KANTON LUZERN: Aufgespiesste Krähen-Kadaver sorgen für rote Köpfe

Dieser Anblick ist nichts für zartbesaitete Menschen: Auf einem Feld zwischen Wikon und Reiden sind mehrere tote Krähen aufgespiesst und aufgehängt. Die Facebook-Gemeinde ist empört.

Stefanie Nopper
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Diese Krähe wurde aufgespiesst. (Bild: Leserbild)

Diese Krähe wurde aufgespiesst. (Bild: Leserbild)

Stefanie Nopper<strong> </strong><br /> stefanie.nopper@luzernerzeitung.ch

Tote Krähen. Aufgespiesst und aufgehängt. Dieses Bild präsentiert sich einer Leserin am Montag, als sie mit dem Auto an einem Feld im Luzerner Hinterland vorbeifährt: Zwischen Wikon und Reiden hat sie die Tiere aus der Ferne gesehen. «Ich dachte zuerst, das sind Attrappen, aber meine Beifahrerin hat gesagt, das sind echte Tiere», erinnert sich die Leserin. «Das musste ich mit meinen eigenen Augen sehen – das ist ein Skandal.» Darum ist sie ausgestiegen und hat die aufgehängten Tierkadaver fotografiert und anschliessend in den sozialen Medien gepostet. Zu ihrem Post schreibt sie auf Facebook: «Armselige Menschheit – unser Umgang mit der Natur ist elend. Ich klage nicht nur den Krähenschänder im Wiggertal an, sondern auch alle Produzenten, Verteiler und Konsumenten von Lebensmitteln, die genormt und makellos sein müssen. Ich hinterfrage auch mein eigenes Konsumverhalten.»

Bilder erhitzen die Gemüter auf Facebook

Der Post bewegt die Facebook-Gemeinde. Es hagelte heftige Kritik am Vorgehen des Bauern. «Wirklich grausam!!! Das ist Tierquälerei vom Übelsten!!!!!!!!!!!», kommentiert etwa ein Facebook-Nutzer. Eine andere Nutzerin schreibt: «Was ist das für eine armselige Kreatur, der sowas macht....». Wieder andere zeigen Verständnis für den unbekannten Landwirt: «Auch ich muss bei solchen Bildern weinen, weinen über unser gesamtes System.Es ist die Verzweiflungstat eines Bauern, der um seine Existenz kämpft. Überproduktion und Preiszerfall, verursacht durch die Lebensmittelindustrie, Agrochemie, Ölwirtschaft,und die Landwirtschaft selbst, lassen keine zusätzlichen Einbussen durch Krähenfrass im frisch gepflanzten Maisfeld zu.Es geht ums überleben einer Bauernfamilie», kommentiert eine weitere Nutzerin die Bilder.

Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes sieht die Angelegenheit etwas differenzierter: «Früher war diese Methode üblich und viele Bauern haben zu Tierkadavern als Abschreckung gegriffen – heute ist es im Kanton Luzern eher weniger verbreitet.» Als Grund sieht er etwa den gesellschaftlichen Wandel. Wenn ein Bauer zu dieser Massnahme greife, sei der Aufschrei jeweils gross. Im gleichen Atemzug möchte aber jeder Konsument das beste Produkt zum günstigsten Preis. Das funktioniere so nicht.

Gemäss Heller dienen die toten Krähen vermutlich dazu, um Artgenossen vom Maisfrass abzuhalten. «Ich nehme an, dass der Landwirt ungebeiztes Saatgut verwendet – dieses zieht hungrige Krähen an.» Er habe schon Fälle erlebt, wo Bauern bis zu drei Mal komplett neu gesäht hätten, weil die Krähen alles weggefressen hatten. «Das Problem ist nicht zu unterschätzen», so Heller weiter.

Tierkadaver als Vogelscheuchen nicht verboten

Doch wie ist die rechtliche Lage? Sind Krähen geschützt und muss ein solches Vorgehen der Behörde gemeldet werden? Eine Anfrage bei Hans-Urs Vogel, Leiter Tierschutz und Hunde vom Veterinärdienst des Kantons Luzern klärt auf: «Nach unseren Erkenntnissen ist es nicht verboten, Tierkadaver als Vogelscheuchen zu benutzen, sofern die Tiere fachgerecht erlegt worden sind.» Auch seuchentechnisch sei nichts einzuwenden – vorausgesetzt, die Tiere seien gesund gewesen, als sie erlegt wurden.

