KAPELLBRÜCKE: «Jegliche Kopie wertet die Originale ab»

Originale oder Kopien? Für die Denkmalpflegerin des Kantons Luzern ist der Fall klar: Bildkopien gehören nicht auf die Kapellbrücke.

Interview Hugo Bischof
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Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder unter einem Originalbild auf der Luzerner Kapellbrücke. (Bild Dominik Wunderli)

Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder unter einem Originalbild auf der Luzerner Kapellbrücke. (Bild Dominik Wunderli)

Cony Grünenfelder, die kantonale und die eidgenössische Denkmalpflege waren von Anfang an dagegen, Bildkopien auf der Kapellbrücke aufzuhängen. Warum die strikte Ablehnung?

Cony Grünenfelder*: Auf der Brücke sind heute ausschliesslich Bildtafeln zu sehen, die im 17. Jahrhundert in der Werkstatt von Hans Heinrich Wägmann geschaffen wurden. Es besteht keine Notwendigkeit, dieses einmalige und herausragende Kulturgut durch Kopien zu ersetzen. Ein Nebeneinander von Kopien und Originalen würde eine Vermischung von Authentischem und kurzfristiger Mode bringen. Die Betrachter würden getäuscht, sie würden meinen, ein integrales Kulturdenkmal zu sehen, hätten teilweise aber ein Werk des 21. Jahrhunderts vor sich.

Ein Grossteil der Bilder wurde beim Brand 1993 zerstört. Wären die Kopien nicht eine Chance, den Zyklus als Ganzes wieder erlebbar zu machen?

Grünenfelder: Nein, da die Brücke eh zu kurz ist. Sie wurde im 19. Jahrhundert beidseitig gekürzt, deshalb ist es gar nicht möglich, den Bilderzyklus auf der Brücke als Ganzes wieder erlebbar zu machen.

Die Qualität der Kopien sei schlecht, behauptet die Denkmalpflege stets. Hand aufs Herz: Haben Sie alle 146 im Auftrag von Jost Schumacher erstellten Kopien gesehen?

Grünenfelder: Ja, ich sah 2009 alle in der Ausstellung im Kloster Rathausen. Ausserdem habe ich viele davon auch mit den originalen Bildtafeln verglichen.

Und: Sind wirklich alle schlecht?

Grünenfelder: Es geht nicht nur um die künstlerische und maltechnische Qualität der Bilder, sondern auch um Bildinhalte. Über weite Strecken weichen die Kopien von den Originalen ab: Ganze Figurengruppen, Häuserstellungen, Fensterformen und so weiter wurden verändert. Mit der «Schlacht am Morgarten» wurde sogar eine Bildtafel neu geschaffen, die es im Originalzyklus gar nie gab. In diesem Sinne handelt es sich nicht um Kopien, sondern um Bildnacherzählungen.

Gibt es nicht erhebliche Qualitätsunterschiede bei den Kopien? Immerhin wurden sie ja von zwei unterschiedlichen Künstlern erstellt.

Grünenfelder: Ja, es gibt Qualitätsunterschiede zwischen den beiden Künstlern.

Ich behaupte: Nur ein kleiner Teil der Kopien sind wirklich misslungen. Die meisten sind durchaus brauchbar. Teilen Sie diese Meinung?

Grünenfelder: Nein. Die Originale sind einzigartig. Jegliche Kopie wertet sie ab.

Bestünde nicht eine Möglichkeit darin, zumindest die gelungenen Kopien auf der Kapellbrücke aufzuhängen und die missglückten in einem zusätzlichen Schritt neu erstellen zu lassen?

Grünenfelder: Das würde zu einer Art Collage und Vermischung führen, welche eine Abwertung des hochrangigen Bestandes bedeutet. Beim Brand 1993 ging ein Grossteil des Bilderzyklus verloren. Die Bildernacherzählungen können diesen Verlust nicht ungeschehen machen.

Jost Schumacher argumentiert, die Bilder müssten in erster Linie für die Betrachter lesbar sein.

Grünenfelder: Die Lesbarkeit der Bildtafeln in den Giebeldreiecken der Brücke ist schwierig, ob es sich dabei um die Originale oder um die Bildnacherzählungen handelt. Auch die Bildinhalte sind heute für die wenigsten auf Anhieb verständlich. Mehr Farbigkeit und grössere Kontraste machen den Inhalt noch nicht verständlicher. Mit Hilfe neuer Medien stehen uns heute vielfältige Möglichkeiten offen: Die Bildinhalte des gesamten Bildzyklus’ könnten zum Beispiel anhand eines Videobooks verständlich und nachvollziehbar vermittelt werden.

Betrachtet man die Originale aus der Nähe, kann man auch dort weniger geglückte Details erkennen. Auch auf den Originalen sind einige Gesichter plakativ, künstlerisch minderwertig gezeichnet. Was sagen Sie dazu?

