Jugenddorf Knutwil: Ein Dorf der letzten Chancen 

Gewalt, Drogen, Schulverweise: Wenn Jugendliche nicht mehr aus den Schwierigkeiten rauskommen, finden sie im Jugenddorf einen Platz. Oft wendet sich die Geschichte hier.

Rahel Lüönd
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Ich fahre an einem sonnigen Herbstmorgen ins Surental. Die Kälte treibt Nebelschwaden um die Gräser, ein Bauer pflügt mit seinem Traktor das in verschiedenen Erdtönen gezeichnete Feld. Auf der Anhöhe liegt das Dorf, in seiner Mitte die katholische Kirche, unten auf der Ebene der Weiler Bad Knutwil mit ein paar Häusern und der berühmten ­Mineralquelle – und auch dem Jugenddorf. Hier ist mein Ziel. «Gefällt euch die Aussicht?», frage ich ein paar Jugend­liche, die beim Unterstand rauchen. Sie lachen. Sie kennen ein spannenderes Leben als eines zwischen Bauernhöfen und Kirchgängen. Einer der Jungs antwortet: «Wenigstens hat man hier seine Ruhe.»

«Meist gab es eine Umkehrung
der Hierarchie in der Familie.»

Das Jugenddorf nimmt 14- bis 25-jährige junge Männer auf. Manche waren in Schlägereien, Drogenverkäufe, Einbrüche oder Kombinationen davon involviert und schon in anderen Heimen stationiert. Ihre Schulbildung ist lückenhaft, teils wurden sie von der öffent­lichen Schule ausgeschlossen. Rund die Hälfte wurde strafrechtlich platziert. Für ihr Umfeld sind sie zur Belastung geworden: Die Familien, Schulen und Behörden wissen nicht mehr weiter. Raffael Behr, Co-Gesamtleiter des Jugenddorfs, fasst die Ursachen dafür zusammen: «Meist gab es eine Umkehrung der Hierarchie in der Familie, hinzu kommen Perspektivlosigkeit und teilweise mehrfache Beziehungsabbrüche in anderen Institutionen, welche die Jugendlichen aus der Bahn geworfen haben.» Das sind nicht nur sozial schlechter gestellte, sondern junge Männer aus allen Schichten. Der Ausländeranteil im Jugenddorf liegt, proportional zur Schweizer Bevölkerung, bei 25 Prozent.

Wer im Jugenddorf bei  Knutwil landet, hat schon einiges auf dem Kerbholz. (Bilder: Jakob Ineichen, Knutwil, 17. Oktober 2018)

Wer im Jugenddorf bei Knutwil landet, hat schon einiges auf dem Kerbholz. (Bilder: Jakob Ineichen, Knutwil, 17. Oktober 2018)

Obwohl an diesem Morgen aufgrund der Aufteilung der Klasse in Mathematik und Werken nur zwei Schüler im Klassenzimmer sitzen, hat Alexandra de Ventura alle Hände voll zu tun. Sie pendelt zwischen den beiden Jungs, die alle paar Minuten nach Hilfe verlangen. Mirco* grübelt über einer Geometrieaufgabe: Ein Rechteck mit einem Umfang von 36 cm besteht insgesamt aus 6 b – wie viel ist ein b? Ohne Hilfe bleibt die Aufgabe für ihn unlösbar.

Über der Wandtafel hängen die Profile der Schüler auf Wappen von Fussballklubs. Mancher im Jugenddorf wäre wohl auch lieber Profifussballer statt Querschläger geworden. Mirco, 16, ist leidenschaftlicher GC-Fan. Er trägt ein Armani-Shirt, ausgeleierte weisse Sneakers und einen Flaum über der Oberlippe. Die Haare hat er seitlich rasiert, und eine Furche zieht sich zwischen die Stirn, wenn er sich konzentriert. Er sieht liebenswürdig aus. Seine Notizen macht der Junge auf einer Schreibunterlage, die er mit dem Signet von GC, einigen Pittbulls und einem Zitat des deutschen Rappers Kurdo gestaltet hat: «Ich habe Angst vor dem Tag, an dem Gott mir meine Eltern für immer wegnimmt.»

Zwischen  zwei Welten

Mircos Vater ist früh gestorben, kurz nach seinem sechsten Geburtstag kam er mit seinen drei Geschwistern und der Mutter, die einen Schweizer geheiratet hat, in unser Land. Er habe sich gut integriert, erzählt er: «Ich habe dem Nachbarn auf dem Bauernhof mitgeholfen und im Sportclub erste Erfolge gefeiert.» Doch wenn die andern lachten, wurde er schnell aggressiv, schlug zu, weil er nichts verstand, weil er sich nicht anders wehren konnte. Er fühlte sich hin- und hergerissen zwischen seinen Wurzeln und der neuen Heimat. Die Antwort ­darauf war ein Heim in der Nähe seiner Eltern. Ein Ort, der ihm nur noch mehr Probleme einbrachte: Zwei von drei Schuljahren schwänzte er.

