KANTON LUZERN: Buben lassen das Gymi oft links liegen

Immer mehr Buben setzen auf Lehre und Lohn statt auf Matura. An den Kantis liegt der Mädchenanteil bei fast 60 Prozent. Die Rektoren sind besorgt und verlangen Massnahmen.

Flurina Valsecchi
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Blick in eine Klasse mit «Mädchenüberhang» der Kantonsschule Alpenquai Luzern am vergangenen Freitag. Am Alpenquai liegt die Frauenquote derzeit bei 51,8 Prozent. (Bild Dominik Wunderli)

Blick in eine Klasse mit «Mädchenüberhang» der Kantonsschule Alpenquai Luzern am vergangenen Freitag. Am Alpenquai liegt die Frauenquote derzeit bei 51,8 Prozent. (Bild Dominik Wunderli)

Mädchen, so weit das Auge reicht. An der Kanti Musegg in Luzern gehen in diesem Schuljahr 353 Mädchen und 140 Buben in den Unterricht. Mit 72 Prozent besteht am Kurzzeitgymi Musegg in Luzern der höchste Mädchenanteil im Kanton. Doch diese Schule ist kein Einzelfall. Im aktuellen Schuljahr 2014/15 liegt der Mädchenanteil über den ganzen Kanton Luzern gemessen bei stolzen 63 Prozent in den Kurzzeitgymnasien und bei 55 Prozent bei den Langzeitgymnasien. Eine Entwicklung übrigens, die sich auch in anderen Kantonen zeigt.

Interessant ist der Blick in die Vergangenheit (siehe Grafik). Das Verhältnis zwischen Buben und Mädchen, die eine Matura abgeschlossen haben, hat sich in den vergangenen 20 Jahren komplett gedreht: Haben im Jahr 1996 noch deutlich mehr Knaben (54,1 Prozent) eine Matura gemacht, waren in diesem Sommer die Mädchen mit 58,8 Prozent klar in der Überzahl. Logische Folge: Buben wählen statt einer gymnasialen Ausbildung eine Lehre; derzeit liegt dort der Anteil Knaben bei 56 Prozent, jener der Mädchen bei 44 Prozent.

«Reiz des frühen Geldverdienens»

Gründe für diese Entwicklung gibt es viele. Zwar fehlen erhärtete Erkenntnisse, denn Studien zu diesem Phänomen gibt es bis heute nicht. Doch fragt man bei den Fachleuten nach, gibt es durchaus Hinweise, warum Mädchen lieber ans Gymi gehen und Buben eine Lehre bevorzugen. Aldo Magno, Leiter der Dienststelle Gymnasialbildung des Kantons Luzern, erklärt: «Der Übertritt ins Kurzzeitgymnasium fällt in die Pubertät, da können die schulischen Leistungen sinken, davon betroffen sind besonders Buben.»

Knaben würden in dieser Phase weniger gegen schlechte Noten tun, die Mädchen hingegen besuchten vermehrt Nachhilfeunterricht. Magno: «Manche Buben sind in diesem Alter schulmüde und bevorzugen deshalb eher eine Lehre. Auch lockt der Reiz des frühen Geldverdienens.»

Ungünstiges Übertrittsverfahren

Hinzu komme, dass das Übertrittsverfahren nach der 2. oder 3. Sekundarklasse ins Kurzzeitgymnasium für die Knaben eher ungünstig sei. Grund: Die sprachlichen Fächer zählen zu 60 Prozent für die Aufnahme ans Gymi, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, wo die Buben stärker sind, allerdings nur zu 40 Prozent.

Ganz ähnliche Beobachtungen machen auch die Berufsberater in ihren Gesprächen mit den Jugendlichen. Christof Spöring, Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, sagt: «Es gibt die These, dass Mädchen eher fleissiger sind, sie lernen selbstständiger als Buben. Deshalb liegt ihnen der Weg übers Gymnasium besser.» Das Geld-Argument hören die Berufsberater ebenfalls immer wieder.

