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KANTON LUZERN: Die Aktie steigt, die Pflege leidet

Die Alterspflege ist längst auch in Luzern zu einem Geschäft für private Anbieter geworden. Doch Gewerkschaften und Verbände warnen: Der entstandene Preisdruck birgt Gefahren.
Kilian Küttel
Ein Pfleger hilft einer Seniorin die Treppe hinauf. (Symbolbild: Christian Beutler/Keystone (Biel, 9. Dezember 2016))

Ein Pfleger hilft einer Seniorin die Treppe hinauf. (Symbolbild: Christian Beutler/Keystone (Biel, 9. Dezember 2016))

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Als Henry Ford sein T-Modell am Fliessband herstellen liess, läutete er eine neue Ära ein. Die Formel war einfach: je effizienter die Produktion, desto tiefer der Verkaufspreis. Oder andersherum: Je weniger ein Produkt kosten darf, desto effizienter muss die Herstellung sein. Ford startete 1913 mit der Fliessbandarbeit, das Prinzip gilt bis heute. In gewissen Branchen sorgt das für harsche Kritik: «Alterspflege ist ein Big Business geworden», sagt Giuseppe Reo, Regionalsekretär der Gewerkschaft Unia Zentralschweiz: «Der Preisdruck unter den privaten Anbietern ist enorm. Darunter leiden die Bewohner – oder die Kunden, wie sie ja heute sowieso nur noch genannt werden.»

Gemäss einer Studie der Grossbank Credit Suisse lebten im Jahr 2005 in der Schweiz 400 000 über 80-Jährige. Bis 2040 soll die Zahl auf über 880 000 steigen. Die Alterspflege ist also ein Geschäft mit Zukunft, das haben auch private Anbieter gemerkt. Kein Wunder, hat sich auch in Kanton Luzern so manches private Heim etabliert (siehe Box). Gemäss der Dienststelle Soziales und Gesellschaft (Disg) war hier 2015 gut jedes dritte privat geführt.

Bewohner bekam das falsche Medikament

Allerdings sei diese Zahl mit Vorsicht zu geniessen, sagt Roger ­Wicki, der Präsident des Luzerner Heimverbandes Curaviva: «Pflegeheime, die beispielsweise von einer Stiftung getragen werden, gelten auch als privat betrieben. Aber einen wirklich gewinnorientierten Charakter haben die wenigsten.» Laut Curaviva-Angaben gibt es im Kanton 69 Alters- und Pflegeheime, 10 Prozent davon seien gewinnorientiert.

An einigen dieser Institutionen wird immer wieder Kritik laut: Weil sie rentieren müssen, wollen die Heime die Kosten drücken. Sie sparen, wo sie können – am Personalbestand, am Essen, an der Pflege. So jedenfalls sieht es Claudia Husmann von der Zentralschweizer Sektion des SBK – des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Sie sagt: «Einer der teuersten Posten für die Heime ist naturgemäss das Personal. Also sparen ­einige private Institutionen genau dort.» Konkret würden sie nicht genügend ausgebildetes Pflegefachpersonal einstellen, stattdessen auf Hilfskräfte ausweichen.

Gesetzlich ist das zulässig: Die Verordnung zum Betreuungs- und Pflegegesetz schreibt vor, dass ein Heim eine Betriebsbewilligung erhält, wenn es das «erforderliche Fachpersonal» eingestellt hat. «Die Frage ist jetzt», sagt Curaviva-Luzern-Präsident Wicki, «was der Begriff erforderlich heisst.» Für Claudia Husmann ist klar: «Wenn zu wenig kompetentes Personal angestellt ist, kann es gefährlich werden.» Als Beispiel nennt sie die Medikamentenabgabe: «Möglich ist, dass die Kontrollen nicht seriös durchgeführt werden, wenn keine Pflegefachperson da ist.» Es könne so weit kommen, dass eine Person zu hoch oder zu niedrig dosierte Medikamente erhalte – oder gar die falschen. «Dadurch drohen Spitaleinlieferungen», sagt Husmann.

