Interview

«Kälte und Zeitdauer definitiv unterschätzt»: Künstlerin Barbara Kiener über die 24 Stunden auf einem Floss vor dem Löwendenkmal

24 Stunden lang verharrte, fror und hungerte Barbara Kiener auf einem Floss vor dem Löwendenkmal. Sie wollte damit eine kritische Reflexion zum Denkmal und der Flüchtlingskrise auslösen. Die Performance-Künstlerin im Interview über Schlaf und Kälte auf dem Floss und darüber, ob sie ihr Ziel erreicht hat.

Philipp Wolf
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Die Künstlerin Barbara Kiener bei ihrer Performance.

Die Künstlerin Barbara Kiener bei ihrer Performance.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Wie haben Sie sich auf die 24 Stunden auf dem Floss vorbereitet? Haben Sie darauf trainiert?

Auf dem Floss habe ich nicht «trainiert», nur einen Test durchgeführt auf dem Thunersee, wie es sich anfühlt und wie sich die Eigenkonstruktion im Wasser verhält. Vorbereitet habe ich mich mental und physisch durch einen strikten Ernährungsplan, der die Ausscheidungsorgane zeitlich etwas umprogrammiert.

Wie haben Sie die Zeit auf dem Floss erlebt? Wie sind Sie mit Hungergefühl und Kälte umgegangen?

Grundsätzlich liebe ich die Arbeit als Performancekünstlerin und geniesse meinen Antrieb und die Ausführung meines intensiven Schaffens und dessen Recherche. Auch leiden gehört dazu. Doch die Kälte und die Zeitdauer habe ich definitiv unterschätzt.

Wenn Sie sagen, «leiden gehört dazu», haben Sie sich also absichtlich nicht warm genug angezogen, oder würden Sie sich bei einer nächsten solchen Aktion anders vorbereiten?

Ich bin stets sehr gut vorbereitet. Mein Weg besteht darin, in extremen Situationen Themen zu verarbeiten, die mich beschäftigen. Durch meine Performance wollte ich erlebbar machen, wie es sein muss, auf dem Meer zu treiben, nur das Nötigste dabei zu haben und auf Hilfe zu hoffen. Die Bekleidung/Ausrüstung war ganz bewusst minimal gewählt.

Wie haben sich die Kälte und die lange Zeit auf dem Floss bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Die Temperaturen waren nicht besonders tief. Jedoch hatte ich durch das fast bewegungslose Daliegen bereits in den ersten zwölf Stunden sehr kalte Hände und Füsse, womit ich nicht gerechnet hatte. Ab 19 Uhr habe ich mich entschieden, zu jeder vollen Stunde zwei bis drei Minuten meine Füsse, Hände, Beine und Arme zu bewegen.

Wie war die Nacht auf dem Floss? Waren Sie die ganze Zeit wach?

Schlafen war eher keine Option, auf dem Floss musste ich immer das Gleichgewicht behalten und durfte nur vorsichtig kleine Bewegungen machen. Die Gefahr wäre zu gross gewesen, ins Wasser zu kippen. Die Kälte war problematisch. Mein Leiden ist jedoch nur ein Bruchteil dessen, was Flüchtlinge auf der Überfahrt erleiden.

Ihre Aktion stiess in den sozialen Medien auf viele positive, aber auch negative Reaktionen. Hat Ihre Performance Ihr Ziel, auf die Diskussion rund um Flüchtlinge hinzuweisen, also erreicht?

Meine Arbeit dient in erster Linie dazu, ein aktuelles Thema aufzunehmen, mich selbst damit zu konfrontieren und hierdurch eine Plattform zur Diskussion zu erschaffen und zu sensibilisieren. Ich habe nichts gegen eine kontroverse Debatte.