KANTONSRAT: Der Fremdsprachenstreit wird jetzt ausgetragen

Eine oder zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe? Der Kantonsrat wird sich nach langer Verzögerung endlich mit dieser Frage beschäftigen. In letzter Minute taucht noch eine ganz neue Idee auf.

Ismail Osman
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Impressionen aus dem Frühfranzösisch-Unterricht in einer 6. Primarklasse. (Bild: Pius Amrein (Schlierbach, 9. September 2014))

Impressionen aus dem Frühfranzösisch-Unterricht in einer 6. Primarklasse. (Bild: Pius Amrein (Schlierbach, 9. September 2014))

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Der sogenannte Sprachenstreit ist längst ein schweizweites Politikum. Im Kern geht es darum, ob weiterhin sowohl Französisch als auch Englisch auf der Primar­stufe unterrichtet werden sollen. Gerade in Bezug auf das Frühfranzösisch wurde die Debatte bisweilen sehr polemisch geführt. Manche sehen dabei nichts Geringeres als den «nationalen Zusammenhalt» gefährdet.

Auch im Kanton Luzern wird seit Jahren über den Fremdsprachenunterricht diskutiert. Grund dafür ist eine Volksinitiative, die im Jahr 2014 mit über 7000 Unterschriften (4000 wären nötig gewesen) zu Stande kam. An der kommenden Kantonsratssession vom 30. und 31. Januar berät der Luzerner Kantonsrat die Initiative «Eine Fremdsprache auf der Primarstufe».

Wie wird heute unterrichtet?

Derzeit wird ab der 3. Primarstufe Englisch und ab der 5. Französisch unterrichtet. Das Konzept stammt von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Die Einführung des 3/5-Modells im Kanton Luzern begann 2006 und war im Sommer 2011 abgeschlossen.

Was fordert die Initiative?

Die Initiative «Eine Fremdsprache auf der Primarstufe» verlangt, dass der Unterricht der zweiten Fremdsprache erst auf der Sekundarstufe beginnt. Die Initiative lässt allerdings offen, ob künftig nur noch Französisch oder Englisch auf der Primar­stufe unterrichtet werden soll.

Wer steht dahinter?

Ein äusserst breit abgestütztes Komitee, bestehend aus aktuellen und ehemaligen Kantonsräten aus CVP, SVP, FDP, SP und GLP wie auch aus Mitgliedern des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands und Vertretern aus der Privatwirtschaft.

Wieso wird die Initiative erst jetzt behandelt?

Faktisch behandelt der Kantonsrat die Initiative bereits zum zweiten Mal. Ursprünglich wollte die Regierung die Initiative jedoch für ungültig erklären lassen und nicht inhaltlich behandeln. Dies unter anderem auch deshalb, weil die Initiative offenlässt, welche Fremdsprache künftig noch auf der Primarstufe unterrichtet werden soll. Der Kantonsrat ist diesem Antrag im Dezember 2015 allerdings nicht gefolgt. Mit 112:0 Stimmen wurde die Initiative für gültig erklärt und das Geschäft an die Regierung zurückgewiesen.

Was sind die Argumente der Initianten?

Das Initiativkomitee betont, dass die erste Fremdsprache für Luzerner Schülerinnen und Schüler das «Hochdeutsch» ist. Zu Gunsten von Französisch und Englisch sei unter anderem auch beim Deutschunterricht abgebaut worden. Viele Lehrmeister würden die ungenügenden Kenntnisse heutiger Schulab­gänger in der Erstsprache bemängeln. Ein weiteres Argument lautet, dass ein späterer Beginn des Fremdsprachenunterrichts keinen Nachteil bedeute. So sei der Sprachunterricht auf der Oberstufe viel effizienter. Verwiesen wird auch auf das sehr schwache Abschneiden im Französisch bei Schulabgängern (Ausgabe vom 9. Dezember). Zudem benachteilige ein sprach­lastiger Unterricht Knaben und fremdsprachige Kinder.

Welche Position vertritt die Regierung?

Die Regierung lehnt die Initia­tive ohne Gegenvorschlag ab. Bildungsdirektor Reto Wyss und die Regierung stehen voll und ganz zur Sprachenstrategie der EDK, welche 2004 das 3/5-Modell vorstellte. Die Regierung sieht die Lösung der heute vorhandenen Probleme vor allem im Lehrplan 21. Dieser wird ab dem kommenden Schuljahr schrittweise eingeführt. Mit dem neuen Lehrplan wird auch eine neue Wochenstundentafel eingeführt, welche etwa die Französisch­lektionen in der 5. und 6. Primarklasse von zwei auf drei Lektionen pro Woche erhöht. Damit soll der Einstieg in die Sprache erleichtert werden.

Darf Luzern einfach einen eigenen Weg gehen?

Die Luzerner Regierung warnte wiederholt vor einer Abkehr vom heutigen System, weil dies zu einer Insellösung führen würde. Man strebe stattdessen eine Harmonisierung mit den anderen Kantonen an. Diese rücke mit der gesamtschweizerischen Einführung des Lehrplans 21 auch in greifbare Nähe. Das Initiativ­komitee verweist hingegen auf die Tatsache, dass das Luzerner Stimmvolk 2008 einen Beitritt in die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (kurz Harmos-Konkordat) ablehnte. Man sei deshalb in der Regelung seiner Sprachpolitik nicht gebunden.

Wie sieht es in den Nachbarkantonen aus?

In den meisten Zentralschweizer Kantonen wird Englisch als erste und Französisch als zweite obligatorische Fremdsprache auf der Primarstufe unterrichtet. Ausnahme ist Uri: Der Französischunterricht startet dort erst ab der 7. Klasse. Dafür ist Italienisch ab dem 5. Schuljahr Wahlpflichtfach (ab dem 7. Schuljahr nur noch Wahlfach). Im Kanton Nidwalden forderte eine SVP-Initiative, den Französischunterricht auf die Sekundarstufe zu verschieben. Im März 2015 wurde die Initiative an der Urne jedoch deutlich abgelehnt.

Was passiert, wenn die Initiative angenommen wird?

Gemäss der Regierung würde ein Konzeptwechsel Kosten von total 8 bis 9 Millionen Franken zur Folge haben. Dies, weil, je nachdem, ob Französisch oder Englisch auf die Sekundarstufe verschoben würde, neue Lehrmittel erarbeitet und entsprechende Weiterbildungen durchgeführt werden müssten. Die Regierung geht von rund vier Jahren aus, um diesen Konzeptwechsel zu vollziehen. Die Gegenseite zeigt kein Verständnis dafür, dass ein Verzicht auf den Unterricht einer Fremdsprache zu Mehrkosten führen soll.

Wann wird abgestimmt?

Dies hängt in erster Linie davon ab, wie die Diskussion im Parlament nächste Woche verläuft. Vorausgesetzt, das Geschäft wird nicht an den Regierungsrat ­zurückgewiesen, beispielsweise mit der Forderung nach einem Gegenvorschlag, so könnte es im September zur Volksabstimmung kommen.