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JUSTIZ: «Das Lehrersein habe ich satt»

Claudio Rossi wurde als Primarlehrer wegen angeblicher sexueller Übergriffe verhaftet. Die Justiz sprach ihn vollumfänglich frei. Doch die Freiheit schmeckt bitter.
Interview Roger Rüegger
Der freigesprochene ehemalige Primarlehrer Claudio Rossi (47) gestern in Luzern.

Der freigesprochene ehemalige Primarlehrer Claudio Rossi (47) gestern in Luzern.

Der heute 47-jährige Claudio Rossi wurde 2004 in Untersuchungshaft gesteckt. Die Vorwürfe: Der Luzerner Primarlehrer (4./5. Klasse) soll an mehreren seiner Schülerinnen sexuelle Handlungen durchgeführt haben. Fünf Jahre später sprach ihn das Kriminalgericht frei. Die Staatsanwaltschaft zog den Fall damals ans Obergericht. 2010 wurde er auch in zweiter Instanz freigesprochen. Daraufhin klagte Rossi den Kanton Luzern ein – und erhielt jetzt Recht (Ausgabe vom 1. Februar). Der Kanton Luzern muss Rossi Schadenersatz von 190 000 Franken und eine Genugtuung von 50'000 Franken bezahlen (siehe Box).

Claudio Rossi, sind Sie mit dem Schadenersatz-Urteil rehabilitiert?

Claudio Rossi: Das bin ich schon lange. Jedoch aus juristischer Sicht. Die Freisprüche waren entscheidende Momente. Körperlich und seelisch war ich aber bereits damals nicht mehr der Alte.

Wie fühlten Sie sich, als die Staatsanwaltschaft den ersten Freispruch ans Obergericht weiterzog?

Rossi: Es war mir egal. Ich hatte, was ich wollte, und würde dies nicht mehr hergeben. Die Staatsanwaltschaft hatte schon einmal verloren. Ich wusste, das dies auch vor Obergericht so sein würde.

Mit dem Freispruch des Obergerichts fühlten Sie sich wirklich frei?

Rossi: Es ist dermassen viel kaputt in meinem Leben, dass sich diese Freiheit ziemlich bitter anfühlt.

Dennoch, Sie haben gewonnen.

Rossi: Es war der Sieg im Kampf um meine Ehre. Aber er kam so spät, dass von früheren Verhältnissen so gut wie nichts mehr zu reparieren war. Ich musste eine neue Arbeit suchen. Dort hatte ich mich übernommen, sodass mein Herz versagte. Ich überlebte eine Herzoperation nur knapp und trug eine bleibende Hörschädigung durch die starken Medikamente davon. Nun war es vorbei mit den grossen Träumen.

Sie wurden damals in der Wohnung verhaftet. Sagte man Ihnen warum?

Rossi: Nur, dass es etwas mit Kindern zu tun hatte und dass es Anschuldigungen bezüglich meiner Arbeit mit ihnen gab. Um welche Kinder es sich handelte, ob aus dem Quartier, dem Bereich der ehrenamtlichen Kinderarbeit oder aus der Schule, sagte mir niemand.

Wie fühlten Sie sich angesichts dieser Anschuldigung?

Rossi: Ich wusste, dass ein Missverständnis vorlag, und hatte mir nichts vorzuwerfen. Ich wusste aber auch, dass mein Beruf und mein Leben nachhaltig beschädigt werden würden.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als sich die Zellentür schloss?

Rossi: Die Zelle war kein Problem. Man fühlt sich sicher vor Gemeinheiten von aussen. Das Grosshof-Gefängnis ist eine saubere Anlage; ich ärgerte mich, dass ich dort Zeit verschwendete, während draussen gegen mich gearbeitet wurde.

Ihnen wurde gekündigt, ohne dass Sie verurteilt waren.

Rossi: Schriftlich, während der Haft. Die Stelle wurde gekündigt, weil die Schule die Rückmeldung erhielt, es gäbe Erhärtungen des Verdachts.

Konnten Sie Stellung beziehen?

Rossi: Meine Meinung hätte in der Schule keinen Knochen mehr interessiert. Dort herrschte tiefster Notstand wegen besorgter Eltern und eifriger Journalisten.

Was hatte der Verlust der Arbeit für Auswirkungen?

Rossi: Ich hatte jahrelang als Fachlehrer und Aushilfelehrer gedarbt. Nun war ich endlich Hauptlehrer mit Klassenverantwortung. Ich habe mich reingekniet, um mein Schulzimmer aufzurüsten und Routine bei der Klassenführung zu bekommen.

Ihr Fall ist medial breit aufgearbeitet worden. Sie wurden auch vorverurteilt. Was haben Sie unternommen?

Rossi: Nach meiner Entlassung versuchte ich Gegensteuer zu geben mit E-Mails und Anrufen bei den Medien. Es war bereits zu spät. Es ist nicht populär, einen Angeschuldigten zu verteidigen.

Hat Sie die Gesellschaft geächtet?

