KABARETTIST: Veri: «Im Rückblick rückt man sich nochmals ins rechte Licht»

Thomas Lötscher schaut als Veri zum 10. Mal auf das Jahr zurück. Für einen Auftritt liest der 56-Jährige bis zu 70 Zeitungsartikel. Den Weg auf die Bühne fand der gelernte Autospengler per Zufall.

Niels Jost
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Thomas Lötscher: «Ich habe meine Meinung nie zurückgehalten.» (Bild: Nadia Schärli (Malters, 20. 12. 2016))

Thomas Lötscher: «Ich habe meine Meinung nie zurückgehalten.» (Bild: Nadia Schärli (Malters, 20. 12. 2016))

Interview: Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Thomas Lötscher, Sie haben soeben die Servierdame geduzt und kennen den Chef. Sie scheinen nicht zum ersten Mal im Restaurant Bahnhof in Malters zu sein.

Nein, ich esse hier oft zu Mittag. Weil ich viel zu Hause arbeite, brauche ich die Abwechslung, um mich neu inspirieren zu lassen.

Und dafür ist das «Bahnhöfli» der geeignete Platz?

Ein Stammtisch-Gast bin ich hier nicht – ich lasse mich immer wieder an anderen Orten inspirieren. Kürzlich fuhr ich zum Beispiel mit der SBB-Tageskarte herum, beobachtete frühmorgens die stillen Pendler und hörte nach dem «Schichtwechsel» der Passagiere bei den GA-Rentnern hin.

Wird sich Ihre Figur Veri also auf der Bühne bald über die Pendler beschweren?

Gut möglich, Veri nimmt vor niemanden ein Blatt vor den Mund. Auch nicht vor Politikern oder Wirtschaftsführern.

Selbst dann nicht, wenn diese Personen im Publikum sitzen?

Nein, auch dann nicht. Damit müssen sie leben. Ausser wenn das Publikum dem Betroffenen sehr nahe steht, dann kann ich ihm nicht die Hosen runterlassen. Nicht aus Rücksicht vor der Person, sondern aus Rücksicht vor der Stimmung. Egal wie gut meine Pointe ist, es würde niemand wagen zu lachen.

Gabs auch schon unangenehme Rückmeldungen?

Wenn, dann meist nur über Umwege – oder per Zufall, wie vom Luzerner Bildungsdirektor Reto Wyss. Er hat erfahren, dass ich ihn auf der Bühne einen «Höse-ler» genannt habe, weil er bei der Demonstration gegen die Sparmassnahmen nicht vor die Tür getreten ist und nicht mit den Leuten diskutiert hatte. Zugegeben, ich hatte einen roten Kopf und einen hohen Puls. Aber ich habe mich gerechtfertigt. Wäre er hinausgegangen und hätte er seinen Standpunkt erklärt, hätte man über die Argumente diskutiert – und nicht über sein Image. Dieses habe ich dann halt ins Programm genommen.

Politische Satire scheint Ihnen zu liegen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe meine Meinung noch nie zurückgehalten. Als Jugendlicher habe ich das Gymnasium geschmissen und stattdessen eine Lehre als Autospengler gemacht. Später absolvierte ich doch noch die Handelsschule und die Wirtschaftsinformatikschule, schliesslich landete ich in der Unternehmensberatung in der Pharma-Branche.

Das tönt nach viel trockener Büroarbeit. Wie sind Sie auf die Bühne gekommen?

Ich habe schon immer Laientheater gespielt. 2004 haben Freunde von mir eine Comedy-Nacht organisiert und lokale Talente gesucht. Dann ist die Figur Veri entstanden. Meine Freunde haben mich «überschnorret», weiterzumachen. Ich hatte nie vor, Kabarettist zu werden. Aber eines führte zum anderen, und Veri hat sich Schritt für Schritt weiterentwickelt.

Seit über zwölf Jahren spielen Sie nun den naiven Abwart – Ihr Erfolgsrezept?

