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KAPELLBRÜCKE: Verbrannte Bilder werden wieder sichtbar

Die Stadt wollte Jost Schumachers Kopien der Giebelbilder nicht. Nun kommen sie dank zwei Emmer Lehrern doch noch zu Ehren – virtuell.
Hugo Bischof
Dank einem E-Book können Interessierte bald die Kapellbrückenbilder anschauen. Hier zeigt es auf einem Tablet die Bildtafel 9 «Bannerträger von Willisau mit seiner Stadt» (Kopie). (Bild Nadia Schärli)

Dank einem E-Book können Interessierte bald die Kapellbrückenbilder anschauen. Hier zeigt es auf einem Tablet die Bildtafel 9 «Bannerträger von Willisau mit seiner Stadt» (Kopie). (Bild Nadia Schärli)

Hugo Bischof

Mit Smartphone oder Tablet über die Luzerner Kapellbrücke spazieren und die fehlenden Giebelbilder zur Luzerner und zur Schweizer Geschichte wenigstens virtuell anschauen: Das soll in Kürze möglich sein – dank den beiden Emmer Sekundarschullehrern Heinz Schürmann (64) und Klemens Vogel (56). Sie haben ein interaktives E-Book entwickelt, auf dem die Kapellbrückenbilder inklusive Text-Infos angeklickt werden können. Ab 8. August wird es erhältlich sein (siehe Hinweis). Schürmann und Vogel kommen damit der städtischen Denkmalpflege zuvor, die ein ähnliches Projekt plant.

Was tun nach dem Brand 1993?

Es war ein jahrelanges Werweissen und Ringen um den Bilderschmuck auf der Kapellbrücke. Die Misere begann in einer lauschigen Augustnacht 1993, als Luzerns 650-jähriges hölzernes Wahrzeichen und mit ihm ein Grossteil der rund 400-jährigen dreieckigen Giebelbilder fast vollständig verbrannten. Von den 111 zur Zeit des Brands auf der Brücke hängenden Bildtafeln blieben nur 25 unversehrt. Die Brücke selber war rasch wieder aufgebaut. Holz ist Holz – ob vor Hunderten von Jahren oder heute gewachsen, ein Unterschied ist da nicht zu erkennen. Ein Gemälde ist da schon etwas ganz anderes.

Was tun? Die erhaltenen Originalbilder auf der Brücke lassen? Die verbrannten Bilder durch Kopien ersetzen oder die Lücken frei lassen? Einen neuen Bilderzyklus malen lassen? Die Meinungen waren geteilt. Luzerns Stadtrat entschied sich radikal denkmalschützerisch: Nur Originale, keine Kopien dürfen auf die Brücke. So wurde 2002 die Hängeordnung auf der Kapellbrücke festgelegt:

  • An beiden Brückenköpfen werden jene Giebelbilder präsentiert, welche die Brandkatastrophe von 1993 überstanden haben und seither konserviert und restauriert worden sind.
  • In der Brückenmitte wird neu derzuvor grösstenteils in einem Magazin eingelagerteOriginalzyklus des heiligen Mauritius (26 Bildtafeln) gezeigt.
  • Die Joche zwischen den beiden Brückenköpfen und dem Mauritius-Zyklus bleiben leer – als Mahnmal und Erinnerung an den Brand 1993.

Volksentscheid gegen Bilderkopien

Der Luzerner Rechtsanwalt Jost Schumacher, dessen Vorfahren einst selber einige der Originalbrückenbilder gestiftet hatten, war damit nicht einverstanden. Er liess Kopien sämtlicher 146 bekannten Kapellbrückenbilder anfertigen – auf eigene Kosten, für rund 2 Millionen Franken. Die Kopien sollten auf der Brücke aufgehängt werden, damit Passanten die Bildzyklen wieder in ihrer Ganzheit würden erkennen können.

Luzerns Stadtrat lehnte das Geschenk nach Rücksprache mit der Denkmalpflege ab. Bildkopien auf der Kapellbrücke seien undenkbar; einige Kopien seien zudem qualitativ «mangelhaft». Obwohl Schumacher «Nachbesserung» versprach, blieb der Stadtrat hart. Im Dezember 2014 erhielt der Stadtrat auch Support von der Stadtbevölkerung. Eine Initiative der Jungfreisinnigen, die den Weg für Kopien auf der Kapellbrücke frei machen wollte, wurde mit 55 Prozent Nein-Stimmen «reussab» geschickt.

Buch entfachte Diskussion neu

Neu entfacht wurde die Debatte im September 2015 durch das im Badener Verlag Hier und Jetzt erschienene zweibändige Buch «Die Bilder der Kapellbrücke in Luzern» des Luzerner Historikers Heinz Horat. Dieser ordnete die Fakten um die Kapellbrückenbilder neu und ergänzte sie um neue Erkenntnisse (siehe Kasten). Und vor allem: In Horats Buch sind Fotos aller Original-Kapellbrückenbilder abgedruckt. Zu verdanken ist dies einem Zufall: Sämtliche Bilder waren 1991, just zwei Jahre vor dem Brand, professionell fotografiert worden.

