KABARETT: Emil Steinberger: «Ich stehe noch mittendrin»

Obwohl ihm das Historische Museum Luzern eine Ausstellung widmet: Emil Steinberger (82) ist noch kein Museumsstück. Im Interview spricht er über Sommerzeit, fehlende Zeit, das Rad der Zeit und die kommende Zeit.

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«Mein Vorteil war, dass ich gar nie Kabarettist werden wollte»: Emil Steinberger mit Fotos von ganz frühen Emil-Figuren im Historischen Museum Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

«Mein Vorteil war, dass ich gar nie Kabarettist werden wollte»: Emil Steinberger mit Fotos von ganz frühen Emil-Figuren im Historischen Museum Luzern. (Bild Corinne Glanzmann)

Interview Hans Graber

In der Nacht auf heute haben viele Menschen eine Stunde weniger geschlafen. Wie halten Sie es mit der Sommerzeit?

Emil Steinberger: Wohl wie der Durchschnitt. Am Tag der Umstellung fehlt einem die Stunde schon ein wenig, aber man gewöhnt sich schnell daran, und im Herbst wird einem das jetzt Verlorene ja wieder geschenkt. Ein Tag mit 25 Stunden hat auch was für sich, ich könnte ihn öfter gebrauchen.

Was mögen Sie lieber, Sommer oder Winter?

Steinberger: Die Zeit des Wechsels in den Frühling empfinde ich als die schönste, vor allem, wenn es dann wieder richtig grünt. Aus meiner Bubenzeit ist mir in schöner Erinnerung, wie wir jeweils zum ersten Mal die kurzen Hosen anziehen durften. Wenn Mutter mir die kurzen Hosen gab, wusste ich: Jetzt ist es wieder wärmer draussen. Ein gutes Gefühl.

Auf den Winter könnten Sie ver­zichten?

Steinberger: Ein bisschen Winter ist in Ordnung, aber wenn es dann ab November oder noch früher immer nur noch grau, grau, grau und nochmals grau ist, schlägt das schon aufs Gemüt. Dass wir Menschen das aushalten, ist nicht selbstverständlich und verlangt einem so einiges ab.

Noch einmal zur fehlenden Stunde heute: Wo sparen Sie diese ein?

Steinberger: In meinem Alter hat man das Privileg, dass man morgens nicht gleich aufstehen muss und sich nach dem Erwachen im Bett noch einmal auf die andere Seite drehen kann. Vielleicht verzichte ich auf das Drehen. Oder es gibt nur eine halbe Drehung. (lacht)

Als einen, der am liebsten auf der faulen Haut liegt, kennt man Sie aber nicht.

Steinberger: Nein, nein, das ist auch gar nicht möglich. Es ist nach wie vor praktisch jeden Tag Programm bei uns, und der Zeitplan wird uns häufig von aussen diktiert. Auch Niccel. Sie organisiert die Tourneen, betreut unseren Verlag, kreiert Plakate, gestaltet das Programm alles wird bei uns zu Hause gemacht, und da muss Niccel dran glauben, weil sie die Technik beherrscht und halt alles am besten kann.

Eine Ehre oder eine Last, Frau Steinberger (sie ist beim Interview dabei)?

Niccel Steinberger: (lacht und schweigt) ...

Emil: ... sags nur ...

Niccel: Es ist beides, also schon auch Last. Aber wir haben teils schlechte Erfahrungen gemacht, wenn wir die Sachen auswärts gaben, deshalb ist es am besten, wenn wir das selber machen. Ich arbeite gerne, aber manchmal würde ich mir effektiv mehr Freizeit wünschen. Die ist bei uns fast nicht existent, ebenso Feierabende und freie Wochenenden.

Emil: Ab und zu müssen wir uns aber eingestehen, dass wieder ein Limit erreicht ist und es nicht so weitergehen kann. Manchmal helfen schon 50 Kilometer Distanz, um vollkommen abschalten zu können, manchmal auch ein spontaner Gang ins Kino.

Sie könnten es sich doch leisten, gar nichts zu machen. Ich unterstelle ­Ihnen deshalb, dass Sie es gar nicht anders wollen. Sie brauchen das.

