «Tagblatt»-Abonnent sei. Das hat gefruchtet. Rengglis erster Text wurde sodann in voller Länge abgedruckt. Als Journalist gibt es nicht nur über Schönes und Angenehmes zu berichten. Der Beruf führt mitunter auch in die Schattenbereiche des Lebens. Der Herbst war 1964 längst hereingebrochen, als Renggli vom Tode Hugo Koblets erfuhr, dem Stadtzürcher Tour-de-France-Sieger von 1951. Für den Reporter war das ein Schock. Denn Koblet, der «pédaleur de charme», und Renggli waren sich freundschaftlich tief verbunden. «Hugo war zu jener Zeit mein Co-Kommentator am Radio und als Reporter manchmal besser als ich.» Koblet schied nach einem Autounfall aus dem Leben, vermutlich war es Selbstmord. Renggli sagt: «Ich war sein letzter Vertrauter.»

Die Geburtstagsüberraschung

Im Zuge der Feier zum 90. Geburtstag war kürzlich auch ein SRF-Team bei Renggli zu Hause. Während der Dreharbeiten klingelte plötzlich das Telefon. Es meldete sich kein Geringerer als Fifa-Präsident Sepp Blatter. Renggli schmunzelt und sagt: «Die Leute vom Fernsehen waren ziemlich erstaunt, als der Anruf kam.» Und er fügt an: «Ich im Übrigen auch.»