Jungem Syrer aus der Stadt Luzern droht die Ausweisung in seine fremde Heimat

Für Angriffe auf Menschen, Drogen- und Waffenbesitz sowie Nötigung beantragt die Staatsanwaltschaft am Kriminalgericht drei Jahre für einen 20-jährigen Flüchtling. Der Mann ist seit einem Jahr in Haft.

Roger Rüegger
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Die Liste der ihm angelasteten Delikte ist lang. Ein Syrer (20) wird von der Luzerner Staatsanwaltschaft beschuldigt, in mehreren Fällen Personen verprügelt zu haben. Bei der Verhandlung am Kriminalgericht am Dienstag gab sich der Beschuldigte, der zurzeit inhaftiert ist, wortkarg.

Auf die Frage einer Richterin, weshalb er am 5. Oktober 2018 von einer Person einen Schlagstock entgegengenommen habe, entgegnete der Mann, er wisse es nicht.

Weiter wollte die Richterin wissen, was es mit dem Abfallsack mit 499 Gramm Marihuana und 413 Gramm CBD-Marihuana auf sich hatte, die der Beschuldigte laut Anklage in einem Gebüsch beim Alpenquai deponiert hatte. Der Mann hatte keine Erklärung, obwohl er Fingerabdrücke auf dem Sack hinterliess. Bei den Untersuchungsbehörden führte er jedoch noch aus, dass das CBD ihm gehörte.

Zu den Vorwürfen des Angriffs auf einen Mann aus Basel erinnerte er sich besser. Laut Anklage hatte der Beschuldigte im April 2019 zwei Männer per Whatsapp informiert, dass es am 26. April eine Schlägerei geben werde. Die drei begaben sich an besagtem Tag zum Inseli in Luzern, wo sie dem Basler abpassten. Motiv war laut der Anklageschrift, dass der Mann in Kontakt mit der damaligen Freundin des Beschuldigten stand.

Der Beschuldigte soll dem Mann mit dem Fuss gegen die Beine getreten haben, während ein 20-jähriger Afghane mit einer Faust gegen den Kopf und den Unterleib des Schweizers geschlagen habe. Auch als das Opfer am Boden gelegen habe, soll die Gruppe weiter auf Kopf und Oberkörper getreten haben. Der Beschuldigte sagte:

«Der Typ gab Drogen an meine Freundin ab. Ich hatte Angst um sie, deshalb verpasste ich ihm eine leichte Ohrfeige.»

Seine Verteidigerin präzisierte: «Mein Mandant war beim Angriff nicht beteiligt. Er war nur vor Ort, weil er sich sorgte.» Auf einem Video der Auseinandersetzung erkannte jedoch eine anwesende Person den Beschuldigten. Die Handlung soll typisch für ihn sein, sagte sie den Untersuchungsbehörden. Auch die beteiligten Männer gaben an, dass der Beschuldigte dabei war. Er sagt dazu: «Stimmt nicht.»

Drei Wochen später hat der Syrer laut Anklage einem Burschen mit Schlägen gedroht. Er forderte ihn auf, aus seinem Versteck zu kommen. Er würde ihn nur «normal» schlagen. Falls er flüchten würde, gäbe es aber die doppelte Ration Prügel. «Der andere hat mich provoziert. Ja, ich habe ihn geschlagen, aber das war nur Spass», erläuterte er. Auf einem Video ist aber ersichtlich, dass der Beschuldigte mit Fäusten und Füssen auf sein Opfer geschlagen hatte.

Nach einem Wortgefecht schlug der Beschuldigte zu

Im August kam es erneut zu einer Schlägerei. Diesmal geriet der Beschuldigte mit drei Bekannten an eine Gruppe Männer. Nach einem Wortgefecht soll der Beschuldigte laut der Anklage zugeschlagen haben, seine Kollegen taten es ihm gleich. «Ich wollte die Gruppe trennen, darauf hat mich einer angegriffen», behauptete er.

Der Staatsanwalt betont, dass die Gewalt des Mannes jeweils mit massiver Energie ausgeführt worden sei. «Er zeigte weder Einsicht noch Reue.» Er sei 2014 mit seiner Familie in die Schweiz eingereist, lebe mit Geschwistern in geordneten Verhältnissen. In den Arbeitsmarkt habe er sich jedoch nicht integrieren können. Er lebe von der Sozialhilfe.

Der Staatsanwalt beantragte unter anderem für versuchte schwere Körperverletzung, Angriff, Drohung, Nötigung, Konsum und Besitz von Betäubungsmitteln sowie unbefugten Waffenbesitz eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Davon ein Jahr unbedingt und zwei Jahre bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren. Zudem sei eine Landesverweisung von sieben Jahren anzuordnen.

Die Verteidigerin fand, eine Strafe von drei Monaten und damit die Entlassung ihres Mandanten, der sich seit 363 Tagen in Untersuchungshaft, Sicherheitshaft und vorzeitigem Strafvollzug befindet, sei angemessen. Ihr Mandant sei schuldig des Konsums von Betäubungsmitteln, der einfachen Tätlichkeit sowie einfacher Körperverletzung. Von den anderen Vorwürfen sei er freizusprechen.

«Er ist nicht der dargestellte Aggressor»

«Hier geht es um die Vergangenheit und vor allem um die Zukunft eines jungen Mannes, der in einem Kriegsgebiet als Kind viel Leid erfahren musste. Er lernte schnell, dass der Stärkere regiert. Aber er ist nicht der von der Staatsanwaltschaft dargestellte Aggressor.»

Ein Landesverweis in seine Heimat wäre fatal, sagt die Verteidigerin. Durch die politische Aktivität seiner Familie müsste er mit Repressalien rechnen, wenn nicht gar mit seiner Ermordung. Das letzte Wort hatte der Beschuldigte: «Es tut mir mega leid.» Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.

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