Steinberger: Wenn ich überhaupt nicht mehr gefragt wäre, würde mir das sicher wehtun. Solange ich in vollen Häusern auftreten kann, bereitet das zugegebenermassen viel Spass, und da nimmt man auch in Kauf, dass es teils zu viel wird. Aber einfach so die Zeit verplempern, das könnte ich glaub wirklich nicht.

Ich schon, und gerade das Verplempern gefällt mir ausserordentlich.

Steinberger: Das ist eine schöne Gabe, aber mich juckt es halt dauernd, wenn ich einen Schritt nach links, nach rechts, nach vorne oder nach hinten mache immer fällt mir etwas auf, das erledigt sein sollte. Und zu Sachen, die ich gerne mache, fallen fast automatisch eben auch jene an, die ich nicht so gerne mache.

Wir sind hier im Historischen Museum Luzern, das Ihnen eine Sonder­ausstellung widmet. Wie haben Sie reagiert, als diese Anfrage gekommen ist?

Steinberger: Im ersten Augenblick habe ich gedacht: Das gibts ja nicht. Eine Ausstellung. Über mich. In einem historischen Museum. Als mir aber Museumsdirektor Christoph Lichtin das Konzept unterbreitete, änderte ich meine Meinung. ­Hoppla, da hat sich jemand etwas überlegt. Herr Lichtin wollte wissen und zeigen, was den Emil geprägt hat, wie seine Figuren entstanden sind und so weiter. Manchmal wusste er aufgrund seiner Recherchen mehr über mich als ich selber. (lacht)

Und trotzdem, Emil und Historisches Museum ...

Steinberger: ... ja, zwischen Hellebarden und Ritterrüstungen. Ich habe mich anfänglich auch gefragt, was das mit Emil zu hat, aber heutige Kuratoren konzipieren keine Ausstellung, um sie alle zwei Wochen abstauben zu können, sondern sie suchen neue Themen, auch ausserhalb des angestammten Bereiches. Die vorhandene Infrastruktur lässt sich breiter nutzen. Auch für einen Emil, auch wenn ich mich noch nicht im strengen Sinn als museumsreif erachte ...

Haben Sie die Ausstellung mitge­staltet?

Steinberger: Nein, ich hatte Vertrauen zu Herrn Lichtin und wollte das andere machen lassen. Ich habe meine Archive geöffnet und Requisiten hervorgekramt, wenn etwas gewünscht war, aber die Ausstellung habe ich heute (das Interview fand am Dienstag statt) zum ersten Mal gesehen so weit sie bereits fertig ist.

Und?

Steinberger: Das kommt gut. Allein die Wand mit der grafischen Darstellung der verschiedenen Stränge meines Lebens das hat mich umgehauen. Ich hatte es ja nie so mit Jahreszahlen, aber wenn man auf diese Weise auf sein gut 80-jähriges Leben zurückblicken kann, ist das schon imponierend. Vor allem auch, weil es ein gesunder Rückblick ist.

Wie meinen Sie das?

Steinberger: Es gab keine markanten Tiefs in meinem Leben, die Kurve zeigte nie steil abwärts.

Ein Glückspilz. Kann man das steuern?

Steinberger: Bezüglich Kabarett war wohl der entscheidende Vorteil, dass ich gar nicht Kabarettist werden wollte. Wenn ich das als 20-, 30-Jähriger gezielt angesteuert hätte, wäre womöglich alles anders gekommen. Aber ich habe Postbeamter gelernt und wenn auch unglücklich – diesen Beruf ausgeübt. Kabarett war nebenbei, das machte ich aus reinem Spass, nicht weil ich musste.

Meines Erachtens geht Ihr Glück noch viel weiter zurück, zu Ihrer Taufe. Emil. Das passt einfach. Mit einem Vornamen wie etwa Hermann wäre das nichts geworden.

