KANTON LUZERN: Historische Trendwende dank Lehrplan 21 erwartet

Das Schulfach Geschichte hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Im Lehrplan 21 wird es nicht einmal mehr als eigenes Fach aufgeführt. Dennoch könnte gerade dieser Lehrplan die Umkehr bewirken.

Ismail Osman
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Blick in das von der PH Luzern mitentwickelte Geschichtslehrbuch «Zeitreisen». (Bild: Dominik Wunderli)

Blick in das von der PH Luzern mitentwickelte Geschichtslehrbuch «Zeitreisen». (Bild: Dominik Wunderli)

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

In Zusammenhang mit populistischen und nationalistischen Strömungen, die derzeit weltweit auf dem Vormarsch sind, wird oft vor der «Geschichtsvergessenheit» der Gesellschaft gewarnt. Auch Peter Gautschi warnt davor, aus der eigenen Geschichte nichts zu lernen. Als Leiter des Zentrums für Geschichtsdidaktik und Er­innerungskulturen an der Pädagogischen Hochschule Luzern kämpft er quasi an vorderster Front für das Lernen und gegen das Vergessen. «Geschichtsunter­richt hat zwei Hauptfunktionen, die sich gegenseitig die Waage halten müssen», sagt Gautschi. Es sind dies «der Aufbau individueller und sozialer Identität». Gautschi erklärt: «Wer nicht weiss, woher er kommt, weiss auch nicht, wer er ist.» Anderseits müsse Geschichtsunterricht aber auch ein «kritisches Bewusstsein ausbilden: So können wir erkennen, dass nicht alles wahr ist, was über die Vergangenheit erzählt wird.»

Das Fundament hierfür muss in der Schule gelegt werden. Wie also steht es um den Geschichtsunterricht in unseren Schulen? In der Deutschschweiz wird grundsätzlich ab der Sekundarstufe Geschichte unterrichtet. «Es ist eine Tatsache, dass Geschichte in den vergangenen Jahren an Stellenwert verloren hat», sagt Gautschi. So wurden vielerorts bereits vor über zehn Jahren die beiden Schulfächer Geschichte und Geografie zusammengelegt. «Wie und mit welcher Gewichtung die beiden Fächer unterrichtet werden, hängt seither vor allem von der Lehrperson ab», sagt Gautschi. In jedem Fall sind es seither jedoch klar weniger Stunden pro Fach als zuvor.

Dünne Bücher in der Deutschschweiz

«Den tiefen Stellenwert von Geschichte in den Deutschschweizer Schulen kann man etwa auch am Umfang von Geschichtslehrmitteln, die gleichzeitig in mehreren Ländern benutzt werden, ablesen», sagt Gautschi, der selbst an der Entwicklung vieler in Deutschland, Italien und der Schweiz verwendeten Lehrmitteln beteiligt war. «Diejenigen für die Deutschschweiz haben mit deutlichem Abstand am wenigsten Seiten.»

Ab kommendem Schuljahr steht nun im Kanton Luzern die schrittweise Einführung des Lehrplans 21 an. Für die Sekundarstufe wird er ab dem Schuljahr 2019/20 verbindlich sein. Für das Fach Geschichte sieht es auf den ersten Blick düster aus – es wird im Lehrplan 21 gar nicht aufgeführt. Es erscheint lediglich als Unterkategorie eines neuen Fachs namens «Räume, Zeiten, Gesellschaften».

Diese Tatsache lässt eine weitere Schwächung des klassischen Geschichtsunterrichts vermuten. Peter Gautschi relativiert jedoch: «Lehrpläne entstehen immer im Spannungsfeld von Wissenschaft, Praxis und Politik. Die Entwicklung des Lehrplans 21 hat lange gedauert. Zu Beginn hatten Politik und Erziehungswissenschaften einen grossen Einfluss auf den Prozess, was zu diesem Integra­tionsfach ‹Räume, Zeiten, Gesellschaften› führte», erklärt Gautschi. «Ab 2010 jedoch bekamen die Fachdidaktiken und die Praxis mehr Bedeutung.» In der praktischen Ausarbeitung des Lehrplans sei nun also trotz des vagen Begriffs wieder das Fachliche betont und der Geschichtsunterricht entsprechend gestärkt worden. Diese Tendenz sei in einzelnen Kantonen besonders deutlich spürbar. Gautschi verweist etwa auf die Tatsache, dass der Kanton Obwalden ein Lehrmittel entwickelte, damit alle Schülerinnen und Schüler der Primar- und Sekundarschule Niklaus von Flüe kennen. Noch weiter gehe man in der Westschweiz, wo Lehrmittel entwickelt worden seien, um bereits in der Primar mit dem Geschichtsunterricht zu beginnen.

Der ausgearbeitete Lehrplan 21 könne – zumindest in Bezug auf den Stellenwert des Geschichtsunterrichts – eine Trendwende bedeuten: «Der ausformulierte Lehrplan 21 verlangt durchaus fachspezifisches historisches Lernen.» Dies spiegle sich etwa auch in den sogenannten Kompetenzen wider, welche die Schüler am Ende ihrer Schulzeit erlangt haben sollten. Ein Beispiel: Unter dem Thema «Weltgeschichtliche Kontinuitäten und Umbrüche erklären» ist zu lesen, dass Schülerinnen und Schüler darlegen können, «warum das 20. Jahrhundert als Zeitalter der Extreme bezeichnet wird (Weltkriege, Faschismus, Kommunismus, Holocaust, Kalter Krieg, Unabhängigkeitsbewegung, Globalisierung, Bürgerkrieg, Terrorismus)».

Regierung in der Pflicht

Welches Gewicht dem Geschichtsunterricht zukünftig zukommt, hänge auch vom Willen der Regierung ab: «Der Kanton hat verschiedene Steuerungsmöglichkeiten – er kann Empfehlungen zur Wahl der Lehrmittel machen oder diese auch als obligatorisch erklären», sagt Peter Gautschi, der selbst das in Luzern zur Verfügung stehende Lehrmittel «Zeitreise» mitentwickelt hat. Gemäss dem Lehrerkommentar des rund 150-seitigen Geschichtsbuches wird mit einem Minimum von 30 Lektionen und einem Optimum von 60 Lektionen pro Jahr gerechnet. «Es wird spannend sein, zu sehen, wie der Unterricht in der Praxis umgesetzt wird.»

Hinweis

Mehr Infos zum Lehrplan 21 finden Sie unter www.lu.lehrplan.ch