KANTON LUZERN: Kinderspital-Planung steckt fest

Schlechter Zustand: Die Sanierung des Kinderspitals taucht bereits 2001 auf der politischen Agenda auf. Seither dreht sich das Projekt im Kreis.

Yasmin Kunz und Jérôme Martinu
Drucken
Teilen
So hätte das neue Luzerner Kinderspital gemäss dem Siegerprojekt von 2010 aussehen sollen. (Bild: Visualisierung Webereinhardt Generalplaner AG)

So hätte das neue Luzerner Kinderspital gemäss dem Siegerprojekt von 2010 aussehen sollen. (Bild: Visualisierung Webereinhardt Generalplaner AG)

Das neue Kinderspital des Kantonsspitals Luzern (Luks) wird nicht wie noch im September angekündigt 2020 stehen, sondern erst 2025 oder gar 2030. Dies teilte Spitaldirektor Benno Fuchs Ende Dezember seinen Mitarbeitern mit (Ausgabe vom 28. Januar). Wie Recherchen zeigen, dreht die (politische) Planung einer neuen Kinderklinik schon seit 15 Jahren im Kreis. Auch klare Aufträge des Kantonsrats an die Regierung bleiben stecken.

November 2001

Die Zentralschweizer Gesundheitsdirektoren sind sich damals einig: Ein gemeinsames Kinderspital «passt gut in die politische Landschaft», man sei entschlossen, «alles zu unternehmen, damit in der Zentralschweiz eine vertiefte Zusammenarbeit gepflegt wird». Doch keine zwei Jahre später lösen sich die Pläne in Luft auf: Zug, Schwyz, Uri, Ob- und Nidwalden können sich nicht zur Beteiligung an der Trägerschaft durchringen. Einer der Absagegründe: Das Sagen hätte letztlich gleichwohl der grösste Kanton, also Luzern. Die Luzerner Regierung sistierte die Planung für einen 80-Millionen-Franken-Bau – es sei zu wenig Geld in der Staatskasse.

Sommer 2003

Eine «Mini-Sanierung» für 5,53 Millionen Franken wird im Sommer 2003 gestartet. Im Kinderspital werden Lifte ersetzt, der Operationssaal erneuert, die Überwachung der Frühgeborenen verbessert, Feuerschutz und Erdbebensicherheit erneuert. In Sachen Erdbeben hatte der Bau von 1971 schon 1991 eine Sanierung erfahren. Der damalige Chefarzt Pädiatrie, Gregor Schubiger, machte schon 2003 klar, dass die 5,53 Millionen lediglich reichten für «Überbrückungsmassnahmen, damit das Spital überhaupt weiterbetrieben werden kann». Das Raumproblem sei damit nicht gelöst, denn im stationären Bereich würden auch Patienten versorgt, für welche das Kinderspital gar nicht eingerichtet sei. Patienten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie «liegen dann zwischen den frisch Operierten».

September 2003

Im September 2003 beauftragt das Parlament die Luzerner Regierung, das Kinderspital zu sanieren. Damals, als die Spitalimmobilie noch dem Kanton gehörte, hat CVP-Kantonsrätin Elisabeth Schubiger (Ehefrau des Pädiatrie-Chefarztes) ein Postulat eingereicht für umgehende weitere Planungsschritte und die Aufnahme des Projekts «Erweiterung Kinderspital». Im Postulat werden folgende Mängel festgehalten:

  • Bau: Das «Leichtgebäude» erweist sich als wenig dauerhaft und macht aus sicherheitstechnischen Gründen laufend bauliche Sanierungen notwendig. Damit verbunden sind Einschränkungen durch Immissionen verschiedenster Art.
  • Funktion: Das Gebäude entspricht funktionell nicht mehr den Ansprüchen der modernen pädiatrischen und kinderchirurgischen Versorgung. Die ambulanten, tagesstationären und psychiatrischen Behandlungen nehmen zu. Personelle Ressourcen können nicht optimal eingesetzt werden.
  • Räumlichkeiten: Die räumlichen Verhältnisse sind ungenügend. Im 32 Jahre alten Bau wird heute dreimal mehr Leistung von doppelt so viel Personal erbracht, als ursprünglich geplant war. Diese unzureichenden Raumverhältnisse führen immer wieder zu prekären Situationen für Patienten.

Geld für Sanierungen fehlte

Das Postulat wird als erheblich erklärt – entgegen der ablehnenden Regierungshaltung. Die Regierung hält in ihrer Vorstossantwort fest, dass man den Sanierungsbedarf zur Kenntnis nehme. Weiter schreibt sie: «Eine detaillierte Analyse im Jahr 2001 zeigte auf, dass zusätzlich zur Innensanierung mit dem heutigen Angebot eine räumliche Erweiterung unumgänglich wird.» Die Regierung macht für ihr Nein finanzielle Gründe geltend: Der Bau eines neuen Kinderspitals würde 70 bis 80 Millionen Franken kosten.

