Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KANTON LUZERN: Bund lässt von Autobahnlärm Betroffene im Stich

Entlang der A2 werden die Lärmgrenzwerte überschritten. Deshalb müsste der Bund Massnahmen treffen. Doch neue Lärmschutzwände seien viel zu teuer, heisst es in Bern.
Yasmin Kunz
Die 17 Jahre alte Lärmschutzwand schützt die Anwohner in der Gemeinde Eich nicht genügend. (Bild: Nadia Schärli/LZ, Eich, 17. August 2017)

Die 17 Jahre alte Lärmschutzwand schützt die Anwohner in der Gemeinde Eich nicht genügend. (Bild: Nadia Schärli/LZ, Eich, 17. August 2017)

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Das Bundesamt für Strassen (Astra) ist seit 2008 Eigentümer der Nationalstrassen. Damit ist das Astra zuständig für die Umsetzung der bundesrechtlichen Vorschriften zum Schutz der Umwelt. Darunter fallen auch Sanierungen, die den Verkehrslärm dämmen und die Bevölkerung schützen.

Das Astra muss auch entlang der Nationalstrasse A2 Sursee–Rothenburg Schallschutzwände realisieren. Das betrifft unter anderem die Gemeinde Eich in einem Abschnitt von rund 450 Metern. Dort existieren zwar schon zwei Schutzwände mit einer Höhe zwischen 2 und 3,5 Metern, doch die Messungen des Astra aus dem Jahr 2014 haben ergeben, dass der Immissionswert für die Bewohner hinter der Schallschutzwand zu hoch ist (siehe Kasten). So kommt das Astra in der aufgelegten Planauflage im Jahr 2015 zum Schluss: Die beiden bereits vorhandenen Lärmschutzwände im Bereich Eich an der A2 müssen um drei respektive zwei Meter erhöht werden.

6,5 Millionen Franken für 450 Meter Lärmschutzwand

So weit, so gut, könnte man meinen. Doch das Astra will die Wand dennoch nicht erhöhen. Ein Grund dafür sind die zu hohen Kosten. Gemäss Astra würde die Erstellung der neuen Lärmschutzwände mit rund 6,5 Millionen Franken zu Buche schlagen. Bricht man das etwa auf den einzelnen Quadratmeter Lärmschutzwand runter, ergibt dies einen Betrag zwischen 2340 und 2670 Franken. Und genau da ist der Haken: Die Umsetzung sei zu teuer und deshalb «aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragbar und entsprechend unverhältnismässig», hält das Astra im Lärmschutzbericht fest.

Pikant: Eine verbindliche Kostenofferte einer renommierten Tiefbaufirma aus der Region, die unserer Zeitung vorliegt, hat ergeben, dass die Lärmschutzsanierungen in Eich für einen Bruchteil der vom Bund geschätzten Kosten realisierbar wären.

Auf 6,5 Millionen Franken kommt das Astra unter anderem, weil es rund 1,9 Millionen für die bestehende Wand berechnet – der sogenannte Rest- oder Wiederbeschaffungswert. Astra-Sprecherin Esther Widmer erklärt: «Restwert bei den Lärmschutzwänden ist der Wert, den diese bis zum Ablauf der Nutzungsdauer noch haben.» Gemäss Astra werden für bestehende, noch intakte Lärmschutzwände 1500 Franken pro Quadratmeter eingesetzt. Nichtsdestotrotz ist diese Summe irritierend, weil die ganze Lärmschutzwand beim Bau im Jahr 2000 lediglich 820 000 Franken gekostet hat.

Gemeinde und Anwohner reichen Einsprache ein

Laut Astra hat man also aufgrund der rechtlichen Vorgaben des Bundes und des ungünstigen Kosten-Nutzen-Verhältnisses entschieden, die Massnahmen zum Schutz der Bewohner nicht umzusetzen. Der Entscheid stört die rund 40 direkt vom Lärm betroffenen Anwohner, die hinter der bereits bestehenden Schallschutzwand wohnen. Kurz nach der Eröffnung der Planauflage wurden das Astra und das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) von den Anwohnern in Eich mit den widersprüchlichen Fakten konfrontiert. Weil Gespräche nicht die erhofften Resultate erbrachten, haben die Gemein­de und 15 Grundeigentürmer beim Uvek Einsprache erhoben. Der Gemeinderat lässt auf Anfrage verlauten, er verlange «die Umsetzung der zusätzlichen Lärmschutzmassnahmen, damit die Immissionsgrenzwerte auch in den Gebieten Weingart und Spillgässli eingehalten werden». Hat man bei der Gemeinde das Gefühl, dass das Astra hier falsche Fakten vorgaukelt, um sich vor der Sanierung drücken zu können? Auf diese Frage will der Gemeinderat nicht antworten.