Steinberger: (lacht) Ja. Auch mit Joseph nicht und Alois und vielen anderen nicht. Emil, das passt schon. Irgendetwas ist in diesem Namen drin. Er ist nicht aggressiv, er hat etwas Liebenswürdiges an sich, und dann gab es auch noch die sympathische Emil-Figur von Schriftsteller Erich Kästner. Ich habe wirklich nie nach einem Künstlernamen gesucht.

Eben, Glück.

Steinberger: Ja, aber Zuverlässigkeit, Exakt­heit und Seriosität waren schon auch immer dabei, zum Glück gehörten auch die Eigenschaften eines Steinbocks.

Kommt bei so einer öffentlichen Rückschau auf das eigene Leben nicht auch Wehmut auf, zumal Sie wenn Sie mir die Bemerkung erlauben – ja nicht mehr der Jüngste sind?

Steinberger: Nein, eben nicht Wehmut. (lacht) Ich finde, dass ich noch mittendrin im Leben stehe, statistisch natürlich nicht, aber nach wie vor mit haufenweise Ideen und Plänen im Kopf. Ich werde noch so einiges realisieren wenn es die Gesundheit erlaubt. Das weiss man nie, auch das ist mir bewusst.

Dabei hatten Sie doch schon 1987 mit dem Emil abgeschlossen.

Steinberger: Ich musste damals einfach ausbrechen, etwas anderes machen, wollte die Figur Emil vergessen. Weil das hier nicht gelang, bin ich 1993 sechs Jahre nach New York gegangen, dort kannte mich niemand, ich konnte das Leben mal einfach an mir vorbeilaufen lassen. Aber wie es so geht, man bleibt sich und seinen Vorsätzen nicht immer treu. Es kamen interessante Angebote, Werbung, Tourismus, zudem hatte ich eine neue Frau, die kreativ und aktiv ist und einen unterstützt.

Wenn man das Rad der Zeit zurückdrehen könnte: Was würden Sie anders machen?

Steinberger: Ich glaube nichts. Natürlich, ich hatte es nicht immer nur einfach. In meinem Elternhaus sah man es vorerst nicht so gerne, dass ich mich in Richtung einer künstlerischen Tätigkeit bewegte, Postbeamter war für mich keine Herzensangelegenheit. Als ich dann an der damaligen Schule für Gestaltung Grafiker lernte, mich mehr und mehr dem Kabarett verschrieb und zusammen mit meiner ersten Frau noch das Kleintheater Luzern gründete und Kinos betrieb, entsprach das zwar meinen Neigungen, aber diese Zeit war auch mit vielen Entbehrungen verbunden. Wir mussten da jahrelang schmal durch.

Und wann kam der Durchbruch?

Steinberger: Mit der Schweizer Tournee 1971, in lauter ausverkauften Häusern. Da gab es dann wirklich erstmals Ba­tzeli ...

Die Nummern, die Sie damals spielten, hören sich noch heute gut an. Die Welt hat sich in den letzten 42 Jahren markant verändert, Ihre Figuren scheinen aber zeitlos aktuell.

Steinberger: Ja, denn die Verhaltensweisen der Menschen sind trotz allen äusseren Veränderungen weitgehend gleich geblieben und zu einem Grossteil auch ihr Humorverständnis. In meiner Nummer lacht man wahrscheinlich auch immer ein wenig über sich selber. Die Zeitlosigkeit der Figuren rührt auch daher, dass ich nie politisches Kabarett gemacht habe. Die Inhalte von damals wären längst überholt.

Wissen eigentlich die jungen Leute von heute noch, wer Emil ist?

Steinberger: Nur sehr beschränkt, je nach Elternhaus. Wenn die Eltern ihren Kindern mal eine Emil-CD oder eine Emil-DVD geben, ist es gut möglich, dass sie damit ein Virus einpflanzen. Aber ich werde das auch selber noch ein wenig versuchen. In meiner nächsten Tournee «Emil No einisch» werde ich ab Herbst ein paar alte Emil-Nummer einbauen.

«No einisch» kann man je nach Betonung als Bitte verstehen, als leicht empörte Frage oder als Drohung.

Steinberger: (lacht) Das ist nicht unbeabsichtigt. Es dürfen alle denken, was sie wollen.