Mirco mich heute durch die Räumlichkeiten im Jugenddorf führt, die Grundsätze und Regeln der Institution so professionell erklärt, als wäre er hier angestellt. Der 16-Jährige ist nun Vertreter seiner Wohngruppe im Jugendrat, wo er bei Entscheiden mitbestimmen kann. Er zeigt den Ämtliplan, den Medienraum und sein eigenes kleines Reich.

Auch körperlich werden die Jugendlichen gefordert.

Auch körperlich werden die Jugendlichen gefordert.

Stephan Meyer, der Leiter der Wohngruppe, kennt Mirco seit dem ersten Tag im Jugenddorf. «Am Anfang gehörte er zu den Jüngsten und musste seine Rolle erst finden», erzählt Meyer, «mittlerweile ist er ein Leader und kann die andern auch mal motivieren.» Selten habe er einen Jugendlichen gesehen, der seine Ziele so klar formulieren konnte und diese auch heute, ein Jahr später, nach wie vor verfolgt. Im Gegenzug sagt Mirco, warum alles plötzlich viel besser läuft als vorher: «Ich fühle mich ernst genommen und habe Vertrauen in meine persönlichen Betreuer. Der Druck kommt von mir selber, nicht von aussen.» Er reflektiert über sein Leben, wie es mancher ­Erwachsene nicht schafft – vielleicht zählen die schwierigen Jahre ja doppelt.

Time-out für Ausreisser

Nicht alle Jugendlichen benehmen sich so vorbildhaft wie Mirco. Co-Gesamtleiter Raffael Behr verteidigt sich scherzhaft, als ich ihn darauf anspreche, dass wir einen Musterschüler begleiten dürfen: «Ich musste doch sichergehen, dass der Jugendliche auch tatsächlich hier ist!» Es kommt schon mal vor, dass die jungen Männer «auf die Kurve gehen», wie sie im Jugenddorf sagen. Nur die ­wenigsten sind freiwillig im Jugenddorf, deshalb werden sie polizeilich aufgegriffen und zurückgebracht.

Was bleibt ihnen also, als sich wie Mirco möglichst in die Gemeinschaft einzugliedern? Die Regeln sind zwar streng, aber fair. Nach einem Phasen-Programm sind die Leitplanken anfangs und nach einer Krise eng, das heisst: kein Handy, kein Medienkonsum, frühe Nachtruhe. Mit der Zeit werden die Freiräume grösser, mit ihnen auch die Verantwortung. Null Toleranz gilt weiterhin beim Drogenkonsum, der nach jedem Wochenende getestet wird. Fällt ein Test positiv auf harte Drogen aus, ist die Konsequenz ein Time-out auf dem Bauernhof.

Wenn alles gut läuft, werden die ­Jugendlichen durch eine Lehre begleitet, die sie entweder in einem der Betriebe intern (siehe Box) oder in einem Partnerbetrieb absolvieren können. Der Erfolg, wenn man ihn denn benennen kann, ist relativ. Raffael Behr schätzt, dass etwa zwei Drittel der Männer letztlich einen Weg finden, der für die Gesellschaft verträglich ist. Manche von ihnen mit einer Zusatzschlaufe. Mirco möchte, wenn er nächsten Sommer seinen Schulabschluss in der Tasche hat, eine Lehre als Metzger oder Koch beginnen. Wenn er das Jugenddorf später verlassen darf, ist für ihn klar: «Ich gehe nach Hause zu meiner Familie.»

* Name der Redaktion bekannt

Das Jugenddorf in Knutwil Bad bietet Platz für 43 männliche junge Erwachsene aus der Deutschschweiz.

Das Jugenddorf in Knutwil Bad bietet Platz für 43 männliche junge Erwachsene aus der Deutschschweiz.

Schulabschluss und Lehre im Jugenddorf

Das Jugenddorf Knutwil Bad ist eine Institution, die der Abklärung von Jugendlichen und der Durchführung von Massnahmen der Jugendhilfe dient. Es stehen 43 Plätze für ausschliesslich männliche junge Erwachsene aus Deutschschweizer Kantonen zur Ver­fügung. Diese können im Jugenddorf ihren Schulabschluss machen beziehungsweise eine Lehre absolvieren. Auch stehen 8 Plätze für eine zeitlich ­befristete Abklärung zur Verfügung. Die internen Betriebe ermöglichen den jungen Männern, diverse Berufe wie Schreiner, Metallbauer, Maler oder Koch zu lernen. Darüber hinaus arbeitet die Institution mit Partnerbetrieben ausserhalb des Jugenddorfs zusammen. Um die Jugendlichen in eine schrittweise Selbstständigkeit zu führen, hat das Jugenddorf nebst den internen Plätzen auch externe Wohnungen gemietet. Nach dem Austritt kommt zudem automatisch das Programm «Care Leavers» zur Anwendung, in dem die Jugendlichen aktiv während zweier Jahre nachbetreut werden. (ral)

KNUTWIL BAD: Er führte mit «liebevoller Strenge»

Hanspeter Achermann ist seit 40 Jahren in der Jugendhilfe tätig. Als Direktor des Jugenddorfs Knutwil kamen ihm auch die Erfahrungen seiner Jugend zugute. Ein Fragezeichen setzt er hinter eine Strategie des Kantons und deren Folgen für die Institution.
Roseline Troxler