Kanton Luzern
Kann Tik Tok gesund sein? Der Elternbildungstag antwortet auf brennende Fragen rund um die Digitalisierung

Social Media macht keinen Halt vor Kinderzimmertüren und Schulzimmern. Da ist die Auseinandersetzung mit dem Digitalen für Eltern unausweichlich. Entsprechend gross war die Nachfrage am Elternbildungstag des Kantons Luzern.

Salome Erni
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«Das Elternsein mit Smartphone und Co. ist nicht immer einfach.»

Damit spricht Regierungspräsident Marcel Schwerzmann, selber Vater eines Sohnes, in seinem Grusswort vielen Eltern aus der Seele. Dementsprechend war der vierte Elternbildungstag des Kantons Luzern am Samstag unter dem Titel «Digitalisierung im Kinderzimmer» bereits Wochen zuvor ausgebucht.

Im Workshop mit Brigitte Rychen geht es um das Thema Schönheitsbilder.

Im Workshop mit Brigitte Rychen geht es um das Thema Schönheitsbilder.

Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 27. November 2021)

Bevor die 150 Teilnehmenden je zwei der zehn Workshops besuchen, referiert Professor Lutz Jäncke von der Universität Zürich im Plenum über «das kindliche Hirn im digitalen Zeitalter». Dafür holt Jäncke weit aus, nämlich bei der Entstehung des Homo Sapiens vor über 150’000 Jahren und zieht den Vergleich zur Erfindung des Smartphones im Jahr 2007:

«Noch nie ist etwas so Weltbewegendes in so kurzer Zeit geschehen.»

Heute nutzt ein Drittel der gesamten Menschheit Mobiltelefone und gar die Hälfte ist auf Social Media unterwegs.

Mehr Informationskonsum macht uns nicht zu besseren Multi-Taskern

Das Internet ist gleichzusetzen mit einer Flut an Reizen. Doch im berühmten «multitasken» ist die Menschheit schlecht: Nur etwa 0.0005 Prozent der im Hirn gelandeten Informationen können wir bewusst wahrnehmen. Am schlechtesten schneiden in Untersuchungen zu den Multitasking-Fähigkeiten sogar jene ab, die oft mehrere digitale Applikationen und Geräte gleichzeitig nutzen. Das mag erstaunen, doch Jäncke hat die Erklärung bereit:

«Erhalten wir zu viele Informationen, werden wir zu Sklaven der Reize.»

Dann beginnt das Hirn, sich der Masse hinzugeben und von einem interessanten Reiz zum nächsten zu springen.

Besonders einschneidend sei dieser Prozess, wenn die Flut an Informationen auf ein junges Gehirn treffe. So werde zwar das Lustzentrum aktiviert, jedoch nicht der Frontalcortex, wodurch sich die betreffenden Netzwerke weniger ausbauen. Letztere Hirnregion ist für Selbstdisziplin, Motivationssteuerung, Planungsprozesse, Aufmerksamkeit und Emotion zuständig. Da der Frontalcortex und damit diese Fähigkeiten erst im frühen Erwachsenenalter vollständig ausgebildet werden, kommen bei Jugendlichen die Eltern zur Regulierung des Medienkonsums ins Spiel. Jäncke sagt:

«Wir müssen den Frontalcortex ersetzen. Und das geschieht mit Erziehung.»

Die Digitalisierung ist unausweichlich

Das ist aber gar nicht so einfach. Eltern treiben sich herum mit Fragen wie: Ab welchem Alter soll mein Sohn Snapchat nutzen? Und wie viel Bildschirmzeit wird empfohlen? Denn die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung, da sind sich alle einig, ist unausweichlich. Im Workshop «Tik Tok kann gesund sein!» erhalten die interessierten Eltern einen Einblick in die populäre Videoplattform. Sie lernen, dass «beruhigende» Videos (beispielsweise, wie jemand eine Fussmatte abkärchert) ein Trend sind, mit dem sich Geld verdienen lässt. Aber auch, dass allerhand auf der Plattform zu finden ist, das nicht in die Hände von Kindern geraten sollte.

Sharmila Egger vom Verein «zischtig» für Sicherheit und Medienkompetenz gibt Tipps, wie die Kinder unterstützt werden können. Beispielsweise gibt es auf Tik Tok den begleiteten Modus, wo Eltern Privatsphäre-Einstellungen für ihre Kinder vornehmen können. Und sie empfiehlt, ein privates Konto zu nutzen oder zumindest den Hashtag #fyp (For You Page) nicht zu verwenden, damit der Beitrag nicht auf der Startseite anderer Nutzer erscheint. Auch wenn dies bei Kindern und Jugendlichen, die auf der Jagd nach möglichst vielen Followern sind, vielleicht nicht auf Anklang stösst.

Der Elternbildungstag im Video.

Video: Tele 1

Egger präsentiert Leitlinien für Jugendliche in der Oberstufe: Nach 21 Uhr ist Schluss mit Sozialen Medien, maximal 20 Stunden Konsum in der Woche, Abwechslung in der Freizeit ist Pflicht und Fremde werden nur gemeinsam getroffen. Und ja, Tik Tok habe auch sein Gutes, sagt sie, obwohl das Negative wie Angst, weniger Schlaf, Mobbing und Einsamkeit überwiege. Schliesslich stärke es die Selbstidentität, Freundschaften, das Aufbauen einer Gemeinschaft und könne bei Anliegen, die mit Eltern und Freundinnen nicht besprochen werden möchten, emotionalen Support bieten.

Wann bin ich schön genug?

Eng mit der Social-Media-Nutzung ist das Körperbild verbunden, denn «Bilder machen sehr viel mit uns», sagt Brigitte Rychen vom MAS Prevention and Health Promotion an der HSLU im Workshop «Der schöne Schwan und das hässliche Entlein? Wann bin ich schön genug?». Sich mit unerreichbaren Idealen zu vergleichen, führe zu einem geringeren Selbstwertgefühl. Ein Teil davon werde sogar gezielt provoziert, sagt Rycher:

«Mit dieser Unsicherheit lässt sich viel Geld verdienen.»

Abgesehen von psychischen Belastungen erhöhen die ständigen Vergleiche nämlich bereits bei Jugendlichen die Bereitschaft für Diäten, extremes Fitnesstraining oder Körperoperationen.

Gemäss einer Studie haben fast ein Drittel der jungen Menschen zwischen 11 und 24 Jahren Sorgen betreffend ihres Aussehens. Rycher rät Eltern, Kommentare – selbst Komplimente – zum Körper ihrer Kinder zu unterlassen. Ausserdem sei das eigene Verhältnis gegenüber dem Körper wichtig. Rychen sagt:

«Wenn Eltern sich nur mit Diäten, Aussehen und Gewicht beschäftigen, macht das etwas mit den Kindern.»

Das Wichtigste sei, mit Kindern immer wieder das Gespräch über Körperbilder zu suchen und auch manipulierte Bilder auf Social Media nicht zu verurteilen, sondern darüber zu sprechen. «Es ist schon sehr viel erreicht, wenn Kindern und Jugendlichen bewusst wird, was das Vergleichen mit ihnen macht.»

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