Bei Krähen unterscheidet man zwischen Saatkrähen und Rabenkrähen. Die Saatkrähe steht gemäss Vogelwarte Sempach seit 2010 nicht mehr auf der Roten Liste der bedrohten Schweizer Brutvögel. Seit 2012 ist sie jagdbar – geniesst aber eine Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli.

Bei den Tierkadavern auf dem besagten Feld handelt es sich mutmasslich um Rabenkrähen. In der kantonalen Verordnung über Jagd und Schutz wild lebender Säugetiere und Vögel ist verankert, dass Rabenkrähen als jagdbare Tiere gelten – ausser während der Schonzeit von Mitte Februar bis Ende Juli. Das würde zwar im vorliegenden Fall noch zutreffen. Aber: Für Rabenkrähen, die in Schwärmen auftreten, gibt es auf schadengefährdeten landwirtschaftlichen Kulturen keine Schonzeit.

Tote Krähen zeigen keine messbare Wirkung

Doch was bringt diese doch eher drastisch anmutende Massnahme? «Vogelscheuchen und tote, aufgehängte Krähen zeigen meistens keine messbare Wirkung», heisst es bei der Vogelwarte in Sempach. Rabenvögel seien äusserst intelligente und anpassungsfähige Vögel. Sollen sie wirksam von der Aussaat vertrieben oder ferngehalten werden, sei Fantasie und Abwechslung gefragt, heisst es auf der Homepage der Vogelwarte.

Intelligente Vögel durchschauen den Bluff

Abwehrmassnahmen würden demnach nur zufriedenstellend wirken, wenn verschiedene Methoden abwechselnd eingesetzt und miteinander kombiniert werden. Sonst würden die Massnahmen innert Tagen ihre Wirkung verlieren, da die intelligenten Vögel den Bluff durchschauen. Alternative Abwehrmethoden, die der Bauer hätte einsetzen können, wären laut Vogelwarte Gasballone, farbige Plastikbänder, Knallpetarden und Netze gewesen.

Bauern können gemäss einem Merkblatt zur Krähenabwehr des Forschungsinstituts für biologischen Landbau auch einen Krähenrupf erstellen. Hierbei kann mit schwarzen Federn der Angriff eines Rabenfeindes vorgetäuscht werden (siehe Bild). Krähenfedern können über die Wildhüter bezogen werden.

Um die Ernte zu sichern, würden laut der Vogelwarte Sempach zudem vorbeugende Massnahmen bei der Aussaat hilfreich sein. «Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen können dadurch anbautechnisch verringert werden», heisst es auf der Homepage. So würden unter anderem der Aussaatzeitpunkt, die exakte Einsaat und Staunässe entscheidend dazu beitragen, dass ein Schaden an der Aussaat vorsorglich verhindert würde.

HINWEIS

Weiterführende Informationen rund um das Vertreiben und Abschrecken von Rabenkrähen gibt die Vogelwarte Sempach. (zur Homepage der Vogelwarte gelangen Sie hier). Hier geht es zum Jagdkalender des Kantons Luzern.

Eine der toten aufgehängten Krähen. (Bild: Leserbild)

Eine der toten aufgehängten Krähen. (Bild: Leserbild)

So präsentiert sich die «Vogelscheuche» aus toten Krähen aus der Ferne betrachtet. (Bild: Leserbild)

So präsentiert sich die «Vogelscheuche» aus toten Krähen aus der Ferne betrachtet. (Bild: Leserbild)

Die aufgespiesste Krähe von Weitem gesehen. (Bild: Leserbild)

Die aufgespiesste Krähe von Weitem gesehen. (Bild: Leserbild)

Es hätte nicht unbedingt ein Tierkadaver sein müssen: Auch ein sogenannter Krähenrupf (Bild) hätte geholfen, unerwünschte Artgenossen vom Feld fern zu halten. (Bild: Screenshot Forschungsinstitut für biologischen Landbau (fibl.org))

Es hätte nicht unbedingt ein Tierkadaver sein müssen: Auch ein sogenannter Krähenrupf (Bild) hätte geholfen, unerwünschte Artgenossen vom Feld fern zu halten. (Bild: Screenshot Forschungsinstitut für biologischen Landbau (fibl.org))