KANTON: Klassische Salons müssen Haare lassen

Es gibt immer mehr Coiffeurgeschäfte – vor allem Billiganbieter. Diese machen der Branche zu schaffen. Lösungsansätze fehlen.

Niels Jost
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Familiensache: Im Horwer Coiffeurgeschäft Steiner glättet Lehrling Yannis Steiner seiner Schwester Laura die Haare. (Bild Roger Grütter)

Familiensache: Im Horwer Coiffeurgeschäft Steiner glättet Lehrling Yannis Steiner seiner Schwester Laura die Haare. (Bild Roger Grütter)

Neue Coiffeursalons spriessen beinahe so schnell aus dem Boden wie die Haare aus dem Kopf. Vor allem in den urbanen Gebieten gibt es kaum eine Strasse ohne ein Geschäft, in dem man seine Haare schneiden lassen kann.

Diesen Eindruck bestätigen die Einträge im eidgenössischen Betriebs- und Unternehmensregister: 823 Coiffeur­salons gab es letztes Jahr im Kanton Luzern – knapp 100 mehr als noch im Jahr 2011.

Tiefe Preise für junge Kunden

Aus Kundensicht ist das eine erfreuliche Entwicklung. Doch viele etablierte Coiffeurgeschäfte müssen Haare lassen – wegen Billiganbietern. Sie sind in erster Linie für das rege Wachstum verantwortlich. Dazu gehören auch Selbstständige, die etwa zu Hause ihre Privatkunden bedienen. Schürze umhängen, oben mit der Schere, auf den Seiten mit der Maschine, ohne Schnickschnack – einen trendigen Schnitt bekommt Mann in einer Viertelstunde. Und das meist zu einem tiefen Preis von unter 30 Franken. «Damit kann man kaum die Miete, Sozialleistungen und einen gerechten Lohn bezahlen», sagt Jürg Steiner, Verbandspräsident der Sektion Zentralschweiz von Coiffure Suisse. «Der faire durchschnittliche Preis für einen normalen Herrenschnitt beträgt rund 50 Franken, jener für die Frauen 80 Franken.» Gerade junge Kunden seien allerdings kaum mehr bereit, diese Preise zu zahlen, weil es immer mehr günstige Anbieter gibt.

Nach 3 Jahren gehen 50 Prozent zu

Gut die Hälfte aller Geschäfte, die für tiefe Preisen arbeiten, müssen laut Steiner bereits nach drei Jahren schliessen – obwohl diese Salons oft mehr Kunden an einem Tag zählen als ihre teureren Kollegen. Die hohe Kadenz wirke sich bisweilen auf die Sauberkeit aus. Steiner: «Weil die Billigsalons nach dem Motto ‹Quantität vor Qualität› arbeiten, wird die Hygiene nicht immer eingehalten.» Dies komme etwa dann vor, wenn die Haare auf dem Boden nicht vollständig weggewischt werden oder die Aufsätze bei den Rasurmaschinen nicht gewechselt respektive gereinigt werden. Zudem sind laut Steiner allergische Hautreaktionen bei Coiffeuren «massiv angestiegen», weil sie etwa beim Färben billige oder nicht geprüfte Materialien verwenden.

Noch in einem weiteren Punkt beschäftigen Jürg Steiner die Billiganbieter: «Sie bilden meist keine Lehrlinge aus und beschäftigen oftmals ungelernte Männer. Diese müssen teils für die Hälfte des Mindestlohns arbeiten – das schadet der Branche», so Steiner. Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für das schweizerische Coiffeurgewerbe sieht seit letztem Herbst einen Mindestlohn von 3800 Franken für jene Coiffeure vor, die die dreijährige Lehre absolviert haben. Zwei Jahre zuvor lag der Mindestlohn noch 200 Franken tiefer. Hinzu komme bei vielen Salons eine Umsatzbeteiligung, sagt Steiner, der selber in Horw ein Coiffeurgeschäft führt. «Das Haareschneiden ist ein Handwerk und verdient eine gerechte Entlöhnung.»

Die billige Konkurrenz spürt sogar Ayhan Beyaz, der in seinem Salon Hair King in der Luzerner Neustadt einen Haarschnitt für 20 Franken anbietet. «Erst kürzlich hat nebenan ein neues Geschäft eröffnet. Dort schneiden sie für 14 Franken die Haare – damit kann ich nicht mithalten», sagt Beyaz. Zu schaffen machen ihm auch Selbstständige, die zu Hause arbeiten und dafür «weder Miete noch Sozialabgaben zahlen müssen. Das macht unser Geschäft kaputt.» Er selber wird demnächst den Preis für einen Haarschnitt auf 23 Franken erhöhen müssen. Lieber würde er auf 30 Franken aufstocken, doch das liege nicht drin, weil seine Kundschaft sonst zur Konkurrenz gehe. Ähnlich ergeht es Edi Kastrati, Geschäftsführer vom Coiffeur Adriano beim Vögeligärtli. Ein Herrenschnitt kostet bei ihm 25 Franken. «Es macht mir keinen Spass, zu diesen Preisen zu arbeiten. Doch ich habe keine andere Wahl.» Wegen der billigeren Salons müssten er und sein Team jetzt länger und schneller arbeiten, ohne an Qualität zu verlieren. «Wir müssen stündlich drei bis vier Kunden haben, damit das Geschäft rentiert. Derzeit schaffen wir etwa fünf», sagt Kastrati. Lehrlinge bilden die beiden Coiffeure nicht aus, dafür fehlt ihnen das entsprechende Meisterdiplom.

Vom Gesetz profitieren

Gegen zu tiefe Löhne wurde der Verband Coiffure Suisse bereits in der Vergangenheit auf dem politischen Parkett aktiv. Ein Ansatz ist laut Zentralpräsident Jürg Steiner eine Anpassung des Mehrwertsteuergesetzes. Laut Artikel 10 müssen nämlich jene Unternehmen keine Mehrwertsteuer zahlen, die innerhalb eines Jahres weniger als 100 000 Franken Umsatz erzielen. Davon dürften viele der Billiganbieter oder Selbstständigen, die von zu Hause aus arbeiten, profitieren. «Wenn auch sie die Mehrwertsteurer zahlen müssten, dann müssten sie automatisch höhere Preise verlangen», sagt Steiner. Die Gesetzesänderung hat laut Steiner keine Chance gehabt.

Mit den Günstigcoiffeuren ins Gespräch zu kommen, sei auch deshalb schwierig, weil die meisten nicht dem Berufsverband angehören. Die Zentralschweizer Sektion von Coiffure Suisse zählt bloss 280 Mitglieder. Steiner: «Gegenüber Billiganbietern sind uns die Hände gebunden.»

Niels Jost