Veri darf zu allem und jedem etwas sagen. Als Abwart sieht und hört er alles. Er ist nicht gebildet, aber gescheit – das kommt an. Mit oft politischen Themen spreche ich aber eine viel kleinere Zielgruppe an als etwa das Cabaret-Duo Divertimento: interessierte Erwachsene aus der Deutschschweiz, keine Kinder. Das macht es nicht immer ganz einfach.

Verraten Sie uns, wie Sie sich auf einen Auftritt vorbereiten?

Ich lese viel Zeitung, lege gewisse Artikel auch auf die Seite. Für meinen letzten Auftritt in Basel waren das an die 70 Artikel. Schliesslich muss ich wissen, wie die Regierung dort zusammengesetzt ist und was gerade das Gesprächsthema ist. Manchmal kontaktiere ich Personen auch direkt und frage sie, wie etwas genau abgelaufen ist.

Dann schreiben Sie für jeden Auftritt ein neues Programm?

Das nicht, aber jeder Auftritt ist anders. Ich gehe immer auf die Zuschauer ein, schaue, wie sie auf bestimmte Themen reagieren. Gewisse Pointen überspringe ich oder lasse sie ganz weg.

Wieso blicken wir eigentlich immer zurück – wäre es nicht interessanter, in die Zukunft zu schauen?

Mit dem Blick aufs vergangene Jahr wollen wir die Ereignisse einordnen und korrigieren. Wer als Politiker im Rückblick nicht erwähnt wird, geht vergessen. Nehmen wir als Beispiel Bundesrat Johann Schneider-Ammann: Wegen seiner Reisen nach China, Saudi-Arabien und Iran zieht er für sein Präsidialjahr eine erfolgreiche Bilanz. Er gilt als Türöffner der Wirtschaft. Dass dies aber alles Länder sind, die Menschenrechte verletzen, daran erinnern wir uns nicht. Denn im Rückblick rückt man sich und sein Image nochmals ins rechte Licht, indem man seine Meinung nochmals kundtut. Das mache ich übrigens auch mit meinem Rückblick.

Wie meinen Sie das?

In meinem Programm nehme ich Themen auf, die meines Erachtens nicht vergessen gehen dürfen. Die Abstimmung zur Abschaltung der Atomkraftwerke zum Beispiel. Ich erinnere die Leute auf kabarettistische Art daran, dass wir noch Tausende Jahre giftigen Atommüll hinterlassen werden. Das ist doch verrückt!

Ist es auch wichtig, vorauszuschauen?

Die Zukunft ist mit Hoffnung verbunden. Wir haben das Gefühl, dass wir unsere Ziele im nächsten Jahr erreichen können. Das ist aber auch mit Unsicherheit und Angst verbunden.

Was war für Sie ein Highlight 2016?

Ich freue mich immer über familiäre Ereignisse, etwa wenn eine Nichte ihre Berufsmatura absolviert hat. Beruflich blicke ich sehr gerne auf meinen Auftritt am Humorfestival Arosa zurück. Hoffentlich kann ich wieder mal gehen – sehen Sie, schon haben wir es mit der Hoffnung zu tun.

Gibt es Personen, die von der öffentlichen Bildfläche verschwinden und die Sie somit nicht mehr in Ihr Programm aufnehmen können?

Das gibt es immer wieder. Die sehr emotionale Abwahl des Luzerner Stadtpräsidenten Stefan Roth wird sicherlich noch lange Stoff bieten. Die Frage ist aber immer, wie lange das Publikum das noch hören möchte. Gags über die alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf kommen immer noch sehr gut an, Moritz Leuenberger funktioniert nur noch in Zürich, und Samuel Schmid ist vergessen.

Auf was freuen Sie sich 2017?

Auf die Premiere meines neuen Programms im Oktober, UniVerität – eine kabarettistische Bildungsdefensive. Natürlich mit Veris Meinung zum Lehrplan 21.

Hinweis

Thomas Lötscher (56) wohnt mit seiner Frau in Malters. Er schreibt für unsere Zeitung regelmässig Kolumnen. Lötscher ist alias Veri derzeit mit seinem Programm Rück-Blick 2016 auf Tour. Mehr Informationen: www.veri.ch