KANTON LUZERN: Bauer trauert um tote Kühe

Etwas vom Schlimmsten, was einem Landwirt widerfahren kann: Unverschuldet verliert ein Hinterländer Bauer fast seinen ganzen Viehbestand. Eine Vergiftung raffte die Tiere dahin.

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Symbolbild: Ein Hinterländer Bauer verliert unverschuldet fast seinen ganzen Viehbestand. (Bild: Maria Schmid / Neue LZ)

Symbolbild: Ein Hinterländer Bauer verliert unverschuldet fast seinen ganzen Viehbestand. (Bild: Maria Schmid / Neue LZ)

Es zirka 7 Uhr an diesem Mittwoch-morgen. Das erste Licht des Tages hat eine sternenklare Nacht abgelöst. Vor dem Besucher aus der Stadt breitet sich die malerische Hinterländer Landschaft aus. Golden leuchten die absterbenden Blätter der Laubbäume. Sattgrünes Weideland hebt sich ab von dunklen Fichtenwäldern. In diesem urtümlichen Teil des Kantons Luzern liegt auch die Liegenschaft von Frank Comploi*. Etwas abseits einer Hauptverkehrsachse gelegen, sind Stall und Wohnhaus auf einer Anhöhe gebaut.

Complois Ehefrau ist zu dieser Tageszeit beschäftigt in der Küche. Sie unterbricht aber ihre Arbeit und tritt hinaus auf die Terrasse. Der Austausch weniger Worte genügt, und die Bäuerin hebt ihre ausgestreckte flache Hand auf die Höhe des Halses und sagt: «Ich habe das Ganze bis hier oben.» Die Frau muss zurück an den Herd. Die Milch droht zu überzukochen. In diesem Augenblick tritt Frank Comploi vor das Scheunenareal. Gekleidet in dunkelblaue Arbeitskluft, schreitet er auf den Fremden zu.

Schnell wird klar: Über das schreckliche Ereignis vom vergangenen Monat will der Landwirt nicht reden, schon gar nicht mit einem Vertreter der Medien. Das sei mit dem Tierarzt so abgesprochen. «Ich habe dazu nichts zu sagen. Schliesslich komme ich für den Schaden selber auf.» Dieser dürfte sich im tiefen sechsstelligen Frankenbereich bewegen. Complois Gesichtsausdruck verfinstert sich im Sekundentakt. Der letzte Satz ist als Drohung formuliert. Comploi stapft Richtung Wohnhaus. Der Zeitpunkt ist gekommen, das Anwesen zu verlassen.

Tierkadaver war die Ursache

Das Schicksal von Frank Comploi beschäftigt die ganze Region. Viele der angesprochenen Personen wissen etwas über den Vorfall zu berichten. Jenes Ereignis, welches den Hinterländer Bauern Comploi bis ins Mark erschüttert, als er Mitte Oktober praktisch seinen ganzen Rindviehbestand verlor Das heisst, etwa dreissig Kühe. Viel schlimmer kann es einen Landwirt kaum treffen. Auf einen Schlag bricht dem Bauern praktisch die gesamte Existenzgrundlage weg. Er verliert hochentwickelte Säugetiere, die ihm einerseits über all die Jahre dank ihrer Milchleistung das Einkommen sicherten. Andererseits ist ihm jede einzelne Kuh aufgrund ihrer individuellen Eigenschaften ans Herz gewachsen.

Wie konnte es überhaupt zu diesem Unglück kommen? Dazu gilt es zwei Umstände zu berücksichtigen. Erstens ist das Unglück darauf zurückzuführen, dass Comploi Silogras verfüttert. In einer dieser mit Plastik abgepackten Ballen muss sich mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Tierkadaver, beispielsweise eine tote Katze, befunden haben.

Darin liegt der eigentliche Ursprung dieser Katastrophe. Denn aufgrund des unter dem Plastik eingewickelten Kadavers wurde ein Prozess in Gang gesetzt, den Fachleute Botulismus nennen. Dieses Phänomen entsteht dann, wenn unter Ausschluss von Sauerstoff im Tierkörper ein bestimmter Bakterientyp beginnt, Gift zu produzieren, das sogenannte Botulinumtoxin. Davon sind einige Formen für Kühe, Rinder oder Kälber absolut tödlich.

Es gab Überlebende

Zweitens hängt das Unglück im Hinterland mit dem Futtermischer zusammen. In diesem Gerät wird das Silogras mit anderen Nahrungsmitteln wie Heu, Mais, aber auch speziellem Kraftfutter vermischt und zerkleinert. Im Fall Complois wurde auch der hoch toxische Tierkadaver in Kleinstteile zerhackt. Das tödliche Gemisch fand kurz nach der Verarbeitung den Weg in die Futterkrippe. Complois Kühe krepierten Stunden später elendiglich oder mussten vom Veterinär mittels Spritze von ihren Qualen befreit werden. Rund 30 Tiere starben. Die toten Körper traten ihre letzte Reise an, ins untere Toggenburg nach Bazenheid. Von der TMF Extraktionswerk AG wurden die Kadaver fachgerecht entsorgt.

In Complois Tierbestand überlebten lediglich eine oder zwei Kühe. Sie blieben vom toxischen Futtergemisch verschont. Dies daher, weil es sich um Tiere handelt, die kurz davor standen, zu kalbern.

Die Frage stellt sich: Treten Fälle wie im Hinterland passiert, häufig auf? Der Luzerner Kantonstierarzt Otto Ineichen gibt Entwarnung. Er sagt: «Dass bei einem solchen Ereignis gleich 30 Kühe betroffen sind, ist äusserst selten.»

Gefahr im Heu

Ineichen hat Kenntnis von Fällen, bei denen eine oder zwei Kühe verendeten. Dann beispielsweise, wenn im Heustock eine Katze oder ein Marder verendeten. Unter Sauerstoffausschluss kommt es zum erwähnten Botulismus. Toxinhaltige Körperflüssigkeit kann dann durch undichte Stellen im Heuboden oder über das umliegende getrocknete Gras in die Futterkrippen gelangen und punktuell einzelne Tiere vergiften.

Thomas Heer

* Name von der Redaktion geändert.