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KATHOLISCHE KIRCHE: Ruedi Heim hat so manchem Sturm die Stirn geboten

Mitte Januar tritt Bischofsvikar Ruedi Heim (50) ab. Nach 14 Jahren blickt er auf eine Pfarreilandschaft zurück, die er regelrecht umgekrempelt hat, und erzählt, weshalb er für die Theologie einst das Medizinstudium hat sausen lassen.
Evelyne Fischer
Ruedi Heim (50) auf der Terrasse der Landeskirche, mit Blick aufs Luzerner Seebecken. (Bild: Nadia Schärli (3. Januar 2018))

Ruedi Heim (50) auf der Terrasse der Landeskirche, mit Blick aufs Luzerner Seebecken. (Bild: Nadia Schärli (3. Januar 2018))

Die Sehnsucht nach einem Daheim lässt ihn in die Ferne ziehen: Mitte Monat verabschiedet sich Bischofsvikar Ruedi Heim von der Bistumsregion St. Viktor, der die Kantone Luzern, Zug, Schaffhausen und Thurgau angehören. 14 Jahre agierte er als Scharnier zwischen Bistum und Kanton, rekrutierte Seelsorgepersonal, vermittelte. 30 000 Kilometer legte er jährlich in seinem Alfa Romeo zurück, viele Stunden im Zug kamen dazu. Ab 1. März wird Heim Co-Leiter des katholischen Dekanats der Region Bern – 66 000 Gläubige in 15 Pfarreien und zwei fremdsprachigen Missionen.

Heim hat in den letzten Jahren auch viel Zeit im Büro verbracht. «Mit viel Schönem und manchem Ärger», sagt er. «Es ist mir gelungen, das Miteinander zwischen Kirchgemeinden und Pfarreien zu stärken, das Bewusstsein fürs Bistum zu fördern.» Er habe die Zusammenarbeit mit dem Synodalrat, der Exekutive der Landeskirche, geschätzt. Je länger, je mehr habe ihm aber eine «eigene Kirche» gefehlt – trotz gegen 40 Firmungen jährlich, Taufen und Hochzeiten. Als ihm Bischof Felix Gmür einen Wechsel nahelegte – Sesselkleber will das Bistum verhindern –, habe das für ihn Sinn gemacht. Ernannt gewesen wäre er bis 2019. Nachfolger wird Hanspeter Wasmer. Seit 2004 leitet dieser die Pfarrei St. Pius in Meggen, seit 2015 den Pastoralraum Meggerwald-Pfarreien.

Vom Ministranten zum Feldprediger

Ruedi Heim kommt am Weihnachtstag 1967 im Thurgau zur Welt. Die Kirche begleitet ihn bereits als Ministranten und Jungwächtler; fürs Priesterseminar fühlt er sich nach der Matura aber noch zu jung. Er studiert zwei Jahre Medizin, rasselt durch Prüfungen. «Also hörte ich auf, bevor man mich rausschmiss.» Heim geht ins Militär, ist später Feld­prediger im Range eines Hauptmanns, erscheint zu Sitzungen schon mal im Tarnanzug.

Auf das abgebrochene Medizinstudium folgen Philosophie und Theologie in Freiburg und Rom. «Hätte ich mich in dieser Zeit verliebt, wäre es schwierig geworden.» Mit 29 wird er zum Priester geweiht, mit 36 zum Bischofsvikar bestellt. 2010 gilt er gar als Bischofskandidat. «Ich war froh, klingelte am Wahltag das Telefon nicht bei mir», so Heim. «Einige hätten es wohl stets besser gewusst. Auch hätte die bischöfliche Agenda für Privates kaum Zeit gelassen.»

Freiräume sind ihm wichtig. Beim Treffen fällt Heims Teint auf – Wintersonnenbräune vom Skifahren und Aushelfen im Südtirol. Im weissen Hemd und in der schwarzen Röhrlijeans gibt er sich leger. Andernorts zeigt er sich im Römerkragen, ist zurückhaltend, wenn es um die Frage geht, ob Frauen in der Kirche eine bedeutendere Rolle sollen einnehmen können, als der Papst ihnen zugesteht. Angesprochen auf die in Luzern wohnhafte Theologin Jacqueline Straub, die sich anschickt, die erste katholische Priesterin zu werden, sagt er: «Die Zölibatsverpflichtung wird wohl vorher fallen, bevor Frauen die Weihe empfangen können.»

Am Tag des Gesprächs fegt «Burglind» übers Land. Stürme hat Ruedi Heim in seinen 14 Jahren als Bischofsvikar so manche erlebt – im übertragenen Sinn. «Schlecht schlafen liessen mich nur wenige», sagt er. Ein Ereignis aber liess ihn kein Auge zutun. 2012 förderten zwei Studien zu Tage, worüber Jahrzehnte geschwiegen wurde: Zwischen 1930 und 1970 kam es in kirchlich geführten Kinderheimen im Kanton zu teils massiven Misshandlungen. «Etwas Schmerzhafteres kann man sich nicht vorstellen», sagt Heim, deutet auf die Unterlagen im Regal. Ein Bündel Akten im Schnellhefter als Mahnmal. «Dass es diese Missbrauchsfälle gegeben hat, wollte ich erst nicht glauben», sagt Heim. «Es lag mir viel daran, über das Verdrängte zu sprechen und um Entschuldigung zu bitten.»

Er hoffte damals, man lerne aus solchen Fehlern. Wie schnell der Mechanismus des Leugnens wieder einsetzt, musste er kürzlich im Fall des Grosshof-Gefängnisseelsorgers erkennen, der wegen mehrfacher Begünstigung und versuchter sexueller Handlungen verurteilt wurde. Heim: «Im betroffenen Pastoralraum wollten dies einige nicht wahr­haben, bewarfen mich regelrecht mit Dreck.»

«Ich bin wohl einigen auf die Zehen getreten»

Ein steifer Wind wehte Bischofsvikar Ruedi Heim auch in gewissen Luzerner Pfarreien entgegen, die er zu Pastoralräumen zusammenführen wollte (siehe Kasten). Ursprünglich hätten die ange­peilten 25 Einheiten bis Sommer 2016 errichtet werden sollen, später wurde die Frist bis 2018 verlängert. Heute sagt Heim: «Mein Nachfolger dürfte das Ziel von 25 Pastoralräumen in den nächsten fünf Jahren erreichen.» Sieht er diese Verzögerung als Scheitern? Er schüttelt den Kopf. «Der Fahrplan war ambitiös.» Er habe diese Aufgabe angetreten, «das Beste» gegeben. «Ich bin wohl einigen mit meiner direkten und bisweilen ungeduldigen Art auf die Zehen getreten», sagt Heim. «Gleichzeitig musste ich viele von der Allmachtsfantasie abbringen, dass ein Bischofsvikar alles durchsetzen kann.» Er sei noch immer überzeugt, dass das Unterfangen Sinn mache. «Erst wenn die Strukturen stehen, lassen sich Inhalte neu gestalten. Und dass die Kirche ihr Gesicht verändert, ist für die Zukunft zwingend nötig.»

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

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