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JUBILAR: Suva-Ratspräsident Markus Dürr: «Ganz los wird man mich nicht»

Der ehemalige Luzerner Regierungsrat und heutige Suva-Ratspräsident Markus Dürr wird morgen 70. Aber von Müdigkeit keine Spur. Die Lust am Debattieren und an markigen Worten ist weiterhin da.
Interview Hans Graber und Dominik Buholzer
Markus Dürr am Hauptsitz der Suva – nicht das Bundeshaus, aber auch mit Vorzeigekuppel. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 12. April 2017))

Markus Dürr am Hauptsitz der Suva – nicht das Bundeshaus, aber auch mit Vorzeigekuppel. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 12. April 2017))

Interview Hans Graber und Dominik Buholzer

Markus Dürr, Sie werden morgen 70. Wie wird gefeiert?

So richtig im grossen Rahmen nicht, das habe ich mit 50 und 60 gemacht. Mit 40 hatte ich keine Zeit für ein grosses Fest. Aber mit Familie, nahen Verwandten und Freunden wird morgen schon ein wenig gefeiert.

Vielleicht wissen Sie noch gar nicht, was alles auf Sie zukommt.

Ja, an runden Geburtstagen muss man ja immer mit allem rechnen – und Wein dann auch Leuten ausschenken, mit denen man nicht gerechnet hat (lacht).

Runde Geburtstag sind häufig so eine Art Zäsur. Für Sie diesmal auch?

Zäsur nur deshalb, weil ich laut den neuen Bestimmungen des revidierten Unfallversicherungsgesetzes altershalber Ende Jahr bei der Suva aufhören muss, obwohl das nicht so vorgesehen war. Ich habe noch eine Wahl-Urkunde des Bundesrates zu Hause, in der mir bescheinigt wird, dass ich bis 73 Suva-Chef sei. Aber keine Sorge, ich werde meinen Sessel räumen.

Der 1. Mai ist nicht nur Ihr Geburtstag, sondern auch Tag der Arbeit. Wie halten Sie es mit den Linken?

Bei Linken, mit denen ich in der Politik zu tun hatte, machte ich hie und da die Erfahrung, dass sie gar nicht so unglücklich sind, wenn sie mit ihren Anliegen nicht durchkommen. Sie sind dann nicht in der Verantwortung, können vor ihren Leuten das Gesicht wahren und dürfen die Fahne weiterhin hochhalten. Das Gleiche gilt auch für Anliegen der anderen Polpartei. Aber ich verarge das niemandem, so läuft das nun mal in der Politik, jede Partei schaut, wie es für sie am besten läuft.

Auf Ihrer persönlichen Homepage steht auf der ersten Seite, dass Sie sich am 1. April 2007 voll motiviert zur Wiederwahl in den Luzerner Regierungsrat stellen werden. Das war vor zehn Jahren. Ist die Zeit stehen geblieben?

Nein, ich weiss nur nicht, wie ich diese Homepage abstellen kann.

Immerhin lässt sich dort Ihre Karriere vor der Suva zurückverfolgen.

Ja, ich war zunächst mit Leib und Seele Tierarzt ...

... weshalb sind Sie es denn nicht geblieben?

Das wäre möglich gewesen, obwohl auch in diesem Beruf diese ganzen administrativen Dinge mit haufenweise Berichten, Zertifizierungen usw. überhandgenommen haben, was mir nicht so gefallen hat.

Tierarzt war ein Wunschberuf?

Ja, ich bin in einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen und habe schon als Bub beim Kalbern geholfen. Als Tierarzt hat man eine sehr breite Ausbildung, die breitere als die «Vulgärmedizinier», wie wir als Studenten spöttisch die Kollegen nannten, die Arzt werden wollten. Man lernt als Tierarzt, schnell zu analysieren und auch schnell zu handeln. Das hat mich später auch als Politiker geprägt. Überhaupt ist Tierarzt eine ideale Basis für die Politik, vor allem, wenn man auf Wiederkäuer spezialisiert ist ...

