Kanton Luzern spart mit ambulanten Eingriffen 4,4 Millionen Franken

Im Kanton Luzern müssen gewisse Behandlungen grundsätzlich ambulant und nicht mehr stationär durchgeführt werden. Eine Auswertung des Kantons zeigt nun: 2018 wurden 1200 Fälle in den ambulanten Bereich verlagert.

Christian Glaus
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Einsparungen von 3 Millionen Franken: Damit rechnete der Kanton Luzern, als er Mitte 2017 als erster in der Schweiz den Grundsatz ambulant vor stationär einführte. Anfänglich waren zwölf Eingriffe auf einer Liste aufgeführt, die grundsätzlich ohne Übernachtung im Spital durchgeführt werden sollen, sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen. Inzwischen ist die Liste, je nach Zählweise, auf 17 Einträge angewachsen.

Nun liegt die Auswertung des ersten vollen Kalenderjahres vor. Die Bilanz sei positiv, teilt der Kanton Luzern mit. Die stationären Aufenthalte bei den definierten Eingriffen seien um 52 Prozent zurückgegangen. Am stärksten wurde die Nierensteinzertrümmerung in den ambulanten Bereich verlagert – mit 89 Prozent. Am kleinsten war die Verschiebung bei Gefässeingriffen (ohne Krampfadern) mit knapp 14 Prozent.

Bei den definierten Eingriffen seien gegenüber 2016 insgesamt 1000 stationäre Behandlungen weniger registriert worden, teilt der Kanton Luzern mit. Doch die Spitäler haben noch weitere Behandlungen ambulant durchgeführt bei Personengruppen, welche nicht vom Kanton kontrolliert werden. Unter dem Strich wurden 1200 Fälle in den ambulanten Bereich verlagert.

Kanton: Keine Mehrkosten für Versicherungen

Das hat sich für den Kanton Luzern finanziell gelohnt. Denn bei den stationären Eingriffen teilt er sich die Kosten mit den Versicherungen je rund hälftig. Die ambulanten Behandlungen werden nur von den Versicherungen finanziert. Die Einsparungen für den Kanton betrugen 4,4 Millionen Franken. Für die Versicherungen seien keine Mehrkosten entstanden, weil ambulante Eingriffe wesentlich günstiger seien, erklärt Christos Pouskoulas, Leiter Gesundheitsversorgung des Kantons Luzern.

Er ist mit der Entwicklung im vergangenen Jahr zufrieden: «Unsere Hypothese war, dass wir den Anstoss geben und die Spitäler weitere Behandlungen in den ambulanten Bereich verlagern. Das hat sich bestätigt.» Ein Grund sei, dass die Spitäler die teils neu geschaffene ambulante Infrastruktur auslasten wollten. Des weiteren würden sie aufgrund ihrer Erfahrungen zusätzliche Eingriffe ambulant durchführen. Ziel des Kantons Luzern war es, unnötige Übernachtungen im Spital zu vermeiden. Dieses wurde laut Pouskoulas erreicht. Das Potenzial von ambulant vor stationär werde bereits gut ausgeschöpft. Eine noch stärkere Verlagerung in den ambulanten Bereich erwartet Pouskoulas kurzfristig nicht. Positiv wertet er zudem, dass die Verlagerung über alle Versicherungsklassen erfolge. Grund- und Zusatzversicherte werden also gleich behandelt. «Es ist uns ein Anliegen, dass es keine Selektion gibt.»

Kantonsspital verliert 1,5 Millionen Franken

Ist ambulant vor stationär also ein Gewinn für alle? «Für die Spitäler vielleicht nicht», sagt Pouskoulas. Die Spitäler erhielten für die stationären Eingriffe rund doppelt so viel Geld wie für die ambulanten, ohne einen doppelt so hohen Aufwand zu haben. Dieses Geld fehlt jetzt. Zudem senkte der Bundesrat kurz nach Einführung des Grundsatzes die Tarife für ambulante Behandlungen per 2018. Pouskoulas gesteht ein:

«Das war viel auf einmal für die Spitäler – und das war so nicht geplant.»

Allein das Luzerner Kantonsspital hat durch die Tarifsenkung des Bundesrats Mindereinnahmen von 20 Millionen Franken zu verkraften.

Auf Anfrage nennt das Spital erstmals seine finanziellen Einbussen durch ambulant vor stationär. Sie betragen schätzungsweise 1,5 Millionen Franken. 42'000 Patienten wurden stationär behandelt, ambulant fanden 670'000 Patientenkontakte statt. Das Luks unterstütze den Grundsatz ambulant vor stationär, sagt Sprecherin Margret Omlin: «Eine ‹Medizin nach Augenmass› ist uns wichtig.» Das setze aber faire Tarife voraus. Diese seien heute oftmals nicht kostendeckend. Unterstützung erhält das Luks von Christos Pouskoulas:

«Es braucht faire Tarife, speziell im ambulanten Bereich, damit dieser wachsen kann.»

Ob die Tarife fair seien, könne der Kanton aber nicht beurteilen, weil er keinen Einblick in die entsprechenden Zahlen habe. Man könne sich nur auf die Aussagen der Spitäler stützen.

Die Versicherungen haben die Auswertung von ambulant vor stationär noch nicht abgeschlossen. Die Concordia schreibt, sie begrüsse die Stossrichtung. «Diese weist den Weg zu einer wirtschaftlichen und effizienten Behandlung und verunmöglicht die unnötige stationäre Behandlung von ‹lukrativen› Zusatzversicherten.»

Versicherung fordert Beteiligung des Kantons

Die Einsparungen seien für die Versicherungen aber weniger hoch als für den Kanton, schreibt die Concordia weiter. Auch die CSS begrüsst die Entwicklung. Aber: «Aktuell entlastet die Verschiebung vor allem den Kantonshaushalt. Darum setzen wir uns für eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Behandlungen ein.» Der Kanton soll auch die ambulanten Behandlungen hälftig mitfinanzieren – damit würden die Krankenkassen entlastet, der Kanton müsste deutlich tiefer in die Taschen greifen.

Patienten bleiben nur kurz im Luzerner Bahnhof-OP

Wegen der Strategie «ambulant vor stationär» haben die Luzerner Spitäler in neue Infrastrukturen investiert. Der Blick in das Ambulatorium im Bahnhof zeigt: Patienten spazieren dort selber in den OP – und sind schon Stunden später wieder weg.
Yasmin Kunz