Luzerner Lernende kommen beim Fernunterricht auf den Geschmack – Lehrer bemängeln Fehlen von sozialen Kontakten

Der coronabedingte Fernunterricht im Kanton Luzern ist bei Lernenden, Lehrpersonen und Eltern mehrheitlich gut angekommen. So besteht laut einer Umfrage die Bereitschaft, den Fernunterricht zumindest teilweise beizubehalten. Allerdings fehlten die sozialen Kontakte.

Livia Fischer
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Eine Gymnasiastin lernt am Laptop im Homeschooling-Modus.

Eine Gymnasiastin lernt am Laptop im Homeschooling-Modus.

Bild: Gaetan Bally / Keystone (Zürich, 25. Mai 2020)

Wochenlang waren die Schulen aufgrund der ausserordentlichen Lage geschlossen, der Unterricht fand in den eigenen vier Wänden statt. Als erster Kanton in der Schweiz hat Luzern nun untersucht, wie die Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen, die Lehrpersonen, Schulleiterinnen und Schulleiter, Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sowie die Eltern der Lernenden den Fernunterricht erlebt hatten.

Im Auftrag des Kantons hat das Marktforschungsinstitut Link in Luzern im letzten Monat vor den Schulsommerferien insgesamt 15'785 Lernende, 3691 Lehrpersonen, 172 Schulleiterinnen und Schulleiter, 2374 Eltern – hauptsächlich Mütter – und 1231 Berufsbildnerinnen und Berufsbildner elektronisch befragt. Das primäre Ziel der Studie: Den aktuellen Stand der Digitalisierung in den Schulen in Erfahrung bringen und Erkenntnisse für die Zukunft daraus gewinnen. Bildungsdirektor Marcel Schwerzmann hat die Ergebnisse gestern in einer Pressekonferenz vorgestellt.

Eins vorneweg: Die Mehrheit aller Befragten waren mit dem Fernunterricht, so wie er durchgeführt wurde, zufrieden. Schülerinnen und Schüler schätzten insbesondere die zeitliche Flexibilität und mehr Freizeit. Knapp ein Drittel der Befragten gaben an, sich weniger unter Druck gefühlt zu haben. Letzteres führt Schwerzmann einerseits auf den sozialen Druck bei schulisch Schwächeren zurück und anderseits auch, weil keine Prüfungen stattgefunden hätten. Das Fehlen der sozialen Kontakte hingegen war sowohl bei den Lernenden als auch bei den Lehrpersonen der grösste Wermutstropfen. Letztere gaben übrigens oftmals an, dass sie es schwierig fanden, das Mass zwischen Beruf und Alltag zu finden.

Studierende hatten am meisten Konzentrationsschwierigkeiten

Auffällig bei den Lernenden ist, dass die Jüngeren – also jene aus der Volksschule – im Schnitt lieber von zu Hause aus lernten als die Schülerinnen und Schüler der Gymnasien. Das zeigt sich auch darin, dass jene Kinder und Jugendlichen auf Stufe Volksschule den Aussagen «Mein Arbeitsplatz war ruhig», «Ich konnte mich an meinem Arbeitsplatz gut konzentrieren» und «Ich hatte genügend Platz» am meisten bejaht haben. Die Zustimmung war zwar über alle Stufen hinweg sehr hoch, eine Überraschung gibt’s dennoch.

Ausgerechnet von den Studierenden einer Hochschule, die sich selbständiges Arbeiten gewohnt sind, gaben 23 Prozent an, dass sie sich an ihrem Arbeitsplatz überhaupt nicht hatten konzentrieren können. «Das hat uns alle ein Stück weit erstaunt», sagt auch Sabine Frenzel, Mitglied der Geschäftsleitung des Link Instituts. Eine eindeutige Antwort zu geben, warum das so war, sei schwierig. Sie vermutet aber, dass zwei Aspekte eine entscheidende Rolle spielten: «Einerseits wohnen viele Studierende in einer Wohngemeinschaft. Während der Lockdownzeit waren plötzlich viel mehr Leute zu Hause als normalerweise. Andererseits ist die Erwartungshaltung bei den Studierenden viel höher, warum sie die Frage auch kritischer beurteilten.»

Lehrpersonen bewerten Leitungen schlechter als Lernende

Apropos kritische Beurteilung: Die Auswertungen zur Frage, wie die Schülerinnen und Schüler ihre Leistungen im Fernunterricht einschätzen, zeigen, dass sich jene vom Obergymnasium, der Mittel- und Berufsschule im Vergleich zu den Jüngeren schlechter bewerteten (siehe Grafik). An dieser Stelle weist Frenzel darauf hin, dass es sich dabei um subjektive Aussagen handle, die man nicht zu stark gewichten dürfe. «Denn es gibt immer auch Schüler, die zwar wahnsinnig gut sind, aber Angst hatten, weniger gelernt zu haben.»

Vergleicht man jedoch diese Einschätzungen der Lernenden aller Stufen mit jenen der Lehrpersonen, fällt auf: Lehrerinnen und Lehrer sehen das doch etwas pessimistischer. So gehen beispielsweise 37 Prozent der Gymnasiallehrpersonen davon aus, dass ihre Lernenden zu Hause schlechtere Leistungen erbrachten als im Präsenzunterricht – nur gerade einmal vier Prozent denken das Gegenteil. Wie Frenzel bestätigt, sahen das auch die Lehrpersonen der restlichen Stufen ähnlich.

Relativ hohe Bereitschaft für Homeschooling

Darum und auch angesichts der Tatsache, dass stufenübergreifend etwa die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer nicht so gerne im Fernunterricht arbeiteten, mag überraschen, dass sich dennoch ein beträchtlicher Teil vorstellen kann, das Homeschooling zumindest teilweise beizubehalten. Während es in den Hochschulen fast 80 Prozent sind, sind es in den Volksschulen immerhin noch 40 Prozent. Alex Messerli, Präsident des Luzerner Lehrer Verbands, findet das erfreulich: «Das ist ein klares Signal an die digitale Weiterentwicklung der Volksschule.»

Ein Mix aus Präsenz- und Fernunterricht kann sich auch die Hälfte aller befragten Eltern sowie ein Grossteil der Lernenden vorstellen – mit Ausnahme der Sonderschulen. Laut Schwerzmann ist künftig nicht das Ziel, fixe Homeschooling-Tage einzuführen, sondern den vermehrten Einsatz von digitalen Mitteln zu prüfen und weiterzuentwickeln. «Und wenn das klappt, wird dann auch der Fernunterricht wieder einfacher, wenn es ihn nochmals braucht.»

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