Sie haben in der Politik 25 Jahre Exekutiverfahrung und wurden auch zwei-, dreimal als Bundesratskandidat gehandelt. Hätte Sie dieses Amt gereizt?

Mich schon ein wenig, aber meine Frau nicht. Ihr war Luzerner Regierungsrat schon mehr als genug. Wir kennen uns ja schon seit Kindsbeinen, sind zusammen in die Primarschule gegangen, und weil mein Vater Nationalrat war, hatte sie auch nicht gewollt, dass ich im St. Galler Rheintal eine Tierarztpraxis eröffne. Sie fürchtete, dass ich da in die Politik gehen würde ...

Wären Sie ein guter Bundesrat gewesen?

Ich hätte zumindest eine deutliche Sprache gesprochen. Ob mir der Betrieb in Bundesbern wirklich gepasst hätte, weiss ich nicht. Man muss da wohl schon auf sehr viele Gegebenheiten Rücksicht nehmen, und bei den vielen Kontakten in Bern, die ich durch andere Ämter hatte, wurde mir auch bewusst, dass man im einen Departement oft keine Ahnung hat, was im anderen geht und läuft. Kantonspolitik war insofern doch direkter und damit für mich auch spannender.

Politiker sind Sie ja dann nicht im St. Galler Rheintal geworden, sondern in Malters. Was hat Sie seinerzeit in den Kanton Luzern verschlagen?

Eigentlich die Tollwut. Mein Vorgänger in der Praxis in Malters ist daran gestorben. Ich habe ihn nicht gekannt, aber seine Frau meinen Vater, von dem sie wusste, dass er zwei Söhne hat, die Tierärzte sind. Ich war damals in Bern und hatte ein Engagement in den USA, aber in den Ferien bin ich mal nach Malters gereist – und ich habe schnell festgestellt, dass das eine interessante Praxis war.

Sie sind mit elf Geschwistern aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?

Eines ist klar: Leute aus grossen Familien sind sozial eingestellt. Man weiss, dass man angewiesen ist aufeinander, und schaut zueinander, gerade zu den jüngeren Geschwistern. Gleichzeitig lernt man auch, seinen Weg zu gehen, weil Eltern und Geschwister einen nicht auf Schritt und Tritt behüten und begleiten können. Als ich meine Maturaprüfung hatte, sagte ich das meinen Eltern am Vortag. Sie wussten das zuvor gar nicht.

Leben alle Geschwister noch?

Zehn, eine Schwester ist als Kleinkind bei einem Unfall ums Leben gekommen.

Im Gegensatz zu jener Zeit, da Sie als Vorsteher als Luzerner Regierungsrat und als Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren häufig und zuweilen recht pointiert in den Medien präsent waren, hört man vom Suva-Präsident Dürr nur wenig. Was machen Sie da eigentlich?

Man ist in dieser Funktion natürlich eher im Hintergrund und für die strategische Ausrichtung des Unternehmens tätig. Ein ständiges Anliegen war es mir immer, unterschiedlichste Gruppierungen am Hauptsitz in Luzern willkommen zu heissen, diesen das über hundertjährige Gebäude zu zeigen und das erfolgreiche «Modell Suva» mit Prävention, Versicherung und Rehabilitation zu erläutern.

Sie sind seit 2014 Präsident der Suva. Welche Bilanz ziehen Sie ein halbes Jahr vor Ihrem Rücktritt?

Ich sehe mich als Änderungspräsident. Das grosse Thema war die kürzlich erfolgte Revision des Unfallversicherungsgesetzes, die den rechtlichen Rahmen der Suva gefestigt hat. Dann haben wir im Hinblick auf die künftigen Herausforderungen die Organisation neu aufgegleist und eine neue Strategie erarbeitet. Das hat sich gelohnt. Der neue CEO und die Geschäftsleitung sind etabliert. Der Suva geht es heute sehr gut. Wir haben ausgezeichnete Leute, wir können heute und in Zukunft allen Verpflichtungen nachkommen – und wir geraten auch nicht in enge Schuhe, wenn es an der Börse mal nicht so gut läuft.