Grünenfelder: Insgesamt stellen die Bildtafeln aus der Wägmann-Werkstatt ein einzigartiges Kulturgut dar. Einzelne Retuschen oder Übermalungen, die im Laufe der Zeit dazugekommen sind und nicht der künstlerischen Qualität Wägmanns ebenbürtig sind, mindern die Qualität in keiner Art und Weise.

Die vor rund 400 Jahren entstandenen Originale wurden also mehrfach retuschiert. Kann man da überhaupt noch von Originalen sprechen?

Grünenfelder: Selbstverständlich haben die Jahrhunderte ihre Spuren auf den Bildtafeln hinterlassen. Gerade diese Alterung ist Teil der Geschichtlichkeit. Darin unterscheiden sich die originalen Bilder von den Nacherzählungen, denn Geschichte ist nicht wiederholbar. Es ist gerade etwas Ausserordentliches, dass sich diese Bilder im öffentlichen Raum über die Jahrhunderte erhalten haben.

Das einzig Originale an den Wägmann-Bildern sei das Holzbrett, auf dem sie einst gemalt wurden, hat einmal jemand gesagt. Ist das nicht wahr? Und ist das nicht ein sehr gutes Argument dafür, die zerstörten Bilder durch Kopien zu ersetzen?

Grünenfelder: Nein. Die originalen Bildtafeln wurden im Laufe der Zeit mehrfach restauriert, retuschiert und frisch mit Firnis überzogen. Erst durch diese Pflege haben sie sich bis heute erhalten. Die Bildinhalte sind jedoch über die Jahrhunderte dieselben geblieben. Die Malweise lässt sich mit Hilfe mehrerer Originalzeichnungen von Hans Heinrich Wägmann nachvollziehen. Es ist einmalig, dass sich auf der Brücke vierhundertjährige Bildtafeln erhalten haben.

Auch an der Kapellbrücke selber ist ausser den steinernen Stützen wohl kaum noch etwas original. Warum dennoch dieses Pochen aufs Ori­ginale?

Grünenfelder: Bedingt durch die Witterungseinflüsse bringt der Unterhalt einer Holzbrücke eine periodische Erneuerung mit sich. Über die Jahrhunderte wurden Holzbrücken immer wieder repariert, ergänzt und erneuert. Dieser Umgang mit der Kapellbrücke steht in der Fortschreibung einer langen kulturgeschichtlichen Tradition. Es gibt einen Unterschied zwischen dem je sorgfältigen Erhalt von Holzbrücken, des Wasserturms oder der Bildtafeln. Die Bildtafeln wurden ebenfalls gepflegt, das heisst restauriert, übermalt, mit neuem Firnis überzogen und so weiter.

Wenn man sich so um Originalität bemüht, sollte man eigentlich nur den Wasserturm stehen lassen. Nur dieser ist doch original. Was sagen Sie dazu?

Grünenfelder: Der Wiederaufbau der Brücke erfolgte aus einer Notwendigkeit und der Betroffenheit nach dem Brand heraus und erfolgte mit hoher handwerklicher Qualität im Erbe der jahrhundertealten Tradition von Bau und Unterhalt. Der Brand gehört zur Geschichte dieses Denkmals und lässt sich nicht ungeschehen machen. In diesem Kontext gewinnen die Bilder, die den Brand überstanden haben, sogar noch an Bedeutung.

Bei der Initiative, über die am 30. November abgestimmt wird, geht es nicht direkt um Original oder Kopien. Es geht nur darum, wer künftig über die Bilder-Hängeordnung auf der Kapellbrücke entscheiden darf – wie bisher der Stadtrat oder neu das Stadtparlament. Ihre Meinung?

Grünenfelder: Die heutige Hängeordnung wurde 2002 auf Antrag des Stadtrates vom Stadtparlament beschlossen und 2010 bestätigt. Die Haltung des Stadtrates betreffend Hängeordnung wurde vom Parlament immer gestützt. Vor diesem Hintergrund besteht kein Handlungsbedarf.

Falls nun das Parlament sich dereinst für Kopien auf der Brücke entscheiden würde, was würde dann die Denkmalpflege dazu sagen?

Grünenfelder: Das Volk hat in verschiedenen Bereichen die Zuständigkeit an Fachgremien delegiert, so auch den Umgang mit den geschützten Kulturdenkmälern. Nachdem es sich bei der Kapellbrücke um ein Denkmal von nationaler Bedeutung handelt, ist die Zustimmung von Bund und Kanton unabdingbar.

Wer hat das letzte Wort: das Parlament oder die Denkmalpflege? Oder bräuchte es einen Volksentscheid?

Grünenfelder: Gegenfrage: Sollen wir überall, wo wir mit der Meinung der legitimierten Fachgremien nicht einverstanden sind – sei es im Verkehr oder bei der Bankenaufsicht – zum Volksentscheid greifen?

Hinweis

* Cony Grünenfelder (51) ist kantonale Denkmalpflegerin. Sie sass bis 2007 für die Grünen im Grossen Stadtrat.