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KANTON LUZERN: Nuklearmediziner behandeln Patienten mit radioaktivem Jod

Um bei Schilddrüsenkrebs auch die letzten Tumorreste zu beseitigen, setzen Nuklearmediziner in der Klinik St. Anna auf radioaktives Jod. Eine der ersten Patientinnen erzählt, wie sie die Isolation «wunderbar» überstanden hat.
Yasmin Kunz
Nur dem Anschein nach ein normales Spitalzimmer: Die Wände, Decken und Böden der zwei Behandlungsräume wurden mit 23 Tonnen Blei «ausgekleidet», das vor der Strahlung schützt. (Bild: Manuela Jans-Koch (2. Februar 2018))

Nur dem Anschein nach ein normales Spitalzimmer: Die Wände, Decken und Böden der zwei Behandlungsräume wurden mit 23 Tonnen Blei «ausgekleidet», das vor der Strahlung schützt. (Bild: Manuela Jans-Koch (2. Februar 2018))

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Gut 100 Tage ist es her, seit die Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern mit der neuen Radiojodtherapie eine Lücke geschlossen hat. Mit dieser Abteilung ist sie die erste Klinik in der Zentralschweiz, die diese Therapie anbietet (Artikel vom 25. April 2017). Nun, nach wenigen Wochen, zeigt sich: Die Eröffnung dieser nuklearmedizinischen Abteilung entspricht einem Bedürfnis der Bevölkerung. Bis Mitte März sind die zwei Therapieplätze ausgebucht, wie Kliniksprecher Lukas Hadorn sagt.

Mit der Radiojodtherapie werden Schilddrüsenerkrankungen wie etwa eine Überfunktion oder Krebs behandelt (siehe Kasten). Eine der ersten Patientinnen war Thea Freiesleben aus Sempach. «Es war für mich ein riesiges Glück, dass ich diese Behandlung in Luzern machen konnte», sagt die 79-Jährige. Mit Herzrasen, hohem Blutdruck und Schlafstörungen suchte sie ihren Hausarzt auf. Dieser stellte schnell fest, dass etwas nicht stimmte und überwies sie an den entsprechenden Spezialisten – einen Endokrinologen. «Eine Operation war für mich aus medizinischer Sicht keine Option, weil ein Grossteil meiner Schilddrüse bereits 40 Jahre zuvor entfernt worden ist», erklärt die Patientin. So stand für Thea Freiesleben fest, dass sie sich einer Radiojodtherapie unterziehen würde.

Um zu verstehen, wie die Therapie genau funktioniert, muss man wissen, dass die Schilddrüse das einzige Organ im Körper ist, welches auf Jod reagiert. Anders gesagt: Jod werde praktisch ausschliesslich von der Schilddrüse aufgenommen «und verstoffwechselt», erklärt der in der Klinik St. Anna tätige Nuklearmediziner Janusch Blautzik (39). «Darum ist mit radioaktivem Jod eine sogenannte lokale Bestrahlung möglich». Durch die Bestrahlung werden die Schilddrüsenzellen zerstört. Damit kann die Überfunktion beseitigt werden und beim Krebs werden die kleinen Reste, die nach einer Operation noch bestehen, eliminiert. Der Arzt ist überzeugt von diesem Therapieansatz, der weltweit übrigens schon seit langem etabliert ist. «Ein grosser Vorteil ist, dass die anderen Organe nahezu nichts davon abbekommen.» Die Heilungschancen bei einer Schilddrüsenüberfunktion mit Radiojodtherapie stehen bei rund 90 Prozent, wie Studien belegen. Eine einmalige Behandlung reicht in der Regel. Die Kosten sind abhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Die Radiojodtherapie gehört zu den Leistungen, die von der Grundversicherung abgedeckt sind. Die Kosten belaufen sich in der Regel auf 7500 bis 8000 Franken.

«Langeweile war in der Isolation nie ein Thema»

Ein weiterer Punkt, der für diese Behandlung spricht, sind die fast ausbleibenden Nebenwirkungen. Das wohl Schwierigste dürfte die verordnete Isolation nach der Einnahme der mit Jod gefüllten Kapsel sein. Das ist aber zwingend nötig, wie Blautzik sagt: «Weil das Jod im Körper ist, geben die Patienten radioaktive Strahlen an ihre Umgebung ab. Diese liegen deutlich über dem Normwert.» Damit sich andere Personen nicht unnötig der Strahlung aussetzen, werden betroffene Patienten mehrere Tage abgeschirmt.