Unsere Zeitung weiss: Ein solcher Fall ist in Luzern vorgekommen. Der SBK reagierte, indem er den Kontakt zur kantonalen Behörde suchte. In Luzern ist dies die Dienststelle für Soziales und Gesellschaft. Wie dort auf den Fall reagiert wurde, bleibt unklar. Auf Anfrage unserer Zeitung gibt die Disg keine konkrete Antwort, sondern beschränkt sich auf eine allgemeine Stellungnahme: «Die Disg steht mit den Heimen in regelmässigem Austausch. Die Inhalte einzelner Gespräche werden intern dokumentiert und entsprechende Massnahmen eingeleitet.»

Verband fordert mehr Regulierung

Klagen gibt es mitunter auch von Mitarbeiterseite. Eine davon wurde letztes Jahr aktenkundig: Sie kam aus der Altersresidenz Bellerive – also aus einer Einrichtung, die von der führenden privaten Anbieterin der Schweiz betrieben wird: der Tertianum-Gruppe (siehe Kasten). Eine angehende Fachfrau Gesundheit meldete sich beim Amt für Berufsbildung. Dort gab sie an, sich schlecht betreut zu fühlen. «Eine interne Analyse zeigte, dass es im Tertianum Bellerive tatsächlich Mängel in der Betreuung der Auszubildenden im Bereich Pflege gab», bestätigt Sprecherin Katja Hafner die Recherchen unserer Zeitung. Daraufhin sei die Ausbildung neu organisiert worden. Interessant: Die Meldung der Lernenden ist zu einer Zeit eingegangen, als die ­Direktion und die Pflegedienst­leitung gewechselt haben. Zeitgleich verliessen mehrere andere Mitarbeiter das Unternehmen. «Man kann sich fragen, weshalb gleichzeitig Führungspersonen wechseln oder ausgewechselt werden», kommentiert Claudia Husmann.

Der SBK wünscht sich mehr Regulierung vom Kanton: «Mit einem Gesamtarbeitsvertrag für das Pflegefachpersonal wären die Voraussetzungen in allen Heimen die gleichen», sagt Husmann. Und sie macht klar: «Die Bedingungen müssten mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt werden.» Auch die Unia pocht auf regulierte Anstellungsbedingungen in der ganzen Branche. Anderer Meinung ist der Heimverband. Roger Wicki argumentiert mit der Regulierungsfunktion des Marktes: «In Luzern ist Pflegefachpersonal sehr gefragt, das Angebot ist grösser als die Nachfrage. Bei diesem ausgetrockneten Arbeitsmarkt ist es nicht sinnvoll, noch mehr Regulierungen einzuführen.»

Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP) sieht das gleich: «Die Einführung eines GAV wäre ein schwerwiegender Eingriff für die Eigentümer, wobei ein GAV auch kein Garant dafür ist, dass alles einwandfrei funktioniert.» Zudem gebe es keinen aktuellen Bedarf, den Trägerschaften weitere Vorschriften aufzuerlegen: «Das Heimwesen in Luzern funktioniert gut.»

Der Verband der Pflegefachpersonen will mehr Transparenz: «Wir würden es begrüssen, wenn die Heime öffentlich machen müssten, wie viel ausgebildetes Pflegefachpersonal bei ihnen angestellt ist», so Husmann. Auch diesbezüglich sieht der Kanton keinen Handlungsbedarf. Am 1. Februar ist das neue Betreuungs- und Pflegegesetz in Kraft getreten. Seither unterliegen alle Pflegeheime einer Bewilligungspflicht: «Im Rahmen der Bewilligungserteilung wird geprüft, ob ein Pflegeheim über das notwendige Personal verfügt, das für die Erbringung der Leistung erforderlich ist», so Graf.

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