KATHOLIKEN: Generation von Würdenträgern tritt ab

Gleich mehrere Priester von wichtigen Stadtluzerner Kirchen und Pfarreien gehen demnächst in Pension. Fest steht: Ihr Abgang wird den Alltag in den Pfarreien massiv verändern.

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Sie werden ihre Pfarreien bald verlassen (von links): Hansruedi Kleiber (Jesuitenkirche), Beat Jung (Hofkirche), Leopold Kaiser (Pauluskirche) und Alois Metz (St. Johannes). (Bild: Pius Amrein/Boris Bürgisser/Roger Grütter)

Sie werden ihre Pfarreien bald verlassen (von links): Hansruedi Kleiber (Jesuitenkirche), Beat Jung (Hofkirche), Leopold Kaiser (Pauluskirche) und Alois Metz (St. Johannes). (Bild: Pius Amrein/Boris Bürgisser/Roger Grütter)

Remo Wiegand

Kürzlich erhielten gut 180 Mitarbeitende des Luzerner Pastoralraums ein Mail mit gewichtigem Inhalt: Die Leitung des Pastoralraums, dem die acht Stadtluzerner Pfarreien angehören, kündet darin einen Prozess an, den sie bis 2018 gehen möchte. Der Kern des Vorhabens: eine Reduktion der Anzahl Pfarreien im Luzerner Pastoralraum von heute acht auf noch deren zwei bis drei.

Ein wesentlicher Grund des Vorhabens ist die prekäre Personalsituation der katholischen Kirche. «Im Moment halten wir strukturell eine Fassade aufrecht», sagt Hansruedi Kleiber, Leiter des Pastoralraums und Präfekt der Jesuitenkirche. Jedes Mal, wenn eine Stelle für einen Theologen oder eine Theologin neu besetzt werden muss, beginnt das grosse Zittern, ob überhaupt eine geeignete Kandidatin gefunden wird. Jetzt soll eine Struktur geschaffen werden, die der personellen Realität entspricht.

Luzern verliert Vaterfiguren

In der Stadt Luzern ist die Lage derzeit besonders prekär, da – nach einer Phase längerer Konstanz an der Spitze der Pfarreien – gleich mehrere Abgänge anstehen. Sie betreffen eigentliche Vaterfiguren, die ihre Pfarreien lange prägten: Schon länger bekannt sind die Abgänge von Hofkirchen-Pfarrer Beat Jung (mit Ruedi Beck wurde nach langer Suche ein Nachfolger gefunden, Ausgabe vom 14. April) und Gemeindeleiter Alois Metz von der Pfarrei St. Johannes. Absehbar ist der Rücktritt von Pfarrer Leopold Kaiser von der Pauluspfarrei, der nächstes Jahr 70 wird. Das Pensionsalter bereits überschritten hat auch Hansruedi Kleiber. Auf Bitten des Bischofs hin hat er aber zugesichert, bis 2018 Pastoralraum-Leiter zu bleiben – bis die neuen, grösseren Pfarreien im Trockenen sind.

Dass es zu Pfarreifusionen kommen wird, ist angesichts des Personalmangels beschlossene Sache. Dennoch soll der Prozess dahin ein offener sein. «Wir haben keine Patentrezepte für die Zukunft der Kirche», sagt Kleiber, «wir sind auf ein Echo angewiesen.» Zu diesem Zweck werden nun zwei rund 15 Personen grosse Projektgruppen gebildet, eine links der Reuss, eine rechts der Reuss (inklusive der Pfarrei St. Karl). Dort diskutieren ab Herbst 2015 Mitarbeitende, Pfarreirätinnen bis hin zu «Institutionsfernen» über die Anzahl und die Form der neuen Pfarreien – wobei die zwei so genannten Koordinationskreise einst auch die neuen Pfarreigrenzen bilden könnten.

Skepsis an der Basis

Hauptziel des Prozesses ist für Kleiber ein «spiritueller Aufschwung» mitsamt einer stärkeren Beteiligung der Laien am Kirchenleben. Ob es dazu kommt, ist indes unsicher. Die Luzerner Kirchenleitung wäre nicht die erste, die eine Personalkrise zur Chance für eine lebendigere Laienkirche umdeutet, ohne bei der Basis damit anzukommen. Dort ist der Verdacht weit verbreitet, dass Pfarreifusionen nur dazu dienen, aufgeblasene Grossräume mit einem Pfarrer an der Spitze zu bilden, um dem Kirchenrecht Genüge zu tun. «Ich glaube nicht an diesen Weg», sagt zum Beispiel Irène Studer, die neun Jahre lang den Pfarreirat von St. Johannes präsidierte. Kirche, argumentiert die Lebensmittelingenieurin, bestehe aus Menschen, die sich vor Ort engagieren. Die Schaffung immer grösserer und anonymerer Pfarreiräume fördere dagegen eine kirchliche Konsummentalität. Studer plädiert für den Mut zur Lücke: «Wenn keine Theologen mehr da sind, sind eben wir Laien mehr gefordert!»

Auch für viele kirchliche Mitarbeitende ist die heutige Pfarreiform noch nicht gegessen. Gerade für Jugendliche sei die Identifizierung mit einem konkreten Ort sehr wichtig, sagt Jugendseelsorgerin Claudia Corbino, die für die Pfarrei St. Paul, aber auch pfarreiübergreifend arbeitet. «Wir machen die Erfahrung, dass Jugendliche weniger mobil sind, als es oft dargestellt wird.» Es sei zentral, dass sie Pfarreihäuser vorfänden, in denen Menschen möglichst konstant für sie da seien. Mit diesen Leitfiguren im Hintergrund seien Jugendliche zu sehr viel Engagement zu bewegen. Dass sich Laien finden liessen, die diese Verbindlichkeit aufbringen, bezweifelt Corbino.

«Standorte» statt Pfarreien

Hansruedi Kleiber legt Wert darauf, dass die bisherigen Pfarreien, die neu «Standorte» heissen sollen, nicht einfach aufgegeben würden. «Dort soll weiter kirchliches Leben stattfinden, auch pastorale Mitarbeiter werden vor Ort sein», sagt Kleiber. Aber: «Diese ‹Standorte› bieten nicht mehr das ganze kirchliche Grundangebot an.» Will heissen: Sie sollen je nach Mitarbeitenden und je nach Initiative der Gläubigen ihre eigenen Schwerpunkte setzen: hier ein Jugendraum, dort eine Gebetsgruppe, hier ein Seniorentreff. Eucharistiefeiern oder Übergangsriten wie die Erstkommunion oder die Firmung sollen hingegen in den neuen Pfarreien zentralisiert werden.

Der Pfarreiumbau sei für alle Beteiligten eine «grosse Herausforderung», gibt Kleiber zu. Die Gläubigen seien vermehrt gefordert, Verantwortung zu übernehmen statt sich hinter den Hauptamtlichen zu verstecken. Diese müssten ihrerseits lernen, Freiwillige in ihrem Tun zu ermächtigen statt dem eigenen Aktivismus zu frönen. Letzteres sei für Mitarbeitende bisweilen nicht einfach. Es löse Sorgen aus, ob man in der Kirche überhaupt noch gebraucht werde – bis hin zur Angst um den Arbeitsplatz. Kleiber versucht zu beruhigen: «Diese Ängste gab es schon 2009, als der Pastoralraum entstand. Wie damals glaube ich auch jetzt nicht, dass es zu Entlassungen kommt.»