Aber Sie hatten im Zuge der Revision des Unfallversicherungsgesetzes einige Angriffe abzuwehren.

Das stimmt. Ich bin mir vorgekommen wie damals als kantonaler Gesundheitsdirektor. Der Bund will überall dreinreden. Die Suva ist ein Stück weit ein Sonderfall. Der Bund steckt zwar den gesetzlichen Rahmen der Suva ab, ist aber finanziell in keiner Art und Weise involviert. Also ist nach unserem Ermessen sein Mitspracherecht auch eingeschränkt. Darum weist ihm das Gesetz ja auch lediglich die Oberaufsicht zu.

Ist das Verhältnis zwischen der Suva und dem Bund angespannt?

Zwischen mir und dem Bund ist es etwas angespannt. Ich glaube, einzelne Bundesvertreter sind nicht unglücklich, wenn ich Ende Jahr mein Amt abgebe (lacht).

Herrscht denn ein rauer Ton?

Wir fühlen uns oft nicht verstanden. Aber auch die Eidgenössische Finanzkontrolle wollte die Suva unter ihre Fittiche nehmen. Auch diesen Angriff konnten wir parieren. Wir haben schliesslich unsere eigene professionelle Kontrolle. Nicht nur beim Bund wird immer wieder vergessen, wie wichtig die Suva für den Arbeitsfrieden in der Schweiz ist. Denn bei uns sitzen im Suva-Rat Vertreter von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden an einem Tisch und erarbeiten zusammen Lösungen.

Aber hier in guter Gesprächskultur?

Absolut. Natürlich ist man nicht immer einig, aber man hört einander zu, und manch einer stellt an diesem Tisch auch fest, dass der Vertreter der Gegenseite gar nicht so schlimm ist.

Die Suva ist auf Erfolgskurs. Gleichzeitig musste sie unter Ihnen auch Leute abbauen. Wie kommt dies?

Wir mussten erstmals in der Geschichte der Suva diesen Schritt machen. Aber es gab keine Alternative. Nur so bleiben wir auch fit für die Zukunft. Wenn es einem gut geht, neigt man schnell dazu, Überqualität zu produzieren. Das muss von Zeit zu Zeit korrigiert werden. Ich kann aber sagen, dass wir mit wenigen Ausnahmen für die betroffenen Mitarbeitenden gute Lösungen gefunden haben.

Inwiefern setzt der Suva die Digitalisierung zu? Droht der Suva damit nicht der Wegfall von ganzen Berufsgattungen?

Die Digitalisierung ist in der Tat ein Unsicherheitsfaktor hinsichtlich des Prämienvolumens. Aber dass Berufsgattungen nicht mehr als gefährlich eingestuft werden und dadurch auch nicht mehr von Gesetzes wegen bei uns versichert sind, erleben wir bereits heute. Erst vor kurzem haben wir die Optiker als zu versichernde Branche abgetreten, weil bei ihnen die Gefahr, dass sie sich bei der Arbeit verletzen, nur mehr sehr gering ist. Einzig die Linsenschleifer sind noch immer bei uns versichert, weil in ihrer Branche wörtlich gemeint etwas ins Auge gehen kann.

Also bereitet Ihnen die Digitalisierung gar keine Sorgen?

Nein, zumindest sorgt sie nicht für schlaflose Nächte. Schliesslich hilft uns die Digitalisierung, auch unser eigenes Geschäft weiterzuentwickeln, ganze Prozesse neu zu denken. Schon heute prüfen wir jährlich rund 2,4 Millionen Rechnungen elektronisch. Davon sortiert unser System 1 Million Rechnungen wegen Auffälligkeiten aus. Diese wiederum werden von 60 Heilkostenspezialisten manuell kontrolliert. Sie prüfen vor allem, ob die bezogenen Leistungen unfallkausal sind, zur Diagnose passen – und ob sie dem Tarif entsprechen. Im vergangenen Jahr haben wir 280000 Rechnungen in der Höhe von 210 Millionen Franken zurückgewiesen, das sind täglich unbegründete Kosten in der Höhe von 570 000 Franken. Dank diesen systematischen Rechnungskontrollen zahlt die Suva nur für Leistungen, die gerechtfertigt sind. Denn die Kontrolle von heute ist die Prämie von morgen. Kurzum: Die Digitalisierung wird uns in Zukunft nicht nur effizienter, sondern auch noch effektiver werden lassen.

