KAPELLBRÜCKE: «Besucher bleiben ratlos zurück»

Als städtischer Denkmalpfleger entschied sich Ueli Habegger 2002 gegen Kopien der verbrannten Bilder auf der Kapellbrücke. Inzwischen hat er seine Meinung geändert.

Interview Hugo Bischof
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Ueli Habegger, früherer Stadtluzerner Denkmalpfleger, gestern im Aufbewahrungsraum der umstrittenen Kapellbrücke-Bilderkopien. Er betrachtet eine Kopie des Bildes, das die Schlacht bei Dornach 1499 zeigt. (Bild Pius Amrein)

Ueli Habegger, früherer Stadtluzerner Denkmalpfleger, gestern im Aufbewahrungsraum der umstrittenen Kapellbrücke-Bilderkopien. Er betrachtet eine Kopie des Bildes, das die Schlacht bei Dornach 1499 zeigt. (Bild Pius Amrein)

Ueli Habegger, die meisten Originalbilder verbrannten beim Brand der Kapellbrücke 1993. Soll man sie durch Kopien ersetzen – etwa jene, die nach dem Brand im Auftrag des Anwalts Jost Schumacher entstanden sind?

Ueli Habegger*: Da 1993 ein Grossteil der Bilder verbrannte, ist der Bilderzyklus als Denkmal zerstört. Aus dieser Sicht gibt es für mich zwei Möglichkeiten. Erstens: Man verzichtet darauf, die erhaltenen Originale auf der Brücke zu zeigen. Das würde heissen: Die Giebeljoche auf der Brücke bleiben leer! Zweitens: Gute Kopien treten an Stelle der Originale. Eine dritte Möglichkeit sehe ich heute nicht.

Das heisst: Auf jeden Fall keine Originale mehr auf der Kapellbrücke?

Habegger: Ja. Auch aus einem weiteren Grund: Der Vandalismus gegen Kulturobjekte hat seit der Jahrhundertwende zugenommen. Ich halte es deshalb für unverantwortlich, wertvolle Originale draussen hängen zu lassen.

Wohin dann aber mit den Originalen?

Habegger: In einen geeigneten Ausstellungsraum, der allerdings noch gefunden werden muss.

Die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder sprach sich in unserer Zeitung klar gegen Kopien auf der Kapellbrücke aus (Ausgabe vom 5. November). Die Originale seien einzigartig, jegliche Kopie werte sie ab.

Habegger: Cony Grünenfelder, die ich im Übrigen sehr schätze, muss die Position der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege von Amtes wegen vertreten: Das Original ist der Kopie oder Rekonstruktion vorzuziehen. Ich sehe das etwas anders. Es geht nicht um das einzelne Bild. Denn die ursprünglich 158 Tafeln im Giebel der Kapellbrücke bilden ein Gesamtkunstwerk, entworfen vom damaligen Stadtschreiber Cysat, gemalt von Hans Heinrich Wägmann. Im Laufe der letzten rund 400 Jahre ist es immer wieder aufgefrischt, das heisst restauriert worden. Die heutige Hängeordnung auf der Kapellbrücke lässt das Erlebnis dieses Gesamtkunstwerkes nicht mehr zu.

Die heutige Hängeordnung – Originale neben verbrannten Tafeln und leeren Jochen – stammt von 2002. Als damaliger Luzerner Denkmalpfleger waren Sie selber dafür zuständig ...

Habegger: Die Hängeordnung 2002 war meine Antwort als städtischer Denkmalpfleger auf Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege, die ich heute als fragwürdig bezeichne. Es ist eine intellektuelle Lösung; sie ist denkmalpflegerisch korrekt, indem sie das Primat des Originals betont – mehr aber nicht. Auch mit den Kommentaren vor und auf der Brücke lässt sie die Besucher weitgehend ratlos zurück.

Müssten Sie als Architekturhistoriker und Denkmalpfleger nicht auch das Original um jeden Preis verteidigen?

Habegger: Die Original-Substanz als Träger und Vermittler authentischer Geschichte verdient selbstverständlich eine uneingeschränkte Unterstützung – sofern sie erhalten geblieben ist. Die Denkmalpflege steht in der Praxis zuweilen vor dem grossen Problem, Originalsubstanz, deren Lebensdauer abgelaufen ist, zu ersetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kriegsschäden, etwa bei Deckenmalereien, durch Rekonstruktionen «geheilt», damit das Kunstwerk als Ganzes «gelesen» werden konnte, also wieder nachvollziehbar wurde.

Gemäss Grünenfelder hat der ganze Bilderzyklus ohnehin keinen Platz, weil die Kapellbrücke im 19. Jahrhundert beidseitig gekürzt wurde.

Habegger: Der Bilderzyklus wurde immer wieder verändert – wir wissen heute nicht präzis, wie die 111 Bildtafeln am Tag des Brands auf der Brücke gehängt waren. Jost Schumacher liess alle 158 Tafeln des ursprünglichen Bilderzyklus kopieren, respektive rekonstruieren – in einem einheitlichen Format. Der Zyklus der Schweizer Geschichte, das Zentrum dieses Bilderzyklus, liesse sich auf der Kapellbrücke aufhängen. Platz dafür hat es genug.

Wie beurteilen Sie die Qualität der in zwei verschiedenen Ateliers entstandenen Bilderkopien?

Habegger: Die Kopien sind von unterschiedlicher Qualität. Jene aus dem Atelier des inzwischen verstorbenen Restaurators Willy Arn sind gut. Auch aus dem anderen Atelier kamen sehr viele gute Kopien; da gibt es aber tatsächlich auch einige weniger gelungene Beispiele. Hier müsste man falls nötig nachbessern.

