Kanti Alpenquai: Milena Hess reiste für die Maturaarbeit in die Vergangenheit

Milena Hess (18) untersuchte Zukunftsvisionen von vor 100 Jahren. Ihr Fazit: Damals herrschte noch Optimismus. Frage man heute, wie sieht es in 100 Jahren aus, würden fast durchs Band Horrorszenarien aufgetischt.

Sandra Monika Ziegler
Drucken
Teilen
Milena Hess hat das Buch «Die Welt in 100 Jahren» analysiert. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 19. Juni 2019)

Milena Hess hat das Buch «Die Welt in 100 Jahren» analysiert. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 19. Juni 2019)

Eine Reise in die Zukunft mit Start in der tiefsten Vergangenheit. Die Maturandin Milena Hess stiess durch einen Bericht der NZZ-Beilage Folio auf die Neuauflage des Buches «Die Welt in 100 Jahren», welches als «Bestseller aus dem Jahr 1910» angepriesen wird. Darin haben 23 prominente Autorinnen und Autoren ihre Zukunftsvisionen für das Jahr 2010 dargelegt. «Das war zum Teil echt verrückt und hat mir einen Einblick in die Weltanschauung der Jahre 1909/1910 gegeben», sagt Milena Hess.

«Die Zukunftsvorstellungen sind aus heutiger Sicht kurios manchmal geradezu absurd.» Das Buch war die Quelle für ihre Maturaarbeit und gleichzeitig Ansporn, sich ihre eigenen Gedanken zu machen: «Ich musste nur lesen und nachdenken.» Besonders irritiert haben die 18-Jährige Visionen, die damals fest davon ausgingen, dass sich der Mensch physisch wie geistig immer höher entwickelt und immer besser wird.

Von grosser Schädelmasse und krimineller Energie

«Eine Utopie. Eine Autorin schrieb, dass der Mensch dereinst fähig sein wird mit den Augen eine Art Röntgenstrahlen auszusenden. Durch diese Gabe würden die Menschen dann erkennen, ob jemand sie liebt oder nicht. Das war schlicht unrealistisch.» Diese Überzeugung gegenüber der Menschheit sei komplett übertrieben gewesen, denn die Evolution gehe sehr langsam voran. Nur schon die Idee, innert 100 Jahren gottähnlich zu werden, kann Milena Hess nicht nachvollziehen.

Ein weiteres Beispiel betrifft die Kriminalbiologie. So hat doch tatsächlich der italienische Gerichtsmediziner Cesare Lombroso die Idee gehabt, dass die Schädelmasse etwas über die vorhandene kriminelle Energie aussagt. Er verbreitete den Mythos des geborenen Verbrechers. «Solch entdeckte Verbrecher wollte man aber nicht etwa bestrafen, sondern wegsperren und sicherstellen, dass sie sich nicht fortpflanzten. Damit glaubte er, das Problem gelöst und die Kriminalität gestoppt zu haben.» Sie könnte noch etliche – auch positive Beispiele erzählen, wie damals über die Zukunft philosophiert wurde. Ihr Fazit: Damals herrschte noch Optimismus. Fragt man heute, wie sieht es in 100 Jahren aus, würden fast durchs Band Horrorszenarien aufgetischt.

Der Spruch «Früher war alles besser» sei trotzdem problematisch, denn so sei es nicht. Heute habe man oft eine zu pessimistische Einstellung. In der Klimadebatte etwa werde viel von Verzicht und Vorschriften gesprochen, dabei könnte es eine Chance für etwas Neues sein. «Sicher ist, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen. Probleme können nicht im Alleingang gelöst werden.» Sich selbst beschreibt Hess als positiven Menschen, der im Kern optimistisch sei. Einen Dämpfer erlitt sie jedoch bei den vergangenen Wahlen. «Dass Korintha Bärtsch nicht gewählt wurde, kann ich nicht verstehen. Es ist unglaublich, dass wir im Jahr 2019 immer noch eine rein männliche Regierung haben.»