Kantonsgericht Luzern
Mit Messer in Loco Bar zugestochen: Anklage plädiert auf eventualvorsätzliche Tötung, die Verteidigung setzt auf Notwehr

Bei einer Auseinandersetzung in einer Bar hat ein Serbe einen Afrikaner mit einem Messer tödlich verletzt. Die Staatsanwaltschaft will 11 Jahre Freiheitsstrafe, die Verteidigung Freispruch.

Roger Rüegger
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Das Luzerner Kriminalgericht hat im Mai des letzten Jahres einen heute 40-jährigen Serben für eventualvorsätzliche Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren und 14 Tagen verurteilt. Der Beschuldigte tötete im November 2017 bei einer Auseinandersetzung in der Luzerner Loco Bar einen Afrikaner mit einem Messer.

Bild: Dominik Wunderli

Die Verteidigung plädierte auf Freispruch aufgrund von Notwehr und beantragte Freispruch. In der Folge reichte sie gegen das Urteil Berufung ein. Gestern wurde der Fall vor Kantonsgericht neu beurteilt. Wie bei der erstinstanzlichen Verhandlung, wurde die Szene in der Bar von den Parteien verschieden dargestellt.

Wollte der Bardame beim Schliessen des Lokals behilflich sein

Der Beschuldigte hielt bei der Befragung durch die Richter eingangs der Verhandlung an seinen früheren Aussagen fest. Er habe in Notwehr gehandelt, da das Opfer ihn mit einem Fusstritt und Faustschlägen angegriffen habe. Die Auseinandersetzung habe begonnen, als er der Bardame bei der Schliessung des Lokals behilflich sein wollte. Dabei reichte er laut Anklageschrift den anwesenden Gästen Plastikbecher, damit diese ihre Getränke umfüllen können und forderte sie auf, die Bar zu verlassen.

An der Theke entstand daraufhin ein Streit mit zwei Afrikanern. Laut dem Beschuldigten sollen das spätere Opfer und einer seiner Kollegen aggressiv auf seine Aufforderung reagiert haben. «Der Mann fragte mich, ob ich überhaupt wisse, mit wem ich rede. Er sei der König der Baselstrasse. Dann drohte er mich umzubringen», schildert der Beschuldigte den Auftakt der Auseinandersetzung.

Dann habe der Afrikaner ihn mit beiden Händen weggestossen und ihm einen Fusstritt in Höhe des Brustkorbes versetzt. Dann habe er ihm mehreren Faustschläge an den Kopf versetzt. «Ich hatte Todesangst», sagte der Beschuldigte. Laut Anklageschrift stellten sich der Beschuldigte und das spätere Opfer in Kampfposition auf worauf der Beschuldigte aus seiner Jackentasche ein Messer mit einer Klingenlänge von 12,2 Zentimeter hervor holte. Dann soll er schnellen Schrittes auf das Opfer zugegangen sein und mit einer Bewegung unvermittelt rechtsseitig in dessen Hals gestochen haben.

«Es ist zweitrangig, woher das Messer kam»

Der Beschuldigte bestreitet, dass es sich dabei um sein Messer gehandelt hat. Er habe dieses dem Opfer während des Handgemenges abnehmen können und nur versucht, damit dessen Schläge abzuwehren. Der Verteidiger präzisierte später: «Es ist zweitrangig, woher das Messer kam. Entscheidend ist, dass mein Mandant keinen Angriff damit ausführte. Der Messerstich erfolgte nicht kontrolliert, sondern im Sinn einer Abwehrreaktion. Diese hat den Tod eines Menschen herbeigeführt, aber mein Mandant kann sich auf den Rechtfertigungsgrund der Notwehr berufen.»

Er beantragte für den Beschuldigten einen Freispruch vom Vorwurf der eventualvorsätzlichen Tötung. Lediglich für Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz sei eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 40 Franken angemessen.

Für Staatsanwältin sind 9 Jahre Freiheitsstrafe zu mild

Die Staatsanwältin geht mit ihrem Antrag in die entgegengesetzte Richtung. Für sie ist auch das erstinstanzliche Urteil von 9 Jahren nicht angemessen. Sie beantragt eine Freiheitsstrafe von 11 Jahren und Landesverweis von 12 Jahren. Der Beschuldigte habe die Tatwaffe mitgeführt und diese gezielt eingesetzt. Die Schwere der Verletzung deute darauf hin, dass das Messer mit enormem Kraftaufwand angewendet worden sei. Die Tat stehe an der Grenze zum direkten Vorsatz. «Er hat das Opfer brutal niedergestochen. Dabei zeigte er keine Reue und Einsicht.»

Die Mutter des Opfers war bei der Verhandlung ebenfalls anwesend. Sie liess über ihre Vertreterin ausrichten, dass Gott den Beschuldigten gerecht betrafen werde. Die Vertreterin fordert eine Genugtuung von je 40'000 Franken für die Zivilklägerinnen sowie 60'000 Franken an Versorgerschaden. Der Beschuldigte sei nicht angegriffen worden, sondern dieser habe bewusst den Kontakt zu den Afrikanern an der Bar gesucht.

Das letzte Wort an der rund fünfstündigen Verhandlung hatte der Beschuldigte. «Es ist nicht schön, wie heute alles schlimmer dargestellt wurde, als es war. Was passiert ist, war schrecklich, aber ich habe mich nur gewehrt.»