Ich denke, die Steinbergers hätten eigentlich von Montreux statt nach Basel auch nach Luzern zügeln können. Man hat Sie hier immerhin zum Ehrenbürger ernannt.

Steinberger: Das weiss ich sehr zu schätzen, aber ich mag Luzern lieber aus etwas Distanz, als hier zu sein. Es würde mir hier wieder den Ärmel hineinnehmen. Es würde von mir erwartet, dass ich mich engagiere, dass ich Stellung beziehe. Das will ich nicht mehr. Ich mag Luzern sehr, aber was einem nahe liegt, regt einen manchmal auch auf.

Was zum Beispiel?

Steinberger: Genau solche Stellungnahmen möchte ich vermeiden. Man wird schnell missverstanden, eine Aussage wird überbewertet, gerät in den falschen Hals.

Jetzt leben Sie mitten in Basel. Zufrieden dort?

Steinberger: Absolut. Wir waren gerne in Montreux, aber nach sechs Jahren Englisch und 15 Jahren Französisch wurde die Sehnsucht nach dem Schweizerdeutschen übermächtig. Wieder mal alles auf Anhieb verstehen, was die Leute auf der Strasse oder auf der Theaterbühne sagen, ohne dass man das Übersetzungsprogramm im Kopf einschalten muss, das hat schon was für sich. Das haben wir sehr vermisst.

Hat man während der Emil-Ausstellung (bis 6. September) die Chance, mal das lebende Original zu sehen?

Steinberger: Wir werden schon ab und zu hier sein, aber wann genau, ist etwas ungewiss. Am besten, man besucht die Ausstellung jeden Tag. Oder man bedient die Kasse. (lacht)

Ein paar Stationen aus Emils Leben

1933 Geboren am 6. Januar in Luzern (Wohnadresse: Tödistrasse) als Sohn des Buchhalters Rudolf Steinberger und dessen Frau Creszentia, geb. Horat.
1943 Messdiener Pfarrei St. Paul.
1948 Welschlandjahr Porrentruy.
1953 Rekrutenschule Morges.
1966 Heirat mit Maya, geb. Rudin. Sohn Philipp (1969 geboren).
1967 Eröffnung des Kleintheaters am Bundesplatz Luzern.
1977 Tournee mit Circus Knie.
1978 Hauptrolle in «Die Schweizermacher» von Rolf Lissy.
1980 Geburtshelfer beim Neustart des Circus Roncalli in Köln. Geburt des zweiten Sohnes Martin.
1987 Steinberger tritt zum (vorerst) letzten Mal als Emil auf.
1993 Rückzug nach New York. 1999 heiratet er dort Niccel Kristuf.
1999 Das Paar kehrt in die Schweiz zurück, lebt 15 Jahre in Montreux.
2000 Eigener Verlag (Edition E).
2008 Ehrenbürgerrecht der Stadt Luzern zum 75. Geburtstag.
2014 Umzug nach Basel.
Quelle: «Geschichten, die das Leben schrieb. Materialien zu Emil Steinberger», Historisches Museum Luzern, 2015 (Ausstellungsführer).

Emil Steinberger und seine Frau Niccel an der Eröffnung der Schau "EMIL. Die Ausstellung". (Bild: Keystone)
16 Bilder
Eine Schallplatte von "Emil - Die 2(te)". (Bild: Keystone)
Emil Steinberger posiert vor dem legendären "Schwedenmodell". (Bild: Keysstone)
Eine Figur von Emil Steinberger. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger und seine Frau Niccel. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger und seine Frau Niccel. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger posiert vor seinem Porträt. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger posiert vor seinem Porträt. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger posiert vor einer seiner gespielten Figuren. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger sieht sich Postkarten mit seinem Bild an. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger sieht sich Ausstellungsstücke an. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger sieht sich Ausstellungsstücke an. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger sieht sich Ausstellungsstücke an. (Bild: Keystone)
Emil Steinberger posiert vor einer seiner Figuren. (Bild: Keystone)

Emil Steinberger und seine Frau Niccel an der Eröffnung der Schau "EMIL. Die Ausstellung". (Bild: Keystone)