Historisch
In den Unterlagen einer alten Surseer Familie kann jetzt gestöbert werden

Das Staatsarchiv hat das Familienarchiv der Familie Schnyder von Wartensee erschlossen. Dieses bietet einen breiten Einblick in die Geschichte der Luzerner Landschaft.

Dominik Weingartner
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Das Luzerner Staatsarchiv hat einen historischen Schatz gehoben. Zwischen März und Oktober 2020 haben zwei Historikerinnen das Familienarchiv der bedeutenden Surseer Familie Schnyder von Wartensee erschlossen und katalogisiert. Der Katalog ist jetzt öffentlich zugänglich. Das Archiv spricht von einem «äusserst vielfältigen Bestand mit Archivalien vom 14. bis ins 20. Jahrhundert.»

Die von der Familie Schnyder mitfinanzierte Arbeit der Historikerinnen sei sehr aufwendig gewesen, sagt Ramona Thalmann-Hüsler vom Staatsarchiv. «Sie haben jedes Dokument gesichtet und geschaut, was drin steht. Das ist nicht ganz einfach, denn sie sind in verschiedenen Schriften und verschiedenen Sprachen gehalten, zum grössten Teil in Handschrift.»

Eine Kleiderordnung von 1716.

Eine Kleiderordnung von 1716.

Staatsarchiv Luzern/PA 1419/570

Das Spannende am Archiv der Schnyders von Wartensee: «Es deckt viele gesellschaftliche Bereiche ab. Das Archiv dokumentiert wirtschaftliches Geschehen, Politik, Kirchliches, Militärisches und auch Privates über mehrere Jahrhunderte», sagt Thalmann-Hüsler. Zudem sei es das erste komplette Familienarchiv eines Geschlechts aus dem Luzerner Patriziat, das auch in der Landstadt Sursee aktiv war.

Bedeutung über die Region Sursee hinaus

Ein berühmter Spross der Familie ist etwa Julius Schnyder von Wartensee (1830–1913), zwischen 1863 und 1871 Stadtpräsident von Sursee, während 18 Jahren Luzerner Grossrat, von 1871 bis 1891 als Regierungsrat zuständig für Staatswirtschaft und Finanzen sowie für kurze Zeit Ständerat. Die Familie bekleidete zudem über Generationen die Schaffnerstellen der Klöster St.Urban und Muri und waren damit verantwortlich für deren Vermögensverwaltung. Auch im Söldnerwesen war die Familie aktiv. «Durch die Amtstätigkeiten von Familienmitgliedern gelangten Originale und Abschriften aus der Stadt- und Klosterverwaltung in privaten Besitz», schreibt das Staatsarchiv.

Ein Verhörprotokoll von 1852.

Ein Verhörprotokoll von 1852.

Staatsarchiv Luzern/PA 1419/660

Das Luzerner Staatsarchiv ist durch die Vermittlung des Stadtarchivs Sursee in den Besitz des Familienarchivs der Schnyders von Wartensee gelangt. Die Familie, die heute ihren Sitz auf Schloss Tannenfels in Nottwil hat, war schon länger im Gespräch mit dem Stadtarchiv Sursee. «Wegen der kantonalen Bedeutung der Familie, die über die Region Sursee hinausgeht, hat man sich entschieden, die Bestände dem Staatsarchiv zu übergeben», sagt Ramona Thalmann-Hüsler.

Einzigartige Tagesbefehle aus dem 18. Jahrhundert

Mit der Erschliessung der Bestände ist allerdings erst die Voraussetzung für eine vertiefte Erforschung geschaffen. Laut Thalmann-Hüsler gebe es unter anderem Spannendes über das Wirtschaftsgeschehen früherer Zeiten herauszufinden: «Wir haben zum Beispiel Kontenbündel, das sind aufgepinnte Quittungen von Handwerkern, die vieles über die Wirtschaft der damaligen Zeit erzählen.» Ein weiterer historischer Höhepunkt sei eine Sammlung von Tagesbefehlen des Regiments Châteauvieux aus der Zeit zwischen 1780 und 1789. «Das ist ziemlich einzigartig», so Thalmann-Hüsler.

In diesem Dokument lehnen Schultheiss und Rat von Sursee die Bitte des Christoffel von Heidegg, ihm den Zugang zu seinem Baumgarten durch die Ringmauer zu belassen, ab, und gebieten ihm, dass er den Durchgang zumauern lässt und den Fussweg durch Wendel Egglins Baumgarten nehmen soll.

In diesem Dokument lehnen Schultheiss und Rat von Sursee die Bitte des Christoffel von Heidegg, ihm den Zugang zu seinem Baumgarten durch die Ringmauer zu belassen, ab, und gebieten ihm, dass er den Durchgang zumauern lässt und den Fussweg durch Wendel Egglins Baumgarten nehmen soll.

Staatsarchiv Luzern/PA 1419/687

Das Familienarchiv der Schnyders von Wartensee richtet sich aber nicht ausschliesslich an Historiker zur detaillierten Erforschung der Regionalgeschichte der vergangenen Jahrhunderte. «Jede interessierte Bürgerin und jeder interessierte Bürger kann diese Unterlagen im Staatsarchiv einsehen», sagt Ramona Thalmann-Hüsler. Es gebe nur wenige Dokumente, auf denen noch eine Schutzfrist liege.