Rossi: Ja. Nur habe ich nicht viel davon gespürt, weil ich anfangs bei den Eltern wohnte und mich tagsüber nicht auf der Strasse blicken liess. Ich erinnere mich aber an die Verunsicherung in den Blicken einzelner Nachbarn.

Haben sich Ihnen nahestehende Personen abgewendet?

Rossi: Die mir wirklich nahestehenden Personen stammen praktisch alle aus kirchlichen Kreisen und sind gläubige Christen. Nein, die tun so etwas nicht. Ich habe vom ersten Tag an Beistand gehabt. Jedoch litten meine Eltern. Als ich in Haft sass, wurde unser Vertrauen auf eine harte Probe gestellt.

Was wurde Ihnen von den Kindern zur Last gelegt?

Rossi: Ich hätte Brüste, Schoss und Schritte berührt. Wobei man bei genauem Hinsehen hätte feststellen können, dass kaum ein Kind von sich selbst sprach. Sondern es ging meistens um Gesehenes oder Gehörtes bei anderen.

Warum, glauben Sie, haben die Kinder Sie belastet?

Rossi: Bedenken Sie, dass ich bis heute nie habe nachfragen können. Ich weiss, dass die Anschuldigungen in Etappen erfolgten. Vier meiner Schüler wurden in eine andere Klasse versetzt. Der Ursprung war bei diesen zu suchen. Ich weiss, dass jene Lehrerin einen komplett anderen Unterrichtsstil pflegte als ich und dass es deshalb mit meinen Ehemaligen zu Problemen gekommen war. Ich glaube heute, dass sich meine Schüler innerhalb ihrer Klasse vor Mobbing schützen wollten und auf ihrem Ex-Lehrer herumzuhacken begannen, weil sie sich davon Popularität erhofften.

Eines der versetzten Kinder war ein Knabe, er spielte offenbar eine zentrale Rolle?

Rossi: Er hatte einfach ein loses, weitgehend unkontrolliertes Mundwerk, wenn er in Stimmung war. Von ihm stammt der Löwenanteil der Anschuldigungen. Er behauptete, man hätte auf dem Computer im Schulzimmer Sexbildchen anschauen können oder ich hätte die Mädchen gezwungen, Tangas zu tragen.

Hassten die Kinder Sie als Lehrer?

Rossi: Nein. Eines erwähnte sogar, dass es besser wäre, wenn sie bei Herrn Rossi in der Schule wären.

Dachten Sie je daran, Ihrem Leben ein Ende zu setzen?

Rossi: Ja. Einmal überlegte ich mir, warum ich mir das alles antue. Aber ich wusste, dass jemand da war, der alles im Blick und im Griff hat. Ich wollte Gott nicht das Ruder aus der Hand nehmen. Es heisst ja: Dein Wille geschehe.

Was machen Sie heute?

Rossi: Das Lehrersein habe ich satt. Mir wurde öfter vorgeworfen, ich sei näher bei den Schülern als beim Lehrerteam. Ich weiss nicht, was daran falsch ist. Ich hätte Lust, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, aber dazu fehlt mir im Alleingang die Kraft und bis jetzt das Geld. Ich gebe Nachhilfestunden für Kinder und Lehrlinge und lebe von Renten.

Wie hat sich die ganze Geschichte auf Ihr Privatleben ausgewirkt?

Rossi: Mir wurde früher schon das ewige Junggesellendasein vorgehalten. Ich hätte einst schon gerne eine Familie gegründet. Inzwischen hat sich meine Gesundheitslage verschlechtert, und mir ist selbst dazu die Lust vergangen.

Akzeptieren Sie das Urteil mit der Schadenersatzzahlung?

Rossi: Ja, besser wird es wohl nicht. Obwohl für mich der finanzielle Schaden grösser ist als die angebotene Summe.

Weiterzug offen

rgr. Nachdem das Kriminalgericht Lehrer Claudio Rossi 2009 freigesprochen hatte, zog die Luzerner Staatsanwaltschaft den Fall ans Obergericht. Der zuständige Staatsanwalt begründet auf Anfrage schriftlich: «Es ist bei Festhalten an Vorwürfen durch ein Opfer und bei gleichzeitig teilweiser Bestätigung durch Dritte heikel, sexuellen Missbrauch einfach fallen zu lassen. Die Vorwürfe erschienen nicht ausgeschlossen, auch wenn der Beschuldigte sie bestritt.» Solche Fälle seien aus Respekt vor dem Opfer dem Richter zu unterbreiten. Bei der Frage des Weiterzugs habe er sich durch die Kollegen der Staatsanwaltschaft beraten lassen.

240'000 Franken Entschädigung

Nach den Freisprüchen klagte Rossi den Kanton Luzern ein. Er verlangte rund 865'000 Franken für Erwerbsausfall, Rentenschäden, Genugtuung, Haftentschädigung und Verfahrenskosten. Die Richter entschieden am 23. Januar 2013, dass der Kanton Luzern dem Mann für die Dauer des Strafverfahrens Schadenersatz von 190'000 Franken bezahlen soll, zudem wegen Persönlichkeitsverletzung und Freiheitsentzug eine Genugtuung von 50'000 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hat noch nicht entschieden, ob sie den Fall weiterziehen will.

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