Spöring kann den Wandel auch mit dem Bildungsangebot erklären: «Die Lehre ist insbesonders mit der Einführung der Berufsmatura zu einer konkurrenzfähigen Alternative zum gymnasialen Weg geworden.» Die Berufsmatura wurde 1994 eingeführt, seither ist der Weg zu einer Hochschule auch über die Lehre möglich. Im Kanton Luzern nahm die Berufsmatura-Quote in den Jahren 2000 bis 2013 um 39 Prozent zu.

Grosse Konkurrenz

Diese Entwicklung bereitet den Gymi-Rektoren Sorgen, es werden Massnahmen verlangt, um den Buben die Matura wieder schmackhaft zu machen. «Wichtig ist, den Knaben und den Mädchen aufzuzeigen, welche attraktiven Berufsfelder auf sie warten, wenn sie eine gymnasiale Matura machen. Wir müssen ihnen den Sinn der Schule sichtbar machen», sagt etwa Gabrielle von Büren-von Moos, Direktorin der Kantonsschule Alpenquai. Diese ist mit rund 1600 Schülern das grösste Gymnasium im Kanton.

Die Direktorin sieht das Modell des Langzeitgymnasiums als besonders geeignet, um auch Buben nach der Primarschule für eine gymnasiale Matura zu motivieren. Die Statistik des Kantons gibt ihr Recht. Der Frauenanteil am Alpenquai, ein reines Langzeitgymnasium, beträgt nur 51,8 Prozent, ein fast ausgeglichener Wert. Das deutet darauf hin, dass Buben sich besonders dann gegen eine Matura entscheiden, wenn sie den Entscheid in der Sek fällen müssen.

Ein zusätzlicher Grund, weshalb besonders in den Kurzzeitgymis am meisten Mädchen vertreten sind, sind die seminarischen Ausbildungen, die heute nicht mehr angeboten werden. Aldo Magno von der Dienststelle Gymnasialbildung erklärt: «Früher sind junge Frauen, wenn sie Lehrerin werden wollten, nach der Sekundarschule ans Lehrerseminar gegangen. Heute müssen sie zuerst eine Matura absolvieren, bevor sie an der pädagogischen Hochschule diese Ausbildung machen können.» Das erhöhe die Frauenquote am Gymnasium.

Es fehlen Akademiker

Blickt man aber auf den Arbeitsmarkt, fehlen in vielen Berufsfeldern – vom Ingenieur bis zum Hausarzt – Fachleute mit akademischem Abschluss. Deshalb betont Peter Zosso, Rektor der Kantonsschule Reussbühl: «Die gymnasiale Matura ist der geeignetste Weg direkt an die Universitäten und pädagogischen Hochschulen und bereitet am besten auf diese vor. So kann dem Mangel in Berufen, die an Universitäten ausgebildet werden, entgegengewirkt werden.»

Ebenfalls klare Worte kommen von René Theiler, Rektor des Gymnasiums St. Klemens in Ebikon: «Der Stellenwert einer akademischen Bildung hat in unserer Gesellschaft bedauerlicherweise generell abgenommen. Der Konkurrenzdruck einer hochwertigen nichtakademischen Berufsbildung ist speziell für die Buben gross.» Wenn aber die Schweiz ihre Stellung als erstklassiger Forschungsstandort erhalten wolle, müsse sie auch die Maturitätsquote bei den Knaben genügend hoch halten.

Naturwissenschaften fördern

Genau dieses Ziel verfolgt ein Projekt des Kantons Luzern, das soeben gestartet worden ist. Das sogenannte Mint-Projekt (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) soll Buben wie Mädchen stärker für die Technik begeistern, damit sie später auch ein entsprechendes Studium wählen und somit auch diese Berufsgruppen genug Akademiker rekrutieren können. Indirekt geht es bei diesem Projekt aber auch darum, das Gymnasium für Buben interessanter zu machen. So soll unter anderem die Mathematikkompetenz gefördert werden, auch soll der naturwissenschaftliche Unterricht am Untergymnasium verbessert werden.

Derweil bleiben aber auch die Vertreter der Berufslehre nicht untätig. Sie haben eine Imagekampagne lanciert, um Werbung für die Berufsmatura zu machen.