Auf einigen Kopien seien ganze Figurengruppen, Häuserstellungen und Fensterformen verändert worden, kritisiert Grünenfelder. Stimmt das?

Habegger: Abweichungen gibt es. Kopien und Rekonstruktionen – mögen sie noch so präzis in der Detaildarstellung, in Farbgebung und Ausdruck sein – sind immer eigenständige Interpretationen von Geschichte. Dies macht sie auch durchaus zu einem reizvollen Gegenstand eigener Erkenntnis. Andererseits sind Kopien verpönt – der Kunsthandel fürchtet sie wie der Teufel das Weihwasser.

Sind die Originale in den vergangenen 400 Jahren nicht ständig verändert worden – etwa bei Renovationen?

Habegger: Einige Brückenbilder gingen im Laufe der Zeit verloren, andere wurden ersetzt, übermalt, bei einigen wurden die Stifterwappen verändert. Erst seit rund 100 Jahren begleiten Fachleute die Pflege der Brückenbilder. Vergleiche mit vorhandenen Entwürfen Wägmanns zeigen, wie gross da und dort im einzelnen Bild die Abweichungen sind. Wie ich aber schon sagte: Entscheidend ist nicht das einzelne Bild, sondern die Botschaft des ganzen Bilderzyklus.

Wäre eine Mischform nicht doch denkbar? Nämlich die erhaltenen Originale mit qualitativ guten Kopien zu ergänzen?

Habegger: Die erste Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege 1995 zeigte Möglichkeiten auf, wie die Brandlücken allenfalls geschlossen werden könnten: nämlich durch Schwarz-Weiss-Fotografien, Brunaille- oder Grisaille-Kopien, also Rekonstruktionen in Braun- oder Grautönen. Wir erprobten damals vieles, auch die Frage, ob der «alte» Zyklus durch einen mit Motiven aus unserer Zeit ersetzt werden könnte. Alle Versuche und Überlegungen haben sich in der Praxis als untauglich erwiesen.

Hat die Denkmalkommission die Stadt Luzern demnach schlecht beraten?

Habegger: Die Empfehlungen der Denkmalkommission haben in den letzten zwanzig Jahren wenig Positives ausgelöst. Ihnen fehlte ein solides Fundament über die Entstehung, die Funktion und die Entwicklung der Luzerner Bilderzyklen – sie sind nach wie vor zu starr. Eine Empfehlung folgt getreulich der vorangehenden. Dabei hat sich die Welt in den letzten zwanzig Jahren verändert, auch die Möglichkeiten, wie solche Lücken allenfalls geschlossen werden könnten.

Was meinen Sie mit starr?

Habegger: Ich sage jetzt etwas, das noch nie öffentlich wurde. Nach dem Kapellbrücke-Brand lud der damalige Präsident der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege, der Luzerner André Meyer, Experten nach Luzern ein, um den Umgang mit den Lücken zu erörtern. Unter ihnen war Georg Mörsch, ein Kritiker jeglicher Form von Rekonstruktion. Als sein Gegenpol sollte Michael Petzet, bis 2008 Präsident des Internationalen Rats für Denkmalpflege, dabei sein. Er war als Kunstwissenschaftler beweglich und wäre gegenüber Rekonstruktionen gewiss offener als Mörsch gewesen. Petzet musste kurzfristig absagen – so nutzte Mörsch seine Chance ... Seitdem ist die absolut ablehnende Haltung der Eidgenössischen Denkmalkommission gegenüber den Kapellbrücke-Bilderkopien festgeschrieben.

Wie soll es weitergehen?

Habegger: Ich empfehle: Zurück zum Start, Neues denken und erwägen! Man muss nochmals in aller Ruhe die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abwägen und das Beste daraus machen. Die Lesbarkeit des Bilderzyklus auf der Kapellbrücke ist das wichtige Ziel. Erreicht werden kann es auf verschiedene Arten und Weisen. Der Bilderzyklus ist zunächst für die Luzernerinnen und Luzerner da. Ich erinnere mich gut an den Tag nach dem Brand 1993. Spontan meldeten sich telefonisch Leute, die nun auf dem Weg über die Kapellbrücke «ihr» Brückenbild vermissten, das ihnen über die Jahre ans Herz gewachsen war.

Bei der Abstimmung am 30. November gehts einzig darum, wer das Sagen über die Bilder-Hängeordnung haben soll – wie bisher der Stadtrat oder neu das Parlament. Ihre Meinung?

Habegger: Mit etwas mehr Fingerspitzengefühl, mehr Offenheit zum Diskurs und politischer Klugheit in den letzten zehn Jahren hätte man die Stimmberechtigten davor bewahren können, über diese Frage an der Urne entscheiden zu müssen.

Hinweis

Ueli Habegger (69) war von 1991 bis 2000 Kulturbeauftragter, danach bis 2007 Denkmalpfleger der Stadt Luzern. Heute ist er Gutachter und als Dozent für praktische Denkmalpflege an der Berner Architektur-Hochschule tätig. Habegger forscht zu den Luzerner Bilderzyklen.

Am 30. November befinden die Stimmberechtigten der Stadt Luzern über die Initiative der Jungfreisinnigen «Die Bilder gehören auf die Kapellbrücke». Sie wurde im Sommer 2013 mit mehr als 1000 Unterschriften eingereicht. Die Initiative verlangt, dass nicht mehr der Stadtrat, sondern das Stadtparlament (Grosser Stadtrat) über die Bilder-Hängeordnung entscheidet.