Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KANTON LUZERN: Jeder dritte Sozialhilfebezüger ist minderjährig

Rund die Hälfte der 8500 Sozialhilfebezüger im Kanton wohnt in einem Familienhaushalt. Das Risiko ist gross, dass auch die nächste Generation an der Armutsgrenze lebt.
Evelyne Fischer
Ein Gang aufs Sozialamt ist für viele Luzerner Teil der Realität.Bild: Pius Amrein (Luzern, 1. September 2016)

Ein Gang aufs Sozialamt ist für viele Luzerner Teil der Realität.Bild: Pius Amrein (Luzern, 1. September 2016)

Weder ein Städtetrip noch eine Wanderung mit Bergbahnfahrt liegt drin. Bereits für ein Feierabendbier muss Adrian aus Luzern den Franken zweimal umdrehen. Zwei Jahre nach Lehrabschluss musste der Schreiner seine Stelle aufgeben. Krankheitshalber. Zwei Jahre lang suchte er danach einen neuen Job. Ohne Erfolg.

Adrian erzählt seine Geschichte in der Caritas-Solidaritätskampagne «Eine Million Sterne». Er ist Anfang 20, seit 2015 auf staatliche Unterstützung angewiesen und damit einer von rund 8500 Sozialhilfebezügern im Kanton Luzern. Seine Eltern können ihm nicht helfen. Sie sind selbst von der Sozialhilfe abhängig. Adrians Fall ist symptomatisch: Armut wird oft vererbt.

Sozialhilfebezüger: Jeder Dritte ist minderjährig

«Die soziale Herkunft bestimmt mit, ob ein Kind die Schule erfolgreich durchlaufen kann und später eine Lehrstelle findet, die genügend Lohn einbringt», sagt Urs Odermatt, Leiter der Kommunikation bei der Caritas Luzern. «Armut bedeutet letztlich eine Unterversorgung. Bei schulischen Defiziten der Kinder fehlt beispielsweise das Geld für Nachhilfestunden. Lässt sich dies nicht kompensieren, wird der Einstieg ins Berufsleben erschwert.»

Dies beobachtet auch Edith Lang, Leiterin der Dienststelle Soziales und Gesellschaft: «Kinder und Jugendliche aus armutsbetroffenen Haushalten haben ein höheres Risiko, keine nachobligatorische Ausbildung zu absolvieren oder als Erwachsene von Armut betroffen zu sein.» Die Folge von Erwerbslosigkeit in jungen Jahren: «Es fehlen Rücklagen, um bei einem späteren Einkommensausfall finanziell über die Runden zu kommen», sagt Odermatt von der Caritas.

Die Sozialhilfequote bei Kindern und Jugendlichen ist im Kanton Luzern überdurchschnittlich hoch: 2014 lag sie bei 3,6 Prozent, vier Jahre zuvor noch bei 3,0 Prozent. Jeder dritte Sozialhilfebezüger ist minderjährig. Hinzu kommen Armutsbetroffene aus Working-Poor-Familien und der Nachwuchs von Luzernern mit Ergänzungsleistungen, die in ­keiner Statistik auftauchen. «Im Schnitt dürften in jeder Schulklasse zwei Kinder von Armut betroffen sein», sagt Odermatt. Diese bleibe oft verborgen. «Eltern bemühen sich, ihren Kindern ein dem Alter entsprechendes Leben zu ermöglichen. Sie sparen dafür bei sich selbst, schieben Arztkontrollen oder Zahnarztbehandlungen auf.» Armut lasse sich oft nur erahnen. «Etwa wenn Kinder aus einem Jugendverein austreten, nicht an einem Lager teilnehmen oder spezielle Kleider tragen.»

Gefährdet: Alleinerziehende und grössere Familien

Scheidungen, die Gründung einer Familie oder die Geburt weiterer Kinder können ein Budget unverhofft belasten. «So stark, dass das Erwerbseinkommen nicht mehr ausreicht, um die Existenz selber zu bestreiten», sagt Edith Lang von der Dienststelle Soziales und Gesellschaft. Das grösste Risiko, in die Armut abzurutschen, tragen daher Alleinerziehende und Familien mit drei und mehr Kindern. Odermatt von der Caritas erklärt: «Aufgrund der Kinderbetreuung können Alleinerziehende meist nicht in einem Vollzeitpensum arbeiten.» Eine Kindertagesstätte sei für Mittelstandsfamilien bezahlbar; bei einem Teilzeitpensum oder kleinen Einkommen stelle ein Hort trotz Betreuungsgutschriften eine grosse Belastung dar. «Familien mit vielen Kindern haben grosse Auslagen, aber nicht mehr Einkommen.»