Für Thea Freiesleben war das kein Problem: «Ich habe die Zeit wunderbar überstanden», wie sie sagt. «Langweile war nie ein Thema. Meine Familie hat im Vorfeld dafür gesorgt, dass ich jeden Tag etwas zu tun hatte.» Sie habe täglich mehrere Geschenke auspacken können, worin sich dann beispielsweise ihre Lieblingszeitschriften befanden. «Es war ein bisschen wie ein Adventskalender für wenige Tage.» Nebenwirkungen habe sie praktisch keine gespürt. «Einmal hatte ich etwas Schluckbeschwerden, aber diese waren nicht von langer Dauer.» Vier Tage war Freiesleben alleine in ihrem Zimmer. Wobei ganz alleine war sie nicht, auch wenn Besuchern der Zutritt untersagt ist. Denn täglich kommen die Ärzte auf Visite – in Schutzkleidung. So schieben sie beispielsweise eine Bleiplatte vor sich hin, tragen Handschuhe und Überschuhe. Auch wenn Radioaktivität gefährlich tönt, gibt Blautzik Entwarnung: «Für betroffene Patienten, andere Patienten, Personal und die Bevölkerung stellt die Radiojodtherapie – dank der hohen Sicherheitsstandards – kein gesundheitliches Risiko dar.»

Vorsicht ist auch bei der Entsorgung geboten. Die Wände, Decken und Böden wurden mit insgesamt 23 Tonnen Blei ausgestattet. Unter anderem mussten beim Umbau separate Leitungen gelegt werden. Denn auch das Wasser sowie Essenreste oder Bettwäsche sind potenziell verstrahlt. Alles gelangt in eine separate Abklinganlage im Keller und wird erst ganz entsorgt, wenn sich die Radioaktivität auf den Normwert reduziert hat.

Mehr Krebsfälle wegen besserer Diagnostik

Der Umbau der zwei Patientenzimmer hat rund eine Million Franken gekostet. Eine Investition, die sich lohnt, wie die behandelnden Ärzte sagen. «Die Nachfrage ist gross», so Janusch Blautzik. Dies nicht nur, weil die Klinik St. Anna die einzige in der Zentralschweiz ist, die diese Behandlungsmethode anbietet, sondern auch, weil immer mehr Menschen an Schilddrüsenkrebs erkranken – häufiger betroffen sind Frauen.

Für die Zunahme von Krebsfällen gibt es nicht einen einzigen Grund, wie Blautzik sagt. Zum einen können die Fallzahlen mit der verbesserten Diagnostik begründet werden. Will heissen: Blieb ein kleiner Tumor früher unentdeckt, können die heutigen medizinischen Geräte solche bösartigen Veränderungen schon im Anfangsstadium feststellen. Zum anderen könne etwa auch Übergewicht eine Krebserkrankung der Schilddrüse begünstigen, um zwei mögliche Faktoren für den Anstieg zu nennen. Von einer Schilddrüsenüberfunktion sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung betroffen – auch hier meistens Frauen. Warum grösstenteils das weibliche Geschlecht mit Schilddrüsenproblemen konfrontiert ist, konnte trotz diverser Studien bis dato nicht geklärt werden.

Für den Nuklearmediziner ist klar: In diesem Bereich werden künftig weitere Fortschritte erzielt. So gibt es ähnliche Methoden, die sich bei Prostatakrebs anwenden lassen. Dabei ist allerdings nicht Jod das Heilmittel, sondern ein radioaktives Kombinationspräparat, wie Blautzik sagt. «Ein Wirkstoff wird von der Prostata angezogen und der andere tötet diese Zellen ab». Ein ähnliches Verfahren also wie bei der Radiojodtherapie.

Dieses Gerät misst radioaktive Kontaminationen auf Gegenständen, Kleidung oder Haut. (Bild: Manuela Jans-Koch (2. Februar 2018))

Dieses Gerät misst radioaktive Kontaminationen auf Gegenständen, Kleidung oder Haut. (Bild: Manuela Jans-Koch (2. Februar 2018))

Das internationale Symbol für radioaktive Strahlung. (Bild: Manuela Jans-Koch (2. Februar 2018))

Das internationale Symbol für radioaktive Strahlung. (Bild: Manuela Jans-Koch (2. Februar 2018))

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