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Kanton Luzern: Empörung wegen umstrittenem Lehrbuch

Die SVP Zürich kritisiert ein Lehrmittel als «linke Indoktrination der Volksschule». Auch die Luzerner Regierung muss sich mit dem Thema befassen. Der Wirbel ist für den Luzerner Experten Peter Gautschi keine Überraschung.
Alexander von Däniken
Lehrmittel lösen immer wieder kontroverse politische Diskussionen aus. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

Lehrmittel lösen immer wieder kontroverse politische Diskussionen aus. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

Welche Rolle haben Nichtregierungsorganisationen? Wie steht es in der Schweiz um die Gleichstellung zwischen Mann und Frau? So relevant solche Fragen sind, so schmal ist der Grat zwischen neutralen und politisch gefärbten Antworten – gerade in der Bildung. Das zeigt sich exemplarisch am Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel», das vom Zürcher Lehrmittelverlag für den Lehrplan 21 konzipiert wurde.

Zürcher SVP-Politiker kritisierten das Werk als «linke Indoktrination der Volksschule» und forderten das sofortige Einziehen des Lehrmittels, das auf Sek-I-Stufe eingesetzt wird. Dies, nachdem die NZZ auf mehrere Punkte aufmerksam machte, die ideologisch gefärbt sind: Sympathie für Menschenrechtsorganisationen, Antipathie gegen die Lohnungleichheit von Mann und Frau (der Unterschied wird zum Beispiel mit 20 Prozent angegeben).

SVP Luzern reicht Vorstoss ein

Die Debatte in Zürich ruft nun auch die Luzerner SVP auf den Plan. Kantonsrat Pirmin Müller hat eine Anfrage eingereicht. Der Luzerner Politiker will vom Regierungsrat unter anderem wissen, wie er die «einseitige Darstellung» von Nichtregierungsorganisationen in Lehrmitteln bewertet, und ob im Kanton Luzern Lehrmittel eingesetzt werden, die «eine solch einseitige Positionierung» beinhalten. Für Pirmin Müller suggeriert «Gesellschaften im Wandel», dass Nichtregierungsorganisationen «objektive Wahrheiten vertreten, obwohl es sich in Wahrheit um gewöhnliche politische Akteure handelt». So dürfe sich zum Beispiel eine Vertreterin der Organisation Public Eye, welche sich für eine gerechte Globalisierung einsetzt, über das «sagenhafte» Vermögen von Modezaren auslassen, das auf der Ausbeutung von Näherinnen beruhe.

Das umstrittene Werk ist auch im Luzerner Lehrmittelverlag gelistet – in den Klassenzimmern wird es aber nicht eingesetzt, wie Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, vor Einreichung des Vorstosses erklärte. «Die kantonale Lehrmittelkommission hat sich für das Lehrmittel ‹Zeitreise› ausgesprochen und der Bildungsdirektor hat bereits am 3. November 2017 so entschieden.» Für besagte «Zeitreise» ist Peter Gautschi als Projektleiter und Autor mitverantwortlich. Der Leiter des Instituts für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der Pädagogischen Hochschule Luzern verteidigt die Konkurrenz: «Das Lehrmittel präsentiert bedeutsame Themen und stellt sie redlich dar. Damit erfüllt es wichtige Anforderungen. Die Schüler werden politisch nicht überwältigt.» Gautschi sagt aber auch, dass eine neutrale Geschichtsbetrachtung eine Illusion ist (siehe Interview unten).

Laut Charles Vincent haben mehrere Punkte den Ausschlag für die «Zeitreise» gegeben. So orientiere sich dieses Lehrmittel noch stärker am Lehrplan 21, ordne die Schweizer Geschichte und die Einstellung unseres Landes zu Europa besser ein und biete mit drei Bänden auch die bessere Möglichkeit, den Stoff über die Oberstufenschuljahre und Leistungsniveaus zu verteilen. Zur Kritik über «Gesellschaften im Wandel» sagt Vincent: «Ich gehe davon aus, dass das Lehrmittel insgesamt die Kriterien für den Einsatz in der Volksschule durchaus erfüllt. Natürlich können einzelne Texte isoliert betrachtet nicht absolut neutral sein, aber es muss über alles hinweg eine Beurteilung vorgenommen werden.» Wie die eingangs erwähnten Hinweise zu den Hilfswerken oder Menschenrechtsorganisationen zeigen, sei eine solche Beurteilung häufig auch nicht neutral, sondern werde von einer bestimmten Meinung geprägt.

Kanton zieht bei Bedarf Fachberater hinzu

Bis ein Lehrmittel im Klassenzimmer eingesetzt wird, prüft es der Kanton auf Herz und Nieren. Die Dienststelle Volksschulbildung ist für die Bearbeitung der Lehrmittelfragen zuständig. Sie prüft laut Vincent die Notwendigkeit des Ersatzes von Lehrmitteln. Bei Bedarf werden zu diesem Zweck Aufträge an die Fachberater der Pädagogischen Hochschule Luzern erteilt und auch Arbeitsgruppen mit Lehrpersonen eingesetzt. Die entsprechenden Beurteilungen werden in der kantonalen Lehrmittelkommission besprochen und dann dem Bildungsdirektor zum Entscheid vorgelegt.

Eine vollständige Kontrolle über die Vermittlung des Unterrichtsstoffs höre aber seitens Kanton in den Schulzimmern auf – bei 2500 Volksschulklassen und wöchentlich über 80 000 Lektionen wäre sie auch nicht möglich. «Die Schulleitungen sind für die unmittelbare Aufsicht über den Unterricht zuständig. Allfällige Beanstandungen sind von diesen zu prüfen. Erst bei einer konkreten Beschwerde von Eltern müsste die kantonale Schulaufsicht dies prüfen.»

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