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Interview

Judith Stamm zum Frauenstreik: «Es war wie ein Erntedankfest»

Die Vorkämpferin der Frauenemanzipation ist Protagonistin in einem Dokumentarfilm über die 68er-Bewegung in Luzern. Im Interview sagt sie, wie sie zur Bewegung steht.
Gina Bachmann

Im Vorfeld dieses Interviews erzählten Sie mir von einem älteren Mann, der Sie in der Stadt angeherrscht hat, endlich zu «schweigen». Warum war dieser Mann so wütend auf Sie?

Keine Ahnung. Er hat einfach gesagt, ich solle mich nicht mehr öffentlich äussern, das schade der Partei (Anmerkung der Redaktion: CVP). Da habe ich gesagt, dass ich den Parteipräsidenten anrufe und ihn das frage. Und ich habe den Herrn nach seinem Namen gefragt. Das hat ihm nicht gepasst. Aber ich habe gesagt, Sie, wenn Sie mich so «anpflumen», dann können Sie mir auch sagen, wie Sie heissen (lacht). Dann haben wir uns auf ein Streitgespräch eingelassen und am Schluss hatte ich das Gefühl, dass er richtig zufrieden war. Ich denke, der hatte einen Frust, den er zufällig an mir auslassen wollte. Und er war dann ganz erstaunt, dass jemand mit ihm spricht (lacht).

Judith Stamm war eine der ersten Luzerner Kantons- und später Nationalrätinnen. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 30. Juli 2019).

Judith Stamm war eine der ersten Luzerner Kantons- und später Nationalrätinnen. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 30. Juli 2019).

Sie sind eine der Protagonistinnen im Film «Nach dem Sturm», der die 68er-Bewegung in Luzern dokumentiert. Warum wollten die Filmer Sie befragen?

Sie fanden, ich sei als Figur gut. Ich habe ja bei der Polizei gearbeitet, das fanden sie interessant. Im Film bin ich quasi als Protagonistin der Frauenemanzipation in Szene gesetzt. Und das war natürlich auch ein Anliegen von den 68ern.

Sie arbeiteten damals bei der Luzerner Kantonspolizei, politisierten später für die CVP im Kantons- und Nationalrat. Hatten Sie überhaupt Sympathien für diese linke Bewegung?

Es ist ein bisschen an mir vorbeigegangen. Ich bin 1960 nach Luzern gekommen, habe bei der Polizei gearbeitet und war davon völlig erfüllt. Aber Strukturen aufbrechen und den eigenen Weg gehen, das war für mich immer ein unreflektiertes Motto. In diesem Sinn passe ich schon in den Film (lacht).

Hinweis

Der Dokumentarfilm «Nach dem Sturm» läuft am 5. August im Open Air Kino in Luzern.

Hätte die Einführung des Frauenstimmrechts noch länger gedauert ohne die 68er-Proteste?

1969 war ja der Marsch auf Bern der Emilie Lieberherr, das war eine Art Nachwelle. Ich denke, dass die Frauen dann erwacht sind und ihren Männern gesagt haben, sie sollen jetzt endlich vorwärtsmachen.

Der Film zeigt Archivaufnahmen von Leuten, die 1971 zur Einführung des Frauenstimmrechts befragt werden. Die Frau gehöre an den Herd, so der Tenor. Woher hatten Sie die Energie und den Mut, sich zu dieser Zeit Ihren Weg in die Polizei und die Politik freizuschlagen?

Das habe ich damals nicht reflektiert. Ich bin ja in Zürich aufgewachsen, mein Vater war reformiert, meine Mutter und ich katholisch. In der Schule war ich die einzige Katholikin. Auch am Gymi war ich die Einzige. Später haben sie mir gesagt, weisst du, das Wort Papst durfte man nicht in den Mund nehmen, da gingst du schon an die Decke (lacht). Ich will damit sagen, ein bisschen anders zu sein als der Mainstream, das weckt offenbar auch Kräfte.

Der Aufstand in Luzern war auch eine Reaktion auf das harte Durchgreifen der Polizei damals. War die Polizei wirklich so ein Schlägertrupp, wie von den 68ern behauptet?

Nein. In der ganzen Schweiz hat die Polizei von den Globuskrawallen in Zürich gelernt. Da muss es zu unschönen Sachen gekommen sein. Danach hiess es zum Beispiel, dass ein Beamter, der in Konfrontation mit Demonstranten steht und eine Person rausholt, diese nicht noch bis zur Arrestzelle begleiten soll. Leute, die emotional nicht involviert sind, sollten das übernehmen.

Gefällt Ihnen der Film?

Ja. Es fasziniert mich, wie man diesen Aufbruch in der Innerschweiz an verschiedenen Personen aufgehängt hat. Und dazu gibt es sehr schöne Landschaftsbilder. Die strenge Ordnung von damals ist das eine. Aber das andere ist das Ewige. Da kann man Aufstände und Spektakel machen – Berge und Wiesen leuchten einfach in der Sonne.

Vieles ist heute noch gleich?

Ja genau. Die Menschen sind vorübergehend, aber die Natur bleibt einfach. Das kam im Film für mich so zum Ausdruck.

Der Film wurde kritisiert, weil relativ wenige Frauen zu Wort kommen. Wie haben Sie das empfunden?

Ich habe mir das gar nicht überlegt, aber ich habe diese Kritik auch gehört. Die zentralen Figuren, Jo Lang, Thomas Hürlimann, Otti Frey, das sind natürlich Namen. Da ist es mir gar nicht in den Sinn gekommen, zu fragen, wo denn die Frauen sind. Und viele der profilierten Frauen sind schon gestorben. Elisabeth Blunschy beispielsweise oder Josi Meier.

Der Film wurde im Nachhinein um eine Sequenz erweitert, in der Sie am Frauenstreik in Luzern teilnehmen. Warum taten Sie dies trotz anfänglicher Skepsis?

Ich wohne in der Nähe und habe mir gedacht, ich gehe einmal schauen. Ich habe nicht am Marsch teilgenommen, bin da einfach rumspaziert. Aber es war ein sehr schönes Erlebnis, das ich so nicht erwartet hatte. Es war wie ein Erntedankfest. Verschiedene Frauen, eher so ab 50 aufwärts, haben mir und den Vorkämpferinnen gedankt. Aber meine Frage ist: Braucht es so viel Aufwand und Energie und Organisation? Und bringt es die Bestrebungen dann weiter? Man kann natürlich sagen, es sensibilisiert. Aber mit dem Sensibilisieren allein ist es nicht getan. Man muss handeln.

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