KANTON: Das «Bijou» muss verschwinden

Einige Gemeinden haben es versäumt, ihren Gebäuden exakte Adressen zuzuordnen. Dies müssen sie nun nachholen. Emotionale Debatten und hohe Kosten sind vorprogrammiert.

Evelyne Fischer
Merken
Drucken
Teilen
Zukünftig sollen alle Häuser mit einer Nummer versehen werden. (Symbolbild / Archiv Neue LZ)

Zukünftig sollen alle Häuser mit einer Nummer versehen werden. (Symbolbild / Archiv Neue LZ)

Luthertaler Schafe können aufatmen. Am Fusse des Napfs gehts dem Wolf an den Kragen – zumindest im übertragenen Sinn: Weder existiert künftig noch die Anschrift «Wolfmättli», noch darf das Gemeindehaus weiterhin «Wölfen» heissen. Die eindeutige Lokalisierbarkeit sei für Ambulanz, Feuerwehr oder Polizei heutzutage unumgänglich, entnahmen die Einwohner von Luthern kürzlich einem behördlichen Schreiben. Briefe an die Kanzlei müssen künftig mit der Anschrift «Oberdorf 8» statt «Wölfen» versehen werden. «Dass ausgerechnet unser Gemeindehaus den Namen Wölfen abgeben muss, ist der Wermutstropfen eines grundsätzlich sinnvollen Projekts», sagt Gemeindepräsident Beat Burri. «Doch wenn die Einwohner eine neue Adresse akzeptieren sollen, muss die Gemeinde erst recht mit gutem Beispiel vorangehen.»

Alte Adresse darf Zusatz bleiben

Eigentlich hätte die vom Bund geforderte Umbenennung bereits vor 2010 erfolgen sollen. Dass diese Aufgabe in einigen Gemeinden pendent blieb, zeigt sich nun bei der Bearbeitung des im Kanton Luzern 2013 gestarteten Projektes «Gabmo» (Géstion des Adresses de Bâtiments par la Mesuration officielle): Im Rahmen dessen werden bis im Frühjahr 2016 die gültigen Adressen in die Daten der amtlichen Vermessung übertragen – und wo nötig die Gemeinden auf noch vorhandene Lücken hingewiesen.

Kann in Luthern der vorgesehene Zeitplan eingehalten werden, dürften Anschriften wie «Bijou», «Fortuna», «Heimat» oder «Talfriede» ab dem 1. Januar 2016 verschwinden. Zumindest offiziell. «Wer will, kann die alte Anschrift im privaten Gebrauch noch in der dritten Zeile als Zusatz verwenden», sagt Heini Walthert, Gemeinderat Ressort Infrastruktur. Er arbeitete in der vierköpfigen Kommission mit, die für rund 390 Liegenschaften die Adressen überprüfte und zur Hälfte umbenannte. «Aufgrund einer vorgängigen Orientierung gehe ich davon aus, dass die Vorschläge akzeptiert werden.» Die Einsprachefrist läuft am 20. August ab.

Pendenz vieler Gemeinden

Wie in Luthern erhalten derzeit auch rund 200 Wohngebäude in Werthenstein eine eindeutige Adresse. Die neuen Vorschläge wurden den Betroffenen zugestellt, ihnen bleibt bis zum 24. August Zeit für eine Stellungnahme. Bereits im Frühling haben Wolhusen und Inwil ihre Adressen bereinigt – davon betroffen waren grösstenteils Anschriften ausserhalb des Siedlungsgebietes: In Inwil passte dieGemeinde über 100 Adressen an, in Wolhusen waren es rund 170.

Diese werden nach folgendem Muster erstellt: Ausserhalb des Siedlungsgebietes orientiert sich die Gemeinde für eindeutige Anschriften meist an bestehenden Flurnamen, ansonsten werden Gebäude wenn immer möglich einer Strasse zugeordnet. Das weiss Familie Vonmoos aus Dagmersellen nur zu gut. Hier ging die Gebäudeadressierung bereits im Juni über die Bühne. Gegen die neue Anschrift «Luzernerstrasse 45» erhoben Sonja und Reinhard Vonmoos Einsprache. «Die Aufrechterhaltung der Hofbezeichnung Bonsprig ist uns wichtig», begründeten sie ihr Schreiben. Ohne Erfolg.

Regierungsrat greift nur selten ein

Ein abschlägiger Entscheid des Gemeinderates lässt sich mit einer Verwaltungsbeschwerde gegen einen Kostenvorschuss von mindestens 500 Franken beim Regierungsrat anfechten. Darauf verzichtet die Dagmerseller Familie. Der Gang zum Kanton kommt generell selten vor: «Im letzten Jahr kam es zu vier Beschwerden, die allesamt abgelehnt wurden», sagt Walter Bühler vom Rechtsdienst des Bau-, Umwelt und Wirtschaftsdepartements (BUWD). «Die Strassenbenennung und Häusernummerierung ist eine typische Angelegenheit der örtlichen Gemeinschaft, weshalb sich der Regierungsrat bei der Würdigung der örtlichen Verhältnisse Zurückhaltung auferlegt. Er greift nicht ohne Not in den Beurteilungsspielraum der Gemeinde ein.» Dazu käme es erst, wenn das Ermessen überschritten werde oder ein angefochtener Entscheid als willkürlich erscheine.

Kostspielige Strassentafeln

Hinter den Beschwerden, die beim Luzerner Regierungsrat landen, stecken häufig emotionale Überlegungen, sagt Walter Bühler vom BUWD. «Eine Adresse ist seit langem im Gebrauch, man fürchtet, ein Stück Identität zu verlieren.» Dass der Bruch einer Tradition selten gut ankommt, erkannte auch Gemeinderat Heini Walthert aus Luthern. «Wer auf dem Land die Adresse eines Hofes ändern will, der seit 100 Jahren gleich heisst, stösst auf Widerstand.» Zudem bringe eine neue Anschrift immer Umtriebe mit sich, fügt Bühler an. «Eine Adressänderung ist nachträglich mit Aufwand für die Betroffenen verbunden.»

Das sichtbare Resultat der neuen Häusernummerierung zeigt sich in Luthern nächstes Jahr: Dann werden die neuen Strassentafeln montiert. «Eine kostspielige Aktion», sagt Walthert. «Die neue Beschilderung dürfte das Gemeindebudget mit rund 70 000 Franken belasten.»