Apropos Krankenkassen: Die Prämien steigen und steigen. Was läuft schief im Gesundheitswesen?

Das ist ein hochkomplexes Thema und ein riesiger Markt, an welchem viele Player und auch viele Politiker beteiligt sind. Durchzusetzen in der Praxis ist es nicht, aber ich bin überzeugt, dass man mit drei, vier Federstrichen mindestens 20 Prozent sparen könnte.

Und mit welchen Federstrichen?

Man müsste die Leistungen der Grund- und Zusatzversicherung endlich auseinandernehmen. Heute kann vieles doppelt verrechnet werden, identische Untersuchungen werden häufig zweimal gemacht. Dann hat die ganze Apparatemedizin viel zu viel Gewicht erhalten, was auch die Kosten in die Höhe treibt. Zudem sollte man für jede Erstkonsultation eine Praxisgebühr von 20 bis 50 Franken bezahlen müssen – und zwar aus dem eigenen Sack. Das Problem ist doch, dass derjenige, der Leistung verlangt, nur marginal dafür geradestehen muss. Auf der anderen Seite werden wir auch gerne für das behandelt, wofür wir gar nicht zum Arzt oder ins Spital gegangen sind. Und es wird sehr viel gemacht, das gar nicht nötig ist. Deshalb ufern die Kosten immer mehr aus, zumal es auch keine scharfe Rechnungskontrolle gibt.

Wird es immer so weitergehen?

Kaum, irgendwann stösst unsere Gesellschaft an Grenzen. Bereits heute zahlen die Jungen die Zeche für uns Alte, werden doch über den Risikoausgleich jährlich etwa 5 Milliarden Franken verschoben. Gleichzeitig werden die Leute immer älter. Irgendwann wird es schwierig mit der Solidarität.

Wenn man Sie so reden hört, kann man sich schwerlich vorstellen, dass Sie sich Ende Jahr in den Ruhestand verabschieden. Da ist noch einiges Feuer drin in Markus Dürr.

Also ganz los wird man mich schon nicht. Ich bin noch in zwei Kliniken im Verwaltungsrat, und das bleibe ich auch. Zudem habe ich mit meinem Bruder eine Gemüsefirma gegründet. Wir sind mittlerweile einer der grössten Schweizer Hersteller von Tiefkühlgemüse.

Aber etwas mehr Freizeit bleibt Ihnen schon?

Ja, aber es wird mir sicher nicht langweilig. Ich bin zuerst einmal passionierter Grossvater. Aus dem Wunschtraum, wieder mit dem Fliegen zu beginnen, wird zwar kaum etwas (Anm.: Dürr hat die Motorfluglizenz und eine fliegerische Ausbildung für Instrumenten-Navigation und Kunstflug). Dafür ist es jetzt wohl zu spät. Aber meine Frau und ich reisen sehr viel. Gerade waren wir in Patagonien, sowieso immer wieder mal in Südamerika, auch mal im Himalaja. Jetzt ist eine Fischerreise nach Norwegen geplant. Überhaupt, das Fischen ist zu einer Leidenschaft geworden, das bringt mir etwas. Ich fische sehr gerne, im Rümlig oder in der Emme, aber immer aktiv, Spinn- und Fliegenfischen, nicht einfach nur dahocken. Aus der Emme habe ich kürzlich eine 47 Zentimeter lange Forelle gezogen. Nur mit den Felchen aus dem Sempachersee hat es noch nicht geklappt. Das ist auch noch ein Ziel.

Markus Dürr tritt Ende 2017 ab. (Bild: Boris Bürgisser (12. April 2017))

Markus Dürr tritt Ende 2017 ab. (Bild: Boris Bürgisser (12. April 2017))

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