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KANTON LUZERN: Elternbriefe: «Simpeldeutsch ist stigmatisierend»

Gerade für ausländische Eltern sind Informationsschreiben der Schule oft schwer verständlich. Darum setzt eine Basler Primarschule nun auf vereinfachtes Deutsch. Im Kanton Luzern hält man von diesem Simpeldeutsch wenig – und geht eigene Wege.
Raphael Zemp
Gerade für ausländische Eltern sind Informationsschreiben der Schule oft schwer verständlich. (Symbolbild) (Bild: Dominik Wunderli (Emmenbrücke, 1. März 2016))

Gerade für ausländische Eltern sind Informationsschreiben der Schule oft schwer verständlich. (Symbolbild) (Bild: Dominik Wunderli (Emmenbrücke, 1. März 2016))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Sie verstehen die Einladung zum Elterngespräch nicht richtig, können Informationsschreiben zu Schulausflügen oder Projekttagen nicht entschlüsseln. Gemeint sind Eltern von Schülern, besonders jene, die kein oder nur schlecht Deutsch sprechen. Damit ihre Botschaften besser ankommen, setzt die Basler Primarschule Hirzbrunnen künftig auf eine Korrespondenz in vereinfachtem Deutsch, dem sogenannten Simpeldeutsch. Dabei ist die Information klar strukturiert, pro Zeile steht nur noch maximal ein Satz, und auf Genitivkonstruktionen verzichtet man ebenso wie komplizierte Fremdwörter. Was aber am meisten ins Auge fällt: Zusammengesetzte Wörter werden durch einen sogenannten Mediopunkt getrennt. Statt Elternbrief heisst es dann Eltern•brief und statt Lehrpersonen neu Lehr•personen. Die Briefe fielen künftig wohl etwas «trockener» aus, räumt die Schulleitung ein – für eine bessere Verständlichkeit nehme man dies aber gerne in Kauf. Was aber halten Luzerner Volksschulen von dieser Idee?

Mitverfolgt haben die Debatte um das Einfachdeutsch auch die Schulen in Emmen. Sie sind besonders von dieser Thematik betroffen: Von knapp 3000 Schülern sind hier über 40 Prozent ausländischer Herkunft. Das ist der kantonsweit höchste Wert. Zählt man die eingebürgerten fremdsprachigen Schüler dazu, dann erhöht sich der Anteil auf fast 60 Prozent. Die Einführung von Simpeldeutsch in der Korrespondenz sei momentan aber kein Thema, sagt Nikola Janevski, Kommunikationsbeauftragter der Gemeinde Emmen. Es gäbe bereits interne Weisungen zur Kommunikation, so Janevski weiter – ohne ins Detail zu gehen.

Ein Blick auf verschiedene, uns vorliegende Briefe zeigt: Die Emmer Lehrer befolgen die Weisungen und wenden sich in kurzen und einfachen Sätzen an die Eltern. Schachtelsätze? Floskeln? Fehlanzeige.

Stehen wichtige Gespräche an, werden in Emmen in Ausnahmefällen zudem Dolmetscher hinzugezogen. Nikola Janevski: «So beugen wir Missverständnissen vor.»

Deutschunterricht schon für Kleinkinder

Grosse Hoffnungen setzt man in Emmen in das Vorzeigeprojekt «Bildungslandschaft Meierhöfli», das vor drei Jahren gestartet ist. Mit verschiedenen Angeboten wie etwa dem Deutschunterricht noch vor dem Kindergarten will man gezielt Eltern und Schulen näher zusammenbringen – und so das gegenseitige Verständnis fördern. Dieser Sprachkurs richtet sich sowohl an Kinder wie auch an deren Eltern und findet zweimal pro Woche statt. Profitieren sollen davon nicht nur die Kinder und Eltern, sondern auch das Quartier, ja gar die ganze Gemeinde.

Kein Thema ist Simpeldeutsch auch in der Landgemeinde Nebikon, die mit fast 30 Prozent den zweithöchsten Ausländeranteil des Kantons aufweist. «Es ist nicht zielführend, sondern eher stigmatisierend», findet der Nebiker Schulleiter Joachim Redondo. Man wolle mit den Eltern auf Augenhöhe kommunizieren, egal welcher Nation sie angehörten. Um trotzdem sicherzugehen, dass die Nachrichten der Schulen richtig verstanden werden, setzt man in Nebikon «im Rahmen der sozialraumorientierten Schule» auf sogenannte Schlüsselpersonen. Das sind Freiwillige, die einen entsprechenden kulturellen Hintergrund mitbringen und zwischen der Schule und den Eltern vermitteln: Sie übersetzen Elternbriefe oder andere Informationen und assistieren bei Elterngesprächen. «Geht es aber um heikle Themen, dann greifen wir auf Caritas-Übersetzer zurück, damit Schlüsselpersonen mit ihrer wertvollen Arbeit nicht in einen Loyalitätskonflikt geraten», erklärt Redondo. Diese Vorgehensweise habe sich bisher bewährt. «Auch weil oftmals nicht die Information per se das Problem ist, sondern weil das kulturelle Verständnis beider Seiten dafür fehlt.»

Kanton hat Info-Broschüren in elf Sprachen übersetzt

Dass die Kommunikation mit Eltern nicht immer einfach ist, weiss auch Vreni Völkle, Rektorin der Stadtluzerner Volksschule. Von den rund 5800 Schülern sind über 27 Prozent ausländischer Herkunft. Einerseits setzten auch die Stadtluzerner Schulen bei wichtigen Gesprächen auf die Hilfe von Übersetzern. Andererseits würden die Schulen bewusst einfach und verständlich kommunizieren, sagt Völkle. Sämtliche Schreiben seien in unkomplizierten Sätzen verfasst. Zudem verweist Völkle auf die Broschüren des Kantons, die in elf Sprachen übersetzt wurden: Von Albanisch über Tamilisch bis hin zu Tigrinya, der Landessprache Eritreas. Diese klären darüber auf, wie das Schulsystem im Kanton Luzern funktioniert, aber auch wie sich Bewegung positiv auf die Gesundheit auswirkt, was eine ausgewogene Ernährung für Kinder ist oder wie man bei Läuse­befall reagieren soll.

Simpeldeutsch kennt Völkle nicht genau. Für sie aber steht fest: Eine zusätzliche Vereinfachung der Korrespondenzsprache steht an den Stadtluzerner Schulen nicht zur Debatte. Auch weil die Rektorin überzeugt ist, dass der korrekte Sprachgebrauch letztlich die grösste Motivation sei, Deutsch zu lernen. Genau dieser Lernanreiz dürfte bei einer künstlich geschaffenen Sprache, die so von niemandem wirklich verwendet wird, wohl ausbleiben.

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