Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KANTON: Kirchgemeinden stecken in historischer Reform

Kirchen, Kapellen oder Friedhöfe sind oft im Besitz von Stiftungen, die nur auf Papier existieren. Nun schafft ein Mammutprojekt Ordnung. Wie aus Aktenbergen schlanke Verträge mit päpstlichem Segen wurden.
Evelyne Fischer
Zieht verschiedene Menschen an: Die St.-Blasius-Kapelle in Burgrain. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Zieht verschiedene Menschen an: Die St.-Blasius-Kapelle in Burgrain. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Im Kanton Luzern ist eine grosse Veränderung in Gange. Man schaut schweizweit hierhin.» Die Sätze von Synodalrat Thomas Trüeb, quasi dem Regierungsrat der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, lassen es erahnen: In den Kirchgemeinden stehen die Zeichen auf Umbruch. Jüngstes Beispiel ist Inwil. Hier hat die Kirchgemeinde kürzlich zahlreiche Güter von vier Stiftungen übernommen, wie die Einträge im Kantonsblatt vom 5. August zeigen. Dazu gehört etwa das Pfarrhaus, das seit 1906 im Besitz der Pfarrpfrundstiftung war. «Diese Stiftungen haben eigentlich nur auf dem Papier existiert», sagt Kirchenratspräsident Roland Birrer.

Bis Ende Jahr dürften in den Luzerner Kirchgemeinden viele weitere Übertragungen folgen. Um den Grund dafür zu finden, muss das Rad der Zeit zurückgedreht werden: 2008 trat die neue Kantonsverfassung in Kraft. Sie verlangte die strikte Trennung von Kirche und Staat. Gleichzeitig folgte das neue Kirchgemeindegesetz. «Damit können die Kirchgemeinden nur noch Kirchengut verwalten. Sie erfüllen keine staatliche Aufgabe mehr, sondern sind die Rechtsträger des Kirchenguts», sagt Synodalrat Trüeb. Das Problem war bloss: Ein Grossteil der Kirchengüter – namentlich Kirchen, Kapellen, Pfarrhäuser oder Friedhöfe – befindet sich heute im Besitz von Pfrundstiftungen, wie Inwil zeigt.

Stiftungen fehlten Statuten und Aufsichtsorgan

Das uralte Finanzierungssystem des Pfrundwesens, das auf Naturalgaben basierte, steht heute nicht nur angesichts der Kirchensteuern quer in der Landschaft. Die wenigsten sogenannten altkirchlichen Stiftungen besitzen auch liquide finanzielle Mittel. «Zudem verfügen sie meist weder über Statuten noch einen Stiftungsrat», sagt Trüeb. Diese Rolle habe regelmässig der Kirchenrat übernommen, buchhalterisch wurden altkirchliche Stiftungen meist als Sonderkonto in der Kirchgemeinderechnung geführt.

Die Notwendigkeit, diesen komplexen Knäuel von Rechtsträgern kirchlichen Gutes zu entflechten, verstärkte sich unter anderem mit der Revision der Handelsregisterverordnung: Neu braucht jede Stiftung einen Handelsregistereintrag – und damit Statuten, einen Stiftungsrat und ein Aufsichtsorgan. «Wir standen vor der Wahl: Entweder reduzieren wir zu Gunsten des Milizsystems die Anzahl altkirchlicher Stiftungen stark. Oder wir schaffen für diese eine Parallelstruktur mit ­externen Stiftungsräten, oftmals Treuhandbüros, was hohe Verwaltungskosten und Konfliktpotenzial mit den Kirchenräten provoziert hätte», sagt Trüeb.

191 altkirchliche Stiftungen in 71 Kirchgemeinden

Die Landeskirche entschied sich 2011 in Absprache mit Bischof Felix Gmür für die erste Variante. Das Kirchengut sollte den örtlichen Kirchgemeinden in Form von Schenkungen übertragen werden. Doch bevor die nötigen Verträge aufgesetzt werden konnten, brauchte es einen Überblick. Um wie viele altkirchliche Stiftungen ging es überhaupt? «Das Sammeln der Daten dazu erwies sich als sehr zeitintensiv», sagt Thomas Trüeb, der Mitglied der eingesetzten Arbeitsgruppe war. Um allfällige Stiftungsurkunden oder Statuten zu finden, wurden Staats-, Pfarrei- und Kirchgemeindearchive durchforstet. Ende 2016 trafen die letzten Unterlagen ein. «Es stapelten sich kiloweise Akten.» Das Inventar ergab: Der Kanton Luzern zählt insgesamt 191 altkirchliche Stiftungen, die sich in 71 der 85 hiesigen römisch-katholischen Kirchgemeinden befinden. Nur gerade bei 19 Stiftungen waren Statuten vorhanden.

Ja aus dem Vatikan liess auf sich warten

Um diese altkirchlichen Stiftungen aufzulösen und die Kirchengüter den Kirchgemeinden zu übertragen, fehlte nun nur noch eines: der päpstliche Segen. «Bischof Felix Gmür ist kirchenrechtlich verpflichtet, für die Übertragung von Stiftungsvermögen ab einem Buchwert von 5 Millionen Franken die Bewilligung des Heiligen Stuhls einzuholen», sagt Thomas Trüeb. Das entsprechende Gesuch wurde im Herbst 2015 abgeschickt, das Ja aus dem Vatikan folgte nach den notwendigen Verhandlungen diesen Februar.

Damit Gotteshäuser und kirchliche Liegenschaften langfristig erhalten bleiben und zu Gunsten der Allgemeinheit eingesetzt werden, baute die Arbeitsgruppe Sicherungsmechanismen in die Verträge ein: Erträge aus Immobiliengeschäften müssen künftig teilweise in einen Sakralbauten-Fonds fliessen. Das trifft auch auf Inwil zu, wo zur Finanzierung des geplanten neuen Pfarreigebäudes sowie von elf Wohnungen Land verkauft wird. «Die Kirchgemeinden können mit dem Fonds rechtmässig Reserven für den Unterhalt von Sakralräumen bilden», sagt Trüeb.

Für das Mammutprojekt zieht er eine positive Bilanz: «Die jahrelange Arbeit an dieser Reform hat sich gelohnt. Die Finanzkompetenz und die operative Zuständigkeit liegen künftig in derselben Hand. Und wir können weiterhin eine kostengünstige und im Milizsystem geführte Kirchenverwaltung sicherstellen.»

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.