Längst nicht alle Bedürftigen greifen allerdings auf staatliche Hilfe zurück: Gemäss einer Studie der Berner Fachhochschule bezieht im Kanton Bern jeder vierte Anspruchsberechtigte keine Leistungen. Der Anteil der Nichtbezüger liegt in den Städten mit 12 Prozent deutlich tiefer als in Agglomerationen (28) oder in ländlichen Gemeinden (50). Eine Hochrechnung des Bundes geht gar von 60 Prozent aus, die auf Sozialhilfe verzichten. «Eine Schätzung für Luzern ist schwierig», sagt Odermatt. «Oft wissen Betroffene gar nichts von ihrem Anspruch.» Die Gründe für den Verzicht seien vielfältig. «Vielleicht sind Betroffene vom komplexen Antragsverfahren überfordert oder befürchten, stigmatisiert zu werden.»

Wie die Politik Familien unterstützt

Die Grünen des Kantons Luzern versuchten letztes Jahr, Familienarmut auf dem politischen Weg zu bekämpfen. Ihre Initiative «Kinder fördern – Eltern stützen» wurde allerdings von 79 Prozent der Stimmbürger wuchtig abgelehnt. «Inhaltliche Diskussionen fanden im Abstimmungskampf leider kaum statt», sagt Urs Odermatt. «Die Debatte wurde mit rein finanzpolitischen Argumenten geführt.» Nicht anders sei dies in der aktuellen Diskussion zum Sparpaket KP 17, das unter anderem vorsieht, für Prämienverbilligungen in den nächsten vier Jahren 9,4 Millionen Franken weniger auszugeben.

Zufall oder nicht: Immer weniger Luzerner halten die Unterstützung für Familien im Kanton für ausreichend. Auch die Attraktivität als Wohnkanton für Familien nimmt ab. Dies zeigte die Bevölkerungsbefragung von 2015. Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf (CVP) betont allerdings, die Zufriedenheit der Familien sei weiterhin hoch. Und: «Die Unterstützung der Familien ist uns wichtig.» Dass die von den Grünen vorgeschlagenen Ergänzungsleistungen für Familien keine Mehrheit fanden, interpretiert Graf wie folgt: «Das Stimmvolk unterstützte damit die Strategie des Kantons, gezielt auf bestehende Massnahmen zu setzen und die nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen, um diese zu verbessern.»

Der Kanton Luzern unterstützt die frühe Förderung: Dazu zählen Angebote wie die Mütter- und Väterberatung, die familienergänzende Kinderbetreuung, Programme zur Sprachförderung oder der schulpsychologische Dienst. Ziel sei es, eine positive Entwicklung der Kinder zu gewährleisten. Graf: «Frühe Förderung ist erwiesenermassen eine wirkungsvolle Massnahme der Prävention. Sie kann die Vererbung von Armut verhindern.»

Zurück zu Adrian aus Luzern: Er nimmt freiwillig an einem Arbeitsintegrationsprogramm teil. Um dem Tag eine Struktur zu geben, packt der Schreiner in der Caritas-Werkstatt mit an. Gerne würde er in der EDV-Branche Fuss fassen. Doch für eine Ausbildung fehlt ihm das Geld.

25'000 Luzerner unterstützt

ArmutWie viele Luzerner leben in äusserst bescheidenen Verhältnissen? Eine offizielle Statistik dazu existiert nicht. Anhaltspunkte liefert die Zahl der Bezüger von Sozialleistungen, deren Einkommen unter dem Existenzminimum liegt: 2014 wurden rund 25 600 Luzerner unterstützt – mit einer oder mehreren Leistungen. Rund 8500 Personen bezogen wirtschaftliche Sozialhilfe, knapp 16 800 erhielten Ergänzungsleistungen zur AHV oder IV. Die Ergebnisse zur Sozialhilfestatistik 2015 werden morgen bekannt gegeben. Edith Lang, Leiterin der Dienststelle Soziales und Gesellschaft, sagt bereits jetzt: «Parallel zum Bevölkerungswachstum ist eine leichte Zunahme der Zahl der unterstützten Personen zu erwarten.»

Existenzminimum: 986 Franken für Unterhalt

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe berechnet das Budget am Existenzminimum wie folgt: Um den Lebensunterhalt zu bestreiten – also die Ausgaben für Essen, Kleidung, Körperpflege, Energie und Mobilität zu decken – werden in einem Einpersonenhaushalt 986 Franken benötigt. Hinzu kommen der Mietzins, Krankenkassenprämien und situationsbedingte Ausgaben. Bei Eltern mit zwei Kindern beträgt der Grundbedarf für den Lebensunterhalt 2110 Franken. (fi)

Evelyne Fischer evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.