Stalking-Fall: Die unerwiderte Liebe zu seiner Ex-Chefin hat ihn ins Visier der Strafverfolger getrieben

Ein Afghane kann das Nein seiner Angebeteten nicht akzeptieren – und kämpft gar am Kantonsgericht Luzern um sie.

Evelyne Fischer
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Ist es eine kriminelle Tat, jemanden zu lieben? Mehrmals stellt der Beschuldigte der Kantonsrichterin und den beiden Kantonsrichtern diese Frage. Und immer bleiben sie dem Afghanen die Antwort schuldig.

Dem 33-Jährigen droht eine Verurteilung wegen Nötigung, mehrfachen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung. Grund dafür: die unerwiderte Liebe zu seiner Ex-Chefin.

Während Monaten überhäufte er sie mit Anrufen und SMS-Nachrichten, Tag und Nacht, legte ihr Blumen vor die Haustüre, hinterliess Geschenke auf dem Gartensitzplatz, schrieb Liebesbriefe, sprayte mit Acrylfarbe rote Herzen auf ihre Treppe. Sie sah sich bedrängt und belästigt, fühlte sich in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher, installierte Kameras, öffnete die Rollläden immer seltener, wechselte die Telefonnummer und wandte sich schliesslich an die Polizei.

Beschuldigter verteidigt sich selber – ohne Anwalt

Das Bezirksgericht Luzern verhängt dem Beschuldigten im letzten März eine unbedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 80 Franken. Eine happige Summe. Dagegen legt er Berufung ein. Ohne Anwalt tritt er am letzten Dienstag vor die Kantonsrichter, verlangt einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft bleibt der Verhandlung fern – ebenso die Privatklägerin, die den Fall mit ihrer Anzeige ins Rollen gebracht hat.

Ebenso die Privatklägerin? Dass seine Angebetete nicht verpflichtet ist, am Kantonsgericht zu erscheinen, echauffiert den Beschuldigten. «Dann bringt diese Verhandlung nichts. Es geht alles nur um sie.»

Obwohl der Begriff weder im erstinstanzlichen Urteil noch während des Prozesses fällt, lässt sich das Verhalten des Afghanen mit acht Buchstaben klassifizieren: Stalking. Unerwünschte Geschenke, eine Vielzahl an E-Mails, SMS oder Briefen, ständige Anrufe oder die Beschädigung von Eigentum der Betroffenen gehören laut Schweizerischer Kriminalprävention, einer interkantonalen Fachstelle, zu den typischen Stalking-Handlungen.

Anders als in Ländern wie Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich stellt Stalking in der Schweiz keinen eigenen Straftatbestand dar. Nötigung oder Hausfriedensbruch zählen aber zu jenen Straftatbeständen, die oft in Zusammenhang mit Stalking auftreten.

Er will nicht wahrhaben, dass seine Liebe nicht erwidert wird

An der Hauptverhandlung vor Bezirksgericht im März 2019 lehnt die Frau eine direkte Konfrontation mit dem Beschuldigten ab und wird per Videoübertragung in einem separaten Raum befragt. Damals führt sie aus, sie sei niemals mit dem Beschuldigten befreundet oder in einer Beziehung gewesen. Sie habe nie gesagt, sie liebe ihn.

Das will der Beschuldigte nach wie vor nicht wahrhaben. Selbst als ihm nun der Kantonsrichter bei der Berufungsverhandlung den entsprechenden Protokollauszug vorlegt. Der Afghane greift zum Dossier. «Das ist Quatsch», sagt er, wedelt mit den Akten.

«Ich vertraue weder der Polizei noch der Staatsanwaltschaft.»

Es gebe einen Chat, der beweise, dass sie seine Gefühle erwidere. Es stimme nicht, dass er das Grundstück der Frau gegen deren Willen betreten habe. «Sie hat mir das Betreten weder erlaubt noch untersagt.» Auch von der Sachbeschädigung will er nichts wissen. Das bisschen Farbe wasche der Regen wieder weg.

Der Beschuldigte bleibt uneinsichtig, bis zum Schluss der Verhandlung. Er erwähnt, er habe der Frau erst kürzlich, an Silvester, Blumen überbracht. In seiner Heimat müsse Liebe verlautbar sein.

«In Afghanistan würde man mit einer Kalaschnikow in die Luft schiessen.»

Das Urteil des Kantonsgerichts wird schriftlich eröffnet.