Interessant: Im Finanzplan von 2002 bis 2006 wurden 28 Millionen Franken für den Umbau und die Erweiterung des Kantonsspitals Sursee, weitere 8 Millionen für die Umnutzung der alten Frauenklinik und 38,5 Millionen für einen Neubau einer zentralen Notfallaufnahme eingestellt. Zwischen 2002 und 2006 waren Spital-Investitionen von mehr als 100 Millionen Franken geplant.

März 2005

Zwei Jahre später schätzt die Regierung die Lage anders ein. Im Planungsbericht «über die Gesundheitsversorgung im Kanton Luzern» vom März 2005 heisst es: «Der Bedarfsnachweis für einen Erweiterungsbau ist seit längerem erbracht. Der geschätzte Kostenrahmen beträgt 20 bis 30 Millionen Franken.» Das Kinderspital, so die Regierung weiter, habe dabei erste Priorität, sei aber nachrangig zur gemeinsamen Notfall- und Intensivpflegestation. Letztere ist auf der Zielgeraden: Ab Ende 2016 wird das Zentrum für Notfall- und Intensivmedizin betriebsbereit sein.

Weiter hält der Regierungsrat im Planungsbericht fest, dass bauliche Unzulänglichkeit bezüglich der Raumkapazität und der Abläufe sowohl für die Kinderchirurgie als auch für die Pädiatrie bestehen würde, und schreibt: «Planungsschritte sind notwendig. Die Planung muss unmittelbar nach dem Beschluss erfolgen; die Umsetzung in den nächsten zwei bis fünf Jahren.»

Juni 2007

Von einem Investitionsstau bei den Luzerner Spitälern ist dann 2007 die Rede. Im Juni jenes Jahres macht das Gesundheitsdepartement von Regierungsrat Markus Dürr (CVP) geltend, dass in den nächsten Jahren mindestens 128 Millionen Franken investiert werden müssten, nur so könnten die Spitäler eine gute Gesundheitsversorgung anbieten. «Es ist ein klarer Nachholbedarf ausgewiesen. Die Spitäler erbringen heute mehr Leistungen als bei ihrer Inbetriebnahme vor 30 Jahren», liess das Gesundheitsdepartement verlauten. Als sanierungsbedürftig wurden konkret das Spital Wolhusen benannt (50 Millionen), das Kinderspital (40 Millionen) und die neue Notfall- und Intensivpflegestation am Spitalzentrum (38 Millionen).

Das am Standort Wolhusen für 110 Millionen Franken neu gebaute Spital wird voraussichtlich 2019 eröffnet.

Nachholbedarf: 822 Millionen

Im Dezember 2007 liegt dann der angekündigte Spitalbauten-Planungsbericht vor: 822 Millionen Franken sollten in den kommenden 15 Jahren investiert werden, Gesundheitsdirektor Dürr sagt zum Investitionsstau: «Das Spitalpersonal arbeitet zusammengepfercht, teils ohne Tageslicht. Wären das Kaninchen, müsste der Tierschutz einschreiten.» Auf die Frage, warum plötzlich eine so wuchtige Investitionswelle komme, sagte Finanzdirektor Marcel Schwerzmann (parteilos), dass bisher die Mittel dafür nicht vorhanden gewesen seien und «weil die langfristige Planung fehlte».

November 2009

Der Kantonsrat bewilligt mit 108:1 Stimmen einen Projektierungskredit fürs Spitalzentrum in der Höhe von 18,5 Millionen Franken. «Leider hat man während vieler Jahre aus Spargründen dringlich anerkannte bauliche Vorhaben im Spitalbereich hinausgeschoben», so die damalige SP-Kantonsrätin Margrit Steinhauser, so eben etwa beim Kinderspital. Dort schreiten im Jahr zuvor die Planungsarbeiten voran, ein Architekturwettbewerb war ausgeschrieben worden. 2010 wird das Siegerprojekt für die neue Kinderklinik (60 Millionen) bekannt. Per 1. Januar 2011 gehen die Immobilien vom Kanton in den Besitz des Spitals über. 2012 legt die Spitalleitung das Kinderspital-Projekt auf Eis.

Heute

Ende Januar macht unsere Zeitung öffentlich, dass frühestens 2025 mit einer neuen Kinderklinik zu rechnen ist. Es kann gemäss Spitaldirektor Benno Fuchs auch 2030 werden. Fuchs und die Regierung sagen heute, das Kinderspital könne nicht weiter als isoliertes Projekt betrachtet werden, sondern sei Teil der geplanten Osterweiterung. Nun soll das Grossprojekt, zu dem auch das Kinderspital gehört, voraussichtlich 2030 abgeschlossen sein. Die Osterweiterung kostet rund 900 Millionen Franken.

Postulate zweimal abgelehnt

Obwohl der Neubau der Kinderklinik erneut verschoben wird, sprechen die Spitalleitung und die Regierung immer wieder davon, dass der Neubau der Kinderklinik priorisiert werde. Schon zweimal hat Kantonsrätin Michèle Graber (GLP, Udligenswil) ein Postulat eingereicht, damit das Spital die Priorisierungsansagen umsetzt. Beide Vorstösse hat der Kantonsrat deutlich abgelehnt, den letzten am 26. Januar.

Yasmin Kunz und Jérôme Martinu