Die Stadt nutzte die Gunst der Stunde und kündigte an, eine Website zu gestalten. Darauf sollte das in Horats Buch enthaltene Text- und Bildmaterial digital aufbereitet werden, «um es einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen», sagte Stadträtin Manuela Jost. Ziel: die Bilder und Infos auf Smartphones und Tablets abrufbar machen. Möglich sein werde dies «frühestens 2018», liess das städtische Ressort Denkmalpflege und Kulturgüterschutz verlauten.

«Schneller realisierbar»

Spätestens hier nun kommen die beiden Emmer Sek-Lehrer ins Spiel. «Wir sagten uns, so etwas braucht es rascher, und so etwas ist schneller realisierbar», erklärt Klemens Vogel. Sein Kollege Heinz Schürmann ergänzt: «Es geht darum, die auf den alten Bildern dargestellten Geschichten wieder erkenn- und erlebbar zu machen. In ihnen erfährt man sehr viel über die Geschichte Luzerns und der alten Schweiz. Darum ist ein solches Angebot zwingend.»

Die beiden Lehrer haben während 16 Jahren im Schulhaus Erlen in Emmenbrücke parallel Sekundarklassen unterrichtet – Schürmann die Fächer Deutsch, Französisch und Geschichte, Vogel die Fächer Mathematik, Geografie und Naturlehre. Schürmann ist seit einem Jahr pensioniert. Vogel entwickelt in seiner Freizeit schon seit Jahren E-Books – bisher vor allem zu naturwissenschaftlichen Themen.

Schumacher-Kopien verwendet

Das Kapellbrückenbilder-E-Book ist ihr erstes gemeinsames Projekt. «Wir sind vor einem Jahr zu Jost Schumacher gegangen und fragten ihn, ob wir Fotos seiner Kapellbrückenbilder-Kopien sowie die dazu gehörenden Text- und Tondokumente verwenden dürften», erzählt Vogel. «Schumacher hat sofort zugesagt und für die Verwendung seiner Bilder auch kein Geld verlangt.» Warum aber nicht gleich die Fotos der Originale aus Horats Buch? Die Antwort von Vogel: «Die Kopien sind heller, farblich klarer und viel deutlicher erkennbar als die Originale, die doch häufig recht düster erscheinen.» Ganz abgesehen davon, dass der nötige Erwerb der Bildrechte das Projekt um Jahre verzögert hätte.

Was sagen die E-Book-Macher zur angeblich mangelhaften Qualität einiger Kopien? Schürmann: «Natürlich erkennt man in Details kleinere Unterschiede zwischen Original und Kopie. Aber das ist unwesentlich. Wesentlich ist, dass der Bildinhalt für den Betrachter nachvollziehbar ist.» Sie verweisen auf die auch von Experten immer wieder betonte Tatsache, dass die Originale im Lauf der Jahrhunderte oft retuschiert und leicht verändert wurden.

Einfache Handhabung

Schürmann und Vogel demonstrieren die Handhabung des Kapellbrückenbilder-E-Books. Es ist ganz einfach: Bilder antippen, mit der Zoom-Funktion auf einzelne Gegenstände oder Personen fokussieren, Text-Infos anklicken. Bei den Texten stützen sich die Initianten auf die seit längerem bekannten Fakten, aber auch auf das umfangreiche Material aus dem neuen Buch von Heinz Horat sowie eine Schrift, welche die Kunsthistorikerin Sabina Kumschik im Auftrag von Jost Schumacher erstellte.

Für ihr Kapellbrückenbilder-E-Book haben Schürmann und Vogel unzählige Freizeitstunden aufgewendet. Rund 20 000 Franken kostet laut Vogel die Produktion eines interaktiven E-Books. Einen Investor für das Projekt haben sie nicht.

Zwischen 1614 und 1625 entstanden

Kapellbrückenbilderhb. Fast alle der ursprünglich etwa 150 Bilder auf der Kapellbrücke – einige gingen im Lauf der Zeit verloren, andere kamen dazu – sind zwischen 1614 und 1625 entstanden. Das Bildprogramm entwarf der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat ab 1586. Die meisten Gemälde schuf der damals bedeutendste Luzerner Maler Hans Heinrich Wägmann. Gemäss dem 2015 im Verlag «Hier und Jetzt» erschienenen zweibändigen Buch «Die Bilder der Kapellbrücke in Luzern» von Heinz Horat stellten die 76 Bildtafeln ausgehend vom linken Reussufer landesgeschichtliche Szenen dar.

Hommage an den König

Vom rechten Reussufer her wurde mit 40 Tafeln das Leben des heiligen Leodegar und anschliessend auf 29 Tafeln die Legende des zweiten Stadtheiligen Mauritius erzählt. Horat: «Die Darstellung des französischen Heiligen Leodegar war eine Hommage an den französischen König, in dessen Solddienst damals viele Luzerner standen.» Die Würdigung des im Wallis hingerichteten Thebäerheiligen Mauritius bezog sich direkt auf den wichtigen katholischen Bündnispartner Savoyen, dessen Herzöge den Mauritiusorden begründet und in gegenreformatorischer Absicht erneuert hatten.

Hinweis

Das E-Book ist ab dem 8. August im iBooks-Store erhältlich und kostet 9 Franken.

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