KANTON LUZERN: Immer mehr Kindergärtler

Die Zeiten der sinkenden Schülerzahlen sind vorbei – der Luzerner Babyboom erreicht jetzt die Schulen. Bloss: Gibt es überhaupt genügend Schulraum?

Evelyne Fischer
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Marc, Iljas und Laura (von links) gestern im Kindergarten Houelbach in Kriens. (Bild Eveline Beerkircher)

Marc, Iljas und Laura (von links) gestern im Kindergarten Houelbach in Kriens. (Bild Eveline Beerkircher)

Evelyne Fischer

Kindergärten dürften in den nächsten Jahren beinahe wie Pilze aus dem Boden schiessen: Innert Kürze erhöhten sich die Schülerzahlen bei den Jüngsten um einen Fünftel: von rund 4500 Kindern im Schuljahr 2008/09 auf aktuell rund 5600 – Tendenz steigend (siehe Tabelle). Gemäss Bevölkerungsszenario von Lustat Statistik Luzern wird die Altersgruppe der 0- bis 19-Jährigen bis ins Jahr 2030 weiter zunehmen. Fallen heute rund 82 000 Kinder und Jugendliche in diese Gruppe, dürften es dann knapp 89 000 sein.

Der Grund für den Anstieg auf Kindergartenstufe sind regelrechte Babyboom-Jahre: «Seit 2004 haben die Geburtenzahlen markant zugenommen», sagt Charles Vincent, Leiter Dienststelle Volksschulbildung, auf Anfrage. Mit dem Schuleintritt dieser Jahrgänge hätten die lange rückläufigen Schülerzahlen nun die Talsohle erreicht. Was dies für die Gemeinden heisst, zeigt das Beispiel Kriens: Die aktuell 20 Kindergärten reichen bei weitem nicht mehr. Bereits bis zum Schuljahr 2022/23 werden bis zu 30 Abteilungen nötig sein (Ausgabe vom 6. März).

Populäres zweites Kindergartenjahr

Doch nicht nur geburtenstarke Jahrgänge lassen die Kindergartenzahlen ansteigen. Wesentliche Ursache ist auch das veränderte Angebot: Bis zum Schuljahr 2016/17 müssen Luzerner Gemeinden den zweijährigen Kindergarten oder die Basisstufe anbieten und zwar «ausnahmslos. Der Kantonsrat hat die Übergangsfrist abschliessend festgelegt», so Charles Vincent. Das Interesse der Eltern sei gross. «Rund 70 bis 80 Prozent der Kinder dürften ein zweites Kindergartenjahr in Anspruch nehmen, wenn das Angebot etabliert ist.» Viele Gemeinden würden diese Zahlen bereits im ersten oder zweiten Jahr erreichen.

Die Stadt Luzern, aber auch viele Gemeinden des Luzerner Hinterlandes, haben das Gesetz bereits umgesetzt. Daher profitiert die Hälfte aller Luzerner Schulkinder schon heute vom zweiten Kindergartenjahr oder der Basisstufe. «Ab Herbst kommen mit Ebikon und Horw zwei weitere grosse Gemeinden dazu», so Vincent. Insgesamt steht rund der Hälfte der 83 Gemeinden die Einführung noch bevor.

Stagnation in Randregion

Vom markanten Anstieg auf der Kindergartenstufe seien längst nicht alle Schulorte gleich stark betroffen, hält Vincent fest. Überdurchschnittliches Wachstum würden Agglomerationsgemeinden wie Ebikon oder Root verzeichnen, ebenso Gemeinden im Einzugsgebiet der Autobahn – sprich die Region rund um Sursee, aber auch Wiggertaler Gemeinden wie Reiden,Dagmersellen oder Nebikon.«Sie müssen für die kommenden Jahre deutlich mehr Schulraum bereitstellen als Randregionen wie Luthern oder Entlebuch, wo die Schülerzahlen stagnieren und die Klassenzimmer kaum ganz ausgelastet sind.»

Sekundarstufe verliert Schüler

Insgesamt sind in Luzerner Klassenzimmern derzeit rund 42 500 Kinder und Jugendliche. Das sind zwar rund 180 weniger als noch im Vorjahr. Wie Lustat gestern mitteilte, fällt die Abnahme aber bedeutend schwächer aus als in der Vergangenheit. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es rund 49 600 Schüler. Erklären lässt sich der Rückgang mit der Situation auf der Sekstufe: In den letzten drei obligatorischen Schuljahren sind die Zahlen weiterhin stark rückläufig. Besuchen heute 12 500 Jugendliche die Sekundarstufe, waren es vor sechs Jahren noch deren 14 600. Stabil bleiben derweil die Zahlen auf der Primarstufe: Mit rund 22 400 Kindern (ohne Basisstufe) bewegen sich diese Abteilungen auf Vorjahresniveau.

Schwankende Schülerzahlen sind für Gemeinden eine Herausforderung. Das prognostizierte Wachstum löste bereits in den letzten Jahren vielerorts Bauvorhaben aus. Doch wird der Schüleranstieg auch eintreffen? «Das Risiko, Infrastruktur auf Vorrat zu bauen, ist relativ gering. Gerade in Gemeinden mit einem zentralen Schulstandort», erklärt Vincent. Grösser sei die Gefahr bei Quartier- oder Aussenschulen. «Kommt es hier zu einer Überalterung, werden Schulräume auf einmal überflüssig.»

Knapp genügend Lehrer vorhanden

Mehr Kindergärtler brauchen nicht nur mehr Raum, sondern auch mehr Lehrpersonen. «Wir gehen davon aus, dass knapp genügend Lehrer vorhanden sein werden», sagt Charles Vincent. Auf der Kindergartenstufe habe sich die Zahl der Studenten in den letzten drei Jahren fast verdreifacht. «Rund 80 angehende Kindergartenlehrpersonen sind derzeit im ersten Studienjahr eingeschrieben.» Dass die Ausbildung derart gefragt ist, stellt Vincent in einen direkten Zusammenhang mit dem neuen Angebot. «Die Aussicht, auf Anhieb einen Job zu finden, war selten besser.»

Weniger rosig dürfte es für angehende Seklehrer aussehen – hier sind die Schülerzahlen bis ins Jahr 2017/18 weiter rückläufig. Vincent: «Erst danach werden sich die geburtenstarken Jahrgänge auf der Sekundarstufe bemerkbar machen.» Doch der Dienststellenleiter will nicht schwarzmalen: «Gerade auf der Sekstufe stehen in den nächsten Jahren zahlreiche Pensionierungen an. Die Chancen für Studienabgänger, eine Stelle zu finden, sind intakt.»

Lehrer: 78 Prozent sind Frauen

Volksschule red. Im Kanton Luzern unterrichten im laufenden Schuljahr 2014/2015 an den obligatorischen Schulen 4765 Lehrpersonen, die sich 3019 Vollzeitstellen teilen (ohne Gymnasium, ohne Förderunterricht und sonderpädagogisches Personal). Es gibt gemäss Lustat Statistik Luzern 3711 Lehrerinnen und 1054 Lehrer – der Frauenanteil liegt also bei rund 78 Prozent.

Fast ein Fünftel über 54-jährig

Der Anteil der über 54-jährigen Lehrer liegt derzeit bei 19,5 Prozent, 17,3 Prozent der Luzerner Lehrerschaft sind jünger als 30 Jahre. Auffällig bei den Junglehrern: Es rücken laut Lustat mehr Frauen nach. 19,5 Prozent der unter 30-Jährigen sind weiblich, weniger als jede zehnte Person unter 30 ist männlich (9,4 Prozent).