Noch ist die Einsprache beim Uvek hängig. Esther Widmer begründet die Nichtumsetzung der Lärmschutzwände mit der Wirtschaftlichkeit: «Lärmschutzmassnahmen werden unter anderem dann realisiert, wenn sie wirtschaftlich tragbar sind. Wirtschaftlich im Sinne von Volkswirtschaft – das heisst: Bei der Berechnung dürfen nicht nur die Neubaukosten berücksichtigt werden, sondern es muss auch der Restwert der bestehenden Massnahme einbezogen werden.» Des Weiteren führt sie aus, dass die Lärmschutzmassnahmen technisch möglich und betrieblich machbar sein müssen. «Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, so fehlt eine rechtliche Grundlage für die Erstellung der Lärmschutzmassnahmen», so Widmer.

In Eich hegt man Zweifel an den Kostenberechnungen des Astra. Die budgetierten Kosten sind auch deshalb so hoch, weil das Astra offenbar eine sehr grosse Schwankungsreserve einkalkuliert, die ein Vielfaches der üblichen 10 Prozent beträgt. Ein Anwohner, der mit der Baubranche vertraut ist, sagt: «Wir Eicher können belegen, dass eine Ausführung mit korrekter Schallmessung und realen Kosten wirtschaftlich ausführbar ist.» Das Astra rechnet allerdings nicht nur im Fall Eich mit solch hohen Preisen. Für die Einsprecher ist dies ein schwacher Trost. «Übersetzt heisst das: Schweizer Bürger werden um ihren gesetzlich zustehenden Schallschutz gebracht», ärgert sich ein Einsprecher und erwähnt, dass durch diese Haltung auch das Gewerbe um Aufträge gebracht werde.

Das Astra argumentiert derweil auch mit dem fehlenden Nutzen der neuen Lärmschutzwände in Eich. Die Erhöhung der Wände würde die Lärmbelastung nur bei einem Haus merklich reduzieren. Bei den anderen Gebäuden sei eine Lärmreduktion aufgrund der topografischen Lage kaum wahrnehmbar, erklärt Esther Widmer. Allerdings war in der Planauflage noch von vier Parzellen die Rede.

Auch anderswo ist der Bund bei der Lärmsanierung im Verzug

Es besteht kein Zweifel: Gemäss Gesetz müsste das Astra die Lärmschutzwände an der Autobahn in Eich umsetzen. Die Bundesbehörde beharrt allerdings auf ihren Zahlen. In einem Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, wirft das Astra den Einsprechern sogar vor, sie glaubten, sie hätten mehr Rechte als die übrige Schweiz, weil sie an einer Lage für gut Betuchte wohnten. Doch das Astra sorgt in Sachen Lärmschutz nicht nur in Eich für Unmut. Bereits Ende März 2015 hätte der Bund insgesamt 221 Kilometer Nationalstrassen sanieren sollen. Diese Frist konnte nicht eingehalten werden und wurde bis Ende März 2018 verlängert. Schafft es der Bund bis dahin nicht, die Lärmschutzmassnahmen zu realisieren, können lärmgeplagte Hausbesitzer eine Entschädigung einfordern. Der Termin gilt übrigens auch für den Lärmschutz auf Kantons- und Gemeindestrassen. Das Bundesamt für Umwelt schätzte den potenziellen Entschädigungsbetrag vor vier Jahren auf 19 Milliarden Franken. Das ist ein Vielfaches der 2,8 Milliarden Franken, die bisher für Lärmschutzsanierungen ausgegeben worden sind.

Die besagte Schutzwand und das Wohnquartier. (Bild: Nadia Schärli/LZ, Eich, 17. August 2017)

Die besagte Schutzwand und das Wohnquartier. (Bild: Nadia Schärli/LZ, Eich, 17. August 2017)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.