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Interview

Luzerner Gefängnis-Direktor tritt ab: «Die Sparpakete des Kantons haben viel abverlangt»

Nach sechs Jahren ist Felix Föhn (57) als Direktor der Justizvollzugsanstalt Wauwilermoos zurückgetreten. Im Interview erklärt er, wieso jeder Gefangene einzeln betreut werden soll – und woran die Politik arbeiten muss.
Niels Jost
Felix Föhn, Direktor der JVA Wauwilermoos, in der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt. (Bilder: Philipp Schmidli, Egolzwil, 23. September 2019)

Felix Föhn, Direktor der JVA Wauwilermoos, in der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt. (Bilder: Philipp Schmidli, Egolzwil, 23. September 2019)

Sie waren seit April 2013 Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wauwilermoos in Egolzwil. Sechs Jahre lang waren Sie von verurteilten Straftätern und Stacheldraht umgeben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Felix Föhn: Als ausgebildeter Sozialarbeiter bin ich es gewohnt, mit Menschen in schwierigen Lebensphasen umzugehen. Und was den speziellen Arbeitsort betrifft, hat er meine Arbeit teils sogar erleichtert. Dank der klaren Regeln und Strukturen konnte ich mich vertieft mit den Menschen auseinandersetzen. Denn anders als in «der freien Welt», in der ich zu betreuende Personen manchmal nur wöchentlich gesehen habe, konnte ich die Gefangenen hier in der geschlossenen Anstalt jeden Tag erleben.

Gab es denn nicht auch belastende Erlebnisse?

Natürlich gab es diese. Belastend habe ich zeitweise die Situation in der Ausschaffungshaft erlebt. Diese Menschen haben oft keine Perspektiven und keinen Ort, wo sie willkommen sind. Ohnmacht, Verzweiflung und Selbstverletzungen bringen die Insassen wie auch die Mitarbeiter an die Grenzen des Aushaltbaren.

Was haben Sie während Ihrer Amtszeit als Gefängnisdirektor erreicht?

In den sechs Jahren konnte ich trotz knapper Finanzen mit meinem Team einige Neuerungen umsetzen. Da wären etwa der Aufbau eines Montage- und Fertigungsbetriebs für psychisch und physisch beeinträchtigte Gefangene, die konsequente Umsetzung einer individuellen Vollzugsplanung, der Aufbau eines Fleischverarbeitungsbetriebs sowie die Erweiterung des Hofladens. Zudem ist die Anzahl der Fluchten sehr tief.

Wie viele Insassen flüchten aus dem offenen Vollzug?

Pro Jahr verzeichnen wir zwei bis vier unerlaubte Abwesenheiten, also wenn beispielsweise jemand zu spät von seinem Urlaub zurückkehrt. Dies bei immerhin 1600 Urlauben. Die Fluchtzahlen bewegen sich also im Promillebereich. Zudem bin ich dankbar, dass es während meiner Amtszeit zu keinem Todesfall gekommen ist.

Ihr Rücktritt kam überraschend, mitgeteilt wurde er erst Ende August. Wieso dieser schnelle Beschluss?

Diesen Schritt habe ich bereits im Frühsommer mit meiner Frau besprochen. Sie hat ihre Stelle auf denselben Zeitpunkt gekündigt, wie ich nun. Wir möchten eine gemeinsame Auszeit nehmen, um private Projekte zu realisieren. Ein weiterer Grund ist die anstehende Erweiterung und Sanierung der JVA Wauwilermoos. Diese möchte ich in neue Hände geben.

Hätte es Sie denn nicht gereizt, die Erweiterung mitgestalten zu können?

Der Entscheid ist mir in der Tat nicht leicht gefallen. Jedoch habe ich das Projekt bereits im Jahr 2013 angestossen. Wegen knapper Kantonsfinanzen, Sparpaketen und dem budgetlosen Zustand 2017 hat sich das Projekt verzögert. Die Fertigstellung ist für 2030 vorgesehen, also lange nach meiner Pensionierung. Deshalb soll die Planung und Konzipierung nun gleich die neue Person angehen.

Sie sprechen das Sparen des Kantons an. Geprüft wurde etwa ein «Super-Direktor» für die Gefängnisse Wauwilermoos und Grosshof. Wie haben Sie diese Diskussion wahrgenommen?

Der anhaltende Sparauftrag ist eine grosse Herausforderung und war belastend. Zur Idee eines einzigen Direktors habe ich der Regierung eine Analyse abgegeben.

Mit welchem Resultat?

Ich bin gegen einen solchen «Super-Direktor». Meiner Meinung nach muss ein Direktor vor Ort präsent sein. Zudem hätte die Schaffung dieser Funktion mehr administrativen Aufwand mit sich gebracht. Der Entscheid der Regierung, die Pläne zu verwerfen, war richtig.

Felix Föhn im Bio-Hofladen des Gefängnisses Wauwilermoos.

Felix Föhn im Bio-Hofladen des Gefängnisses Wauwilermoos.

Sie sagen, der Spardruck sei belastend. Wie hat sich dieser geäussert?

Wir mussten an diversen Orten Einsparungen vornehmen. So haben wir etwa die Produktion in unseren Betrieben überprüft, um sie wirtschaftlicher zu gestalten. Dadurch konnte der Aufwand seit meinem Amtsantritt von 14,1 Millionen auf 12,5 Millionen Franken reduziert werden. Gleichzeitig konnten wir das Defizit halbieren. Diese Bemühungen haben von allen Mitarbeitern viel abverlangt.

Bei Ihrem Amtsantritt sagten Sie, die Reintegration habe erste Priorität. Schaffen die Straftäter den Schritt in die Gesellschaft tatsächlich wieder?

Die Rückfallquote ist in den letzten 25 Jahren schweizweit stetig gesunken. Das ist ein Indiz dafür, dass gute Arbeit geleistet wird und die richtigen Methoden angewandt werden.

Welche Methoden sind das?

Ein Schlüssel ist die konsequente Umsetzung der individuellen Vollzugsplanung und der Risikoeinschätzung, bei der wir hier im «Wauwilermoos» Pionierarbeit geleistet haben. Diese beginnt mit einem persönlichen Gespräch zwischen mir und dem Delinquenten und wird im Rahmen der Deliktaufarbeitung mit jedem Gefangenen durch unser geschultes Personal fortgesetzt. Dabei muss beispielsweise ein adäquates Sozialverhalten eingeübt werden. Ebenso müssen die Inhaftierten die Einsicht erarbeiten, dass legales gegenüber kriminellem Verhalten lohnens- und erstrebenswert ist.

Welche Rolle spielen bei der Reintegration die Arbeitsstätten im offenen Vollzug?

Eine grosse. Der offene Vollzug ist ein Übungsfeld für das, was die Gefangenen nach ihrer Haftstrafe in der Gesellschaft erwartet – halt in einem geschlossenen Setting. Viele Gefangenen haben bei ihrem Eintritt keine inneren Strukturen, deshalb brauchen sie klare äussere Strukturen und Regeln. Sobald das verfängt, ist es beeindruckend, die Entwicklung der Männer miterleben zu dürfen. So haben während meiner Tätigkeit rund 75 Gefangene eine externe Berufsbildung begonnen. 30 von ihnen konnten während des Vollzugs ihre Ausbildung abschliessen, etwa in Form einer Lehre mit Eidgenössischem Berufsattest EBA.

Neben diesen Vorteilen des offenen Vollzugs: Wo sehen Sie die zukünftigen Herausforderungen?

Vor allem in zwei Bereichen. Ein professioneller Vollzug benötigt genügend fachlich qualifiziertes Personal. Dieses ist nicht zum Nulltarif zu erhalten. Oder anders formuliert: Unsere Sicherheit ist ein wichtiges Gut und hat seinen Preis. Die Politik ist hier gefordert.

Und die zweite, künftige Herausforderung?

Die Digitalisierung. Neue Technologien verändern die Gesellschaft rasant. Der oftmals etwas träge Strafvollzug muss sich dem stellen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Auf Stellen- oder Wohnungsinserate muss man sich häufig online bewerben. Oder bei Berufsausbildungen werden heute die Hausaufgaben auf online Plattformen gepostet. Nur ist der Internetzugang in der JVA Wauwilermoos verboten und unser Internet-Corner kommt an den Anschlag. Hier sind Lösungen gefragt.

Das Büro ist bereits aufgeräumt: Felix Föhn tritt Ende September als Direktor der JVA Wauwilermoos zurück.

Das Büro ist bereits aufgeräumt: Felix Föhn tritt Ende September als Direktor der JVA Wauwilermoos zurück.

Sie sind nun 57 Jahre alt – eine Frühpensionierung kommt wohl noch nicht in Frage. Wie geht es für Sie beruflich weiter?

Ende Jahr möchte ich mich neu orientieren. Im Zentrum meiner Arbeit stand bisher immer der Mensch in schwierigen Lebensumständen. Neben dem persönlichen Schicksal bewegt mich immer auch die Frage, welche Hilfestellungen wir als Gesellschaft dabei geben können. Das wird auch in Zukunft so sein.

Felix Föhn: Für die Bildung im Strafvollzug eingesetzt

Felix Föhn (57) ist Ende September als Direktor der Justizvollzugsanstalt Wauwilermoos zurückgetreten. Der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder aus dem Seetal hatte zuvor die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe in der Stadt Luzern aufgebaut, war Leiter des SAH Zentralschweiz und hat unter anderem das schweizweite Angebot Bildung im Strafvollzug aufgebaut.

Föhns Nachfolger im «Wauwilermoos» ist noch nicht bekannt. Der Kanton hat die Stelle ausgeschrieben. Interimistisch leitet es Stefan Weiss, Leiter der Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug. (jon)

Wauwilermoos: offener Vollzug und Ausschaffungsgefängnis

Die Justizvollzugsanstalt Wauwilermoos in Egolzwil ist eine offene Anstalt für Männer mit 64 Plätzen. Untergebracht sind verurteilte Straftäter, bei denen keine Gemein- oder Fluchtgefahr besteht. Zudem gibt es in einer geschlossenen Abteilung ein Ausschaffungsgefängnis mit 14 Plätzen.

Im «Wauwilermoos» stehen über 60 Arbeitsplätze für Gefangene zur Verfügung: ein Landwirtschafts- und Fleischverarbeitungsbetrieb, eine Gärtnerei, einen Bio-Hofladen, einen Bibliotheksdienst, eine Baugruppe sowie ein